Marianengraben

Manchmal passieren dir Dinge, die dir den Boden unter den Füßen wegziehen. Die deine Welt auf den Kopf stellen, alles durcheinander bringen. Du verlierst deinen Job, ein geliebter Mensch wird krank oder jemand greift nach dir, spielt unbedacht mit deinen Gefühlen und schleudert dich weit ins offene raue Meer hinaus — und du sinkst herunter.

Der Tiefpunkt. Dein persönlicher Marianengraben, 11000 Meter. Der Druck steigt, es kommt kein Licht mehr an, du weißt nicht, wo oben oder unten ist. Und dann sitzt du da — geschockt. Wie konnte das passieren? Gerade warst du doch noch oben… es ist nicht fair. Du hast dir das nicht ausgesucht. Du bist nicht gesprungen, du wolltest hier nicht hin. Du klammerst dich an das “Vorher” und bist nicht in der Lage, dich zu orientieren oder auch nur einen Schwimmzug zu tun. Doch es ist nicht nur dunkel, sondern auch kalt.

Deine Arme und Beine werden schwer, dein Herz schlägt langsamer. Wenn du unten bleibst, verlischst du. Du musst hoch. Du musst.

Zitternd machst du dich an den Aufstieg. Zug um Zug. Fünf Meter. Dekompressionsstop. Mehrere Stunden pendelst du in derselben Tiefe, denkst über den Schicksalsschlag nach, der dich hier her gebracht hat. Umkreist mit den Gedanken die Krankheit.

Zwei Meter. Wieder Pause. Du bist wütend, weil es nicht fair ist. Du rebellierst, willst schreien. Willst mit den Fäusten gegen die Brust der Person trommeln, die dir das angetan hat. Ein bisschen Selbstmitleid. Ein bisschen Wut. Alles gemischt. Deine Augen brennen vom Meerwasser, du fühlst dich einsam, isoliert. Kein Geräusch dringt an dein Ohr. Du bist hier, und alle anderen Menschen sind woanders.

Nach ein paar Tagen hast du die ersten 50 Meter geschafft. Um dich herum hat sich nicht viel geändert. Es ist dunkel und kalt. Der Druck immer noch unerträglich. Du hast das Gefühl, das bringt doch alles nichts. Willst aufgeben, ist doch egal. Du bist ein Versager, kannst doch eh nichts. Klar, dass du da unten gelandet bist. Du bist nicht aufmerksam genug, nicht spannend genug, nicht schön genug, nicht gut genug ausgebildet. Du hättest ihr sagen sollen, dass sie zur Vorsorge soll, sie ist doch schon über 50. Du bist Schuld. Stumpf machst du dich an den nächsten Meter.

Du pendelst mittlerweile in 10000 Meter Tiefe. Du hast Routine. Aufsteigen, warten, Dekompressionsstop. Wieder aufsteigen. Mechanisch arbeitest du an deinem Aufstieg, weißt nicht wieso, ist auch egal, es ist ein Selbstzweck geworden. Was soll sich schon ändern, ist doch Wurst. Aber so bist du wenigstens beschäftigt. Manchmal kommen seltsame Kreaturen und nagen dich an, bereiten dir Schmerzen. Du hast Angst, weil du sie nicht sehen kannst, sie wollen dich am Aufstieg hindern, du schüttelst sie ab. Hätte er sich doch nur mehr angestrengt. Hätte er doch nicht jetzt schon aufgegeben, sondern sich wirklich geöffnet. Ihr hättet noch viel reißen können, das weißt du. Aber er wollte nicht. War zu schwach. Schleuderte dich weg.

8500 Meter. Dich stellt doch eh keiner ein, denkst du dir beim nächsten Stop. So einen guten Job findest du nie wieder, und was ist, wenn du es wieder in den Sand setzt? Selbst das hier kriegst du nicht hin. Du tauchst seit Wochen auf und doch befindest du dich immer noch in der tiefsten Meereszone. Alles gleich, auch egal. Lustlos suchst du weiter nach Stellenangeboten.

5500 Meter. Abyssopelagial. Ein Tiefsee-Anglerfisch schwimmt träge an dir vorbei, wenigstens hat er Licht, denkst du. Du vermisst Licht. Licht war, wie du in seiner Armkuhle lagst und er dir über den Kopf strich. Licht war, wie deine Nase an seine stuppste oder er dich mit den schrecklichsten Kosenamen der Welt piesackte. Licht war das Grün seiner Augen, das manchmal grau erschien. Wie er sie schloss, wenn du mit deinen Fingern durch sein Gesicht spazieren liefst. Jetzt ist alles nur noch dunkel und du hast nur noch diese Funzel, die an einem gruseligen Horror-Fisch hängt. Fuck. Kannste eigentlich gleich wieder abtauchen.

2000 Meter. Unsinn, du musst da durch. Schmerz kennt keine Abkürzung. Bald hast du die Tiefsee hinter dir gelassen. Es wird wärmer, die Fische um dich herum leuchten. Eigentlich kannst du nichts dafür, dass sie nicht zur Vorsorge gegangen ist. Niemand kann etwas dafür, oder? Du kannst sie jetzt nur noch unterstützen, den schweren Weg mit ihr gehen. Aber hast du genug Kraft dafür? Was ist, wenn nicht?

800 Meter. Die Tiefsee liegt hinter dir. Das Wasser um dich herum ist heller. Du bist unendlich müde vom Aufstieg. Monatelang arbeitest du daran. Der Kellnerjob schlaucht dich, aber immerhin kommt so wieder Geld ins Haus. Du überlegst, dich für einen Sprachkurs einzuschreiben. Deine Skills werden in Schweden gesucht, du willst die Sprachbarriere niederreißen. Irgendwie muss es doch vorangehen, oder? Vielleicht mal versuchen…

200 Meter. Du siehst das Sonnenlicht. Es macht keinen Sinn, jemandem hinterherzulaufen, der einen nicht will. Wenn ich einen Koffer voller Geld habe, gehe ich doch auch nicht zu jemandem hin und zwinge ihn, den Koffer anzunehmen. Wenn er ihn nicht will, dann halt nicht. Ist zwar verrückt, aber was soll’s? Sein Pech. Entgeht ihm halt was. Dir wird klar, dass du dich an jemanden verschleuderst, der dich gar nicht richtig sieht. Er ruft dich jetzt öfter an, aber du gehst nicht ans Telefon. Er hat erkannt, dass er einen Fehler gemacht hat. Er will dich zurück. Du ignorierst es, es ist zu spät. Sein Name auf dem Display tut immer noch weh und die Zahnbürste steht immer noch im Zahnputzbecher. Irgendwann wirfst du sie weg, denkst du. Bald.

8 Meter. Du bist überwältigt vom Licht über dir. Das Salz deiner Tränen mischt sich mit dem des Meeres. Du denkst an die 10992 Meter, die hinter dir liegen. Du fühlst dich kraftlos, es ist alles so schwer, aber bald ist es geschafft, oder? Wieso schlägt die verdammte Therapie so langsam an? Aber du bist tapfer und gibst ihr so viel, sagt sie. Du bist ihr Fels in der Brandung, ihr Licht. Dir wird warm.

6 Meter. Du hast dein erstes Buch auf schwedisch gelesen. Du schreibst Bewerbungen und wartest nervös an deinem E-Mail-Programm. Werden sie dich nehmen? Acht Absagen flattern ins Haus. Du fühlst dich niedergeschlagen. Da kommt plötzlich noch eine E-Mail rein. Du liest sie und googelst nach Umzugsunternehmen.

5 Meter. Der letzte Dekompressionsstop. Die Zahnbürste ist längst entsorgt, auf der letzten WG-Party hast du einen großen bärtigen Mann kennengelernt mit freundlichen Augen und seltsamen Tattoos. Ihr mögt beide Harry Potter und du stehst im Bad und machst dich bereit für ein nächtliches Date auf dem Spielplatz. Kurz denkst du an deinen letzten Menschen und wie es war, als ihr auf dem Spielplatz wart. Es tut ein bisschen weh, daran zu denken. Wird es vermutlich immer. Das ist der Phantomschmerz von etwas, das nicht mehr da ist. Kurz schließt du die Augen und lässt die Schmerzwelle über dich hinweg schwappen. Du freust dich auf die Verabredung, freust dich auf den neuen Menschen. Dein Herz ist hungrig.

0 Meter. Dein Kopf stößt durch die Wasseroberfläche.

Ursprünglich publiziert auf: lavievagabonde.de

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