Meine Heimat ohne Mund: “gedrucktes Wort verbrennt man nicht”

Ungarn macht zur Zeit durchgehend Negativschlagzeilen. Mehr als das bereits stark angekratzte Image des Landes leidet jedoch der Journalismus. Ein Erfahrungsbericht.

Und in Begleitung verschleierter Flaggen
die Helden einem vereinten Grabe verleiht,
die für dich starben, du heilige Weltfreiheit!
- Petőfi, 1846, “Ein Gedanke tut mir weh”

Helden kämpfen um die Freiheit; die des Volkes, der Wahrheit, der Meinung — mit diesem Gedanken bin ich aufgewachsen. Er gehört zu mir als Ungarin, als Deutsche, wie Bier und Schnitzel; gulyás und palacsinta. Heute sind die Journalisten diese Helden. Sie kämpfen in Ungarn um jedes freie Wort.

Es war diesen Sommer in 2016, als ich wieder die lange Reise — über München, Budapest und Miskolc — in das winzige Dorf unternahm, in dem meine inzwischen 74 Jahre alte Oma lebt; eine kleine Frau im blauen Hauskittel mit weißen, krausen Haaren. In ihrem Gesicht die gemeisterten Herausforderungen des Lebens tief eingekerbt, kräuselte sie lediglich den Mund, als ich sie nach ihrem Alltag fragte.
“Ich schaue den ganzen Tag fern; in den Garten kann und will ich nicht mehr. Es ist traurig die Verwilderung zu sehen, wenn man weiß, dass man nichts dagegen tun kann”
Als ich mich erkundigte, was sie denn schaute, erwiderte sie:
“Hauptsächlich alte Filme — denen kann ich leicht folgen und muss nicht so sehr aufpassen”
“Und Nachrichten?”, fragte ich. Sie lachte mich erbarmungslos aus. 
“Nein. Da gibt es nichts zu sehen”

Ich unternahm einen Selbstversuch und setzte mich am Abend, mit drei-vier Palatschinken à-la Omas Liebe vor den Fernseher. Ein uraltes Röhrending, das aber selbst mit all den Jahren auf dem Buckel pflichtbewusster arbeitet, als die Redakteure und Produzenten der Abendnachrichten.
Pandababies, Familienfehden, ein Einbruch hier, ein zu bedauernder Tod dort und ein obligatorischer Seitenhieb gegen Nordkorea wegen der unerlaubten Atomwaffentests— dann noch ein lustiges Youtubevideo, um die furchtbaren Geschehnisse des Tages etwas zu entschärfen. Kein Wort über die aktuellen, politischen Verhältnisse im Land, über die Kommentare des Auslandes zu Orbáns Politik gegen eine Flüchtlingsquote — lediglich ein kleiner Beitrag zu den positiven Aspekten der Arbeit unserer Musterpolitiker.
Am Ende schaltete ich fassungslos um; auf DunaTV kam das “Märchenauto”, zum gefühlten tausendsten male. Und während der reiche Firmenbesitzer die arme aber umso ehrgeizigere Mitarbeiterin mit einem Trick von seinem guten Charakter zu überzeugen versuchte, dachte ich mir: was zum Teufel habe ich vorhin da (nicht) gesehen?

Die Plakate — oder auch: wie lassen wir ahnungslose Affen tanzen

Ich wollte mit dem Fernsehen nicht so hart ins Gericht gehen. Schließlich sind auch hierzulande sowohl die öffentlichen wie auch die privaten Sender nicht für ihre hoch qualitativen, faktenreichen Beiträge bekannt. Vielleicht hatte ich einfach einen unglücklichen Abend erwischt — oder das ominöse Medienmonster hatte in einer unbeachteten Sekunde am Material herumgeschnippelt.
“Aber so können wir die Beiträge doch nicht abspielen! Die sind ja magerer als ein fettarmer Joghurt!”
“Wir haben keine Wahl, wir gehen in einer Minute auf Sendung. Wir müssen unsere Integrität riskieren; eine Sendung wie ein Schweizer Käse ist besser als gar keine Sendung” — so, oder so ähnlich stellte ich mir die Diskussion vor, die vor der Ausstrahlung unweigerlich stattgefunden haben musste.
Ich war bereit, alles zu verzeihen und zu vergessen, immerhin liebte ich das Land. Ich würde einfach keinen Fernseher mehr anmachen während meines Aufenthaltes; ja, das wäre die Lösung.

Am nächsten Tag schickte mich meine Oma einkaufen, da wir nur noch zehn Kilo Mehl und zwanzig Liter Milch auf Vorrat hatten — definitv zu wenig für das anstehende Wochenende.
Auf dem Weg in den Supermarkt ließ ich mich von Gesprächen auf dem Bus beschallen:
“Wie wählt ihr denn im Oktober? Also bezüglich dieser Quotensache, meine ich”
“Mit Nein natürlich. Wir wollen doch nicht noch mehr von diesen Ausländern hier haben”, ein Seitenblick zu einer großen Familie, die eindeutig zu einer Minderheit gehörte, “Mit denen haben wir schon genug zu kämpfen”

Als ehemalige Ausländerin in Deutschland, fing ich mir früh eine Allergie gegen Ausländerfeindlichkeit ein. Das macht die Aufenthalte in Ungarn unglaublich schwer. 
Gesetzlich festgelegte Minderheitenvorteile sowie Förderungen finden die Ungarn unfair, da sie selbst oft vom kleinsten Minimum über die Runden kommen müssen. 
Dass Kinder der Roma und Sinti von den Universitäten bevorzugt und von den Universitätsbeiträgen befreit werden, trieb auch schon meine Cousine zur Weißglut, da meine Tante für die Beiträge zusätzliche Doppelschichten arbeitete. Dazu kommen auch Kultur-und Wertunterschiede, was zu unweigerlichen Differenzen führt.
Die Situation ist dadurch äußerst angespannt, was die Politik genau weiß. 
Sie nutzt diese Probleme, um in den Leuten Angst zu schüren, ihnen mit noch weniger Einkommen, noch mehr Menschen zu dohen, die unterstützt und integriert werden müssen.

Positive Aspekte gebe es nicht. Ganz im Gegenteil: Flüchtlinge seien Kriminelle, die kommen, um das Land kaputt zu machen. 
Ich hörte davon zuerst im März in der morningshow des “class fm”, wo kaum — und wenn, dann ganz vorsichtig— Stimmen für die Flüchtlinge laut wurden. Da sah ich den großen Zusammenhang hinter den einseitigen Berichten noch nicht. Ich dachte, Menschen seien einfach intolerant in diesem sonst schönen Land. Wie furchtbar die Lage tatsächlich war, erblickte ich erst auf der besagten Busfahrt durch das Fenster:

http://24.hu/kozelet/2016/07/20/itt-vannak-a-kormany-uj-plakatjai-a-menekultellenes-nepszavazashoz/
Wussten Sie schon? Den französischen Terroranschlag haben Flüchtlinge begangnen. -Volksabstimmung am 2. Oktober 2016

Wer sich für die restlichen Plakate interessiert, kann sie sich alle in Ruhe hier durchschauen. Auf Anfrage bin ich mehr als gewollt sie allesamt zu übersetzen. Ich kenne sie inzwischen in-und auswendig, da sie an gefühlt jedem freien Fleck klebten. Keine zweihundert Meter konnte ich in der Stadt laufen, ohne, dass mir eins dieser blauen Wunder in die Augen sprang. Sie drängten sich derart aggressiv auf, dass ich im Gegenzug ebenfalls aggressiv wurde — und mich dafür schämte, dass der Staat dafür Milliarden aus der Staatskasse greift, wo der Großteil des Landes am Hungertuch nagt.

Da das Fernsehen mangelhaft bis gar nicht über jeden Aspekt der Flüchtlingsintegration berichtet, werden die Menschen, welche keine Zeitung lesen, hauptsächlich mit den Informationen von diesen Plakaten gefüttert. 
Dass die Wahlbeteiligung am 2. Oktober lediglich 43% betrug, ist zum Teil einer politischen Apathie — aber auch zum Großteil der noch aufklärenden Medien zu verdanken. Bedenklich ist lediglich die Tatsache, dass sich 98% gegen eine Quote aussprachen. 
Das heißt natürlich nicht automatisch, dass die Ungarn nicht bereit sind Flüchtlinge aufzunehmen, sondern nur, dass sie sich die Anzahl nicht vorschreiben lassen wollen.
Aber eine kleine Stimme in mir fragte, wie ich mich an die Busfahrt erinnerte: was, wenn sie sich ausschließlich von diesen blauen Plakaten beeinflussen ließen? Was wäre gewesen, wenn das Fernsehen aufrichtig berichtet hätte?

Wachsender Eingriff in die Medienlandschaft; oder auch: 1984

http://24.hu/app/uploads/2016/10/1-2.jpg

Orbán Voktor (dt. Viktor Orbán) war mir schon lange ein Begriff; noch als die MSZP durch Gyurcsány Ferenc (dt. Ferenc Gyurcsány) das Land führte, als ich nicht einmal ahnte, welchen Einfluss die Politik auf den Alltag — und mein Leben tatsächlich haben konnte. Er war dieser seltsame Kerl, der noch seltsamer sprach; dem nie etwas passte und der nie mit seiner eigenen Reichweite zufrieden schien.
Sobald sein Gesicht im Fernsehen auftauchte — als wir noch ungarisches Fernsehen bezogen — schaltete ich stumpf um. Ich konnte und wollte ihn nicht sehen. Heute kann ich seiner Person nicht mehr entkommen. 
Ungarische Zeitungen, deutsche Foren; Facebook, Twitter, die Schwäbische in meinem Briefkasten; überall war er plötzlich da.
Und seine Nachricht an die Welt verkündete er durch seine Taten ohne vorbehalt:
Ich bin hier, und ich nehme mir, was ich will.

Das bewies er 2010, als er ein 180 Seiten langes Mediengesetz durchboxen wollte, das im Fernsehen sowie in den Zeitungen starke Zensuren erlauben sollte. Er scheiterte damals an einem Veto aus Brüssel. Daraufhin dachte er sich: wenn das aber alles mir gehören würde? Dann bräuchte ich kein Gesetz.

Leute wurden gefeuert, parteifreundliche Menschen an die Spitzen von Medienunternehmen gesetzt; Zeitungen, Sender aufgekauft — oder durch unmögliche Steuern in die Knie gezwungen. Es wurde eine “Medienberatungsgruppe” (médiatanács) gegründet, die nach Lust und Laune zwischen den Anträgen auf die freien oder ablaufenden Radiofrequenzen wählen kann. Diese steht unter der direkten Kontrolle des Staates, da Orbán die Sitze in der Gruppe füllt.
Die Entwicklung war lang, rund sechs Jahre, aber heute sind wir nun an einen Punkt angekommen, wo mit einem mal einer unabhängigen Radiogruppe “class fm” aufgrund seiner Autonomie die Frequenz genommen und eine Zeiung von einem auf den nächsten Tag eingestellt werden kann.

Diese Tatsache mag vielleicht einige nicht so treffen wie mich im Sommer, weil sie nicht frustriert neben der Oma vor dem Fernseher sitzen; nicht mit dem gelben Bus an blauen Plakaten vorbeiklappern; nicht hören müssen, dass aus Wut und Protest Zeitungen verbrannt werden.
Aber ich schreibe darüber, weil ich kann. Ich schreibe über die Mitarbeiter des class fm, über die uninformierten Leute, über die würgende, intrigante Macht des FIDESZ; der Népszabadság, deren Mitarbeiter selbst in ihrer unglücklichen Situation an die Meinungsfreiheit erinnern. Als sie sahen, dass Orbáns Lieblingsblatt zu ihren Gunsten in lodernden Flammen aufging, entgegneten sie streng: “Gedrucktes Wort verbrennt man nicht”

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