Muttertag

“Du musst auf dich achten, das Muttersein darf dich nicht auslaugen. Nimm dir doch auch mal Zeit für dich, entspanne, komm zu Kräften … für dein Kind.”

Ich möchte auf diese Sätze brechen, aber dafür habe ich keine Zeit. Ich bin ständig damit beschäftigt, die nächsten Schritte zu planen. Meine Freunde wundern sich, dass ich alle ihre Termine im Kopf habe. Dabei muss ich das, weil ich es sonst nie schaffen würde, sie zu sehen.

Armutsrisiko Mutter, Einsamkeitsrisiko Mutter

Ich arbeite 50h die Woche, mein Ex nennt es beschissene feministische Selbstverwirklichung, ich nenne es Einkommen. Sich selbst so gut wie möglich davor schützen, nicht irgendwann auf dem Amt zu stehen, weil man da ein paar Mal war, kurz nach dem Studium und eine Ahnung davon, wie demütigend es auf Dauer ist.

Wenn ich sage, ich bin allein, dann stimmt das nicht ganz. Ich performe in einem Stadion mit ausverkauften Rängen. Sie sind besetzt mit dem, was andere wohl biologische und angevögelte Familie nennen würden, mit einem mehr als feindseligem Ex und Umgebungsbekanntschaften, die sich bereits gierig das Popcorn in den Mund gestopft haben, um im Fall eines Scheiterns meinerseits, schnell und etwas übertrieben applaudieren zu können, zu schreien: Ich habe es gewusst, du bist nicht so stark wie du tust.

Und dann gibt es da ihn. Er sieht es. Er sieht, wenn ich müde bin, manchmal kuschelt er sich dann an mich, aber meistens fragt er nur, ob wir denn noch etwas spielen können, ob ich wie immer vorlese und dann fragt er, warum die anderen Kinder immer eher von der Schule abgeholt werden. Er sagt, wir sind keine richtige Familie, die Familien in den Schulbüchern sehen doch anders aus und vielleicht ist es das, was ich als Mutter gelernt habe: Dinge zu erklären, ohne dabei selbst in Tränen auszubrechen, Dinge zu tun, für die meine Kraft gar nicht mehr reicht, um dann, wenn er in Sicherheit ist und der Ex schreibt, jetzt hätte ich ja Zeit, mich durch Berlin zu ficken, heimlich zusammenzubrechen. In der Umkleide des Stadions, wo es niemand sieht, weder der kleine Vorlesejunkie, noch Personen, die applaudieren würden.


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