Nie wieder abgelenkt durch das eigene Smartphone

Wenig Aufwand, große Wirkung

Ich weigere mich zu akzeptieren, dass täglich ein Tsunami aus Informationen über uns einbricht und wir dem nichts entgegenhalten können. Der allgemeine Konsens ist, dass wir im digitalen Zeitalter lernen müssen, in diesem undurchsichtigen Informationsheuhaufen die Nadel zu finden, die für uns wirklich relevant ist. In meinen Augen ist das Informationsbombardement ein künstlich geschaffenes Problem und langsam wird es an der Zeit, dass wir unser digitales Leben und besonders unsere Smartphones entrümpeln.

Wir sind alle digitale Messies

Die Fähigkeit, viele Informationen nach den essenziellen und wichtigen Dingen zu scannen, ist im akademischen und beruflichen Umfeld eine wichtige, in unserem privaten Leben sollte sie aber keine Rolle spielen. Im Privaten geht es nicht darum, ein wichtiges Problem zu lösen, neues Wissen zu erlangen (das fass ich hier einfach mal unter “akademisch” zusammen) oder sonst irgendeinem Selbstoptimierungsbums. Im Privaten wollen und sollten wir einfach leben, zurückgeben und fühlen, nicht mehr, nicht weniger. Lassen wir zu, dass uns unsere Smartphones konstant mit neuen Mails, Notifications oder Push-Mitteilungen penetrieren, dann fangen wir an, abzustumpfen. Wir werden gezwungen den Blick fürs Wesentliche zu verlieren, sind stetig abgelenkt und lassen uns von den hereinbrechenden Informationen einfach dumm und abgestumpft auf dem See unserer eigenen digitalen Existenz forttreiben.

Die unangenehme Selbsterkenntnis: Ich bin ein Mensch, der ständig an seinem Smartphone hängt und verstehe somit jeden gut, dem es genau so geht. Im Gegensatz zur langläufig Meinung bin ich (und viele Andere) nicht süchtig nach meinem Smartphone, sondern süchtig nach Kommunikation und Informationen. Eigentlich ein sehr normales Verlangen, leider wirkt das digitale Zeitalter wie ein Katalysator, der unser Gehirn auf über 100.000 Umdrehen peitscht und schlussendlich explodieren lässt. Eine Stunde mal nicht auf mein Handy zu schauen führt bei mir zu schwerwiegenden Stressreaktionen und man muss nun kein Genie sein, um zu merken, dass hier irgendetwas nicht stimmen kann. Diese ganzen erlernten Verhaltensmuster killen unsere Produktivität und viel schlimmer noch: unsere Wahrnehmung der Welt.

Wir sind aber verdammt nochmal keine Spielbälle der digitalen Revolution. Wir sind Menschen. Wir haben die Pest besiegt, sind auf den Mond geflogen und haben das Flaschenpfand erfunden, es wäre also gelacht, wenn wir das nicht in den Griff bekommen könnten.

Das digitale Leben aufräumen

Der Weg hin zu weniger Informationsmüll und mehr Bewusstsein erfordert ein wenig Umstellung und einen sensibleren Umgang mit digitalen Diensten. Ausgangspunkt ist hier unser Smartphone, unserem Tor in dieses sogenannte Internet von dem alle immer sprechen. Mit ein paar wenigen Handgriffen lässt sich schon eine ziemlich beachtliche Wirkung erzielen.

Kurzer Prozess mit Müll im E-Mail-Postfach

Der tägliche Inhalt meiner Inbox (E-Mail) setzte sich so zusammen:

  • 1% relevante E-Mails
  • 10% Buchungsbestätigungen von Pizza.de
  • 60% Newsletter (Werbung)
  • 29% Notification-E-Mails von Apps, die auch auf meinem Smartphone installiert sind

Besonders der letzte Punkt zeigt, wie sehr ich mich eigentlich in meine eigene digitale Verwahrlosung gestürzt hatte und wie lange ich das nicht einmal realisiert habe. Rigoros habe ich nun jeden Newsletter abbestellt, sobald er eingetrudelt ist und habe die E-Mail-Benachrichtigungen meiner genutzten Dienste deaktiviert. Meist gibt es dazu einen Link ganz am Ende jedes Newsletter, manchmal müsst ihr aber auch in euer Konto gehen. Die 2 Minuten Zeit dafür sind gut investiert.

Zwar hat Inbox meine Mails immer gut vorsortiert, sodass ich wichtige Nachrichten in der Flut nie übersehen habe, doch natürlich schaut man immer mal in die Sozialen Netzwerk-Notifications, in die Werbung und die anderen Ordner rein und wenn es nur ist, um dort alles zu löschen. Nach meiner Reinigungsaktion sind 99% aller E-Mails, die ich erhalte, wirklich relevant für mich.

Frühjahrsputz in den sozialen Netzwerken

Facebook, Instagram und Twitter sind sogenannten Infinite Scroll Apps, die theoretisch kein Ende haben, also einen “unendlichen” Stream an Informationen bereitstellen. Unser Verstand mit begrenzter Aufnahmefähigkeit und ein Stream mit unendlich vielen Posts, Videos und Bildern vertragen sich aber leider nur bedingt gut.

Egal ob nach dem Aufwachen, in der Uni, auf Arbeit, in der U-Bahn. Ich hing an meinem Smartphone und durchforstete meine sozialen Netzwerke. Mein Facebook Feed war ein von ca. 1.600 Likes angetriebener Rammbock, bestehend aus kruden Memes (#dicksoutforharambe), Untergrundbands und Fanpages von Shiba Inus. Ich kannte jedes Meme, hatte alle viralen Videos als einer der Ersten gesehen und wusste sofort, wenn sich eine Band getrennt hatte. War dieses Wissen wirklich nützlich oder gar notwendig?

Die Antwort auf diese Frage fiel mir nicht leicht, umso leichter fiel es mir danach aber einen kompletten Kahlschlag hinzulegen und meinem Newsfeed auf Facebook das Momentum zu nehmen.

I’m not even sorry

Nachdem ich mich eine Stunde durch meine Facebook-Abgründe gewühlt habe, konnte ich meine Anzahl vergebener Likes auf ca. 800 schrumpfen, was bedeutet, dass ich jede zweite Seite die ich jemals geliked habe, wieder entliked habe. Da ist definitiv noch jede Menge Luft nach oben, ich empfehle einfach aller paar Tage mal über die eigenen Likes zu schauen. Dabei findet man immer wieder Sachen, die man eigentlich nicht mehr in seinem News Feed haben möchte. Geht hierzu einfach auf euer eigenes Profil und in der oberen Leiste direkt unter eurem Titelbild findet ihr den Punkt “Mehr”. Hier klickt ihr auf “Gefällt mir” und schon könnt ihr radikal aussortieren.

Übrigens kann man die Zeit gleich nutzen, um mal durch die eigene Freundesliste zu schauen. Ich hätte niemals gedacht, dass ich mit so vielen Menschen auf Facebook verbunden bin, die ich eigentlich gar nicht leiden kann. 50 Freunde weniger heißt auch, dass ich in den nächsten Jahren von 50 Babyfotos verschont bleibe. 50 gute Gründe positiv in die Zukunft zu blicken.

Unser Smartphone an die Leine nehmen: Notifications abschalten und Home Screen aufräumen

Das Notwendige und alles andere

Warum schauen wir ständig auf unser Telefon? Vielleicht haben wir ein besonders schönes Hintergrundbild oder wir mögen es, wenn wir uns im Displayglas spiegeln, die wahrscheinlichere Antwort ist aber, dass wir schauen, ob neue Notifications reingekommen sind. Das sorgt dafür, dass wir einen Reflex entwickeln, regelmäßig auf das eigene Telefon zu schauen, um zu checken, ob irgendjemand irgendetwas geschrieben hat, ob unser Beitrag kommentiert oder unser neues Profilbild geliked wurde. Konsequenz: Wir machen uns ständig erreichbar und sind permanent durch Nebensächlichkeiten abgelenkt.

Wir sollten uns nicht die Zeit für Nachrichten nehmen, sondern uns Nachrichten annehmen, wenn wir die Zeit dafür haben.

Es war also notwendig, auch den Sperrbildschirm meines Smartphones etwas umzugestalten. Ich habe alle Push-Mitteilungen meiner Apps ausgeschaltet (ausgenommen Telefon, SMS, Inbox und PayPal) und lediglich erlaubt, dass die Apps Kennzeichen tragen, wenn ungelesene Nachrichten vorhanden sind (kleine rote Zahlen oben rechts am App-Symbol). Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir das einfach fiel oder ich kein mulmiges Gefühl dabei hatte. Plötzlich nicht mehr erreichbar zu sein, wirkt befremdlich und sowas macht dann Angst. Begründet? Das ist seitdem passiert?

  • Ich schaute seltener auf mein Smartphone
  • Mein Akku hält länger
  • WhatsApp und Facebook Messenger erinnern mich ständig daran, dass ich meine Notifications doch bitte einschalten soll

Die Angst, dass ich mit so einem radikalen Vorgehen nicht mehr erreichbar wäre wenn es darauf ankommt, war also unbegründet. Wenn etwas wirklich wichtig ist, dann wird man auch im Jahr 2016 noch angerufen. Doch selbst mit dieser sehr radikalen Notification-Politik erwischte ich mich dabei, wie ich ständig mein Telefon in der Hand hatte, obwohl eigentlich gar keine Mitteilungen reinkamen. Ich entsperrte mein Smartphone, öffnete die Facebook App (die nun wesentlich weniger Müll enthielt), scrollte ein paar mal nach unten und sperrte gelangweilt mein Smartphone wieder.

Das Problemkind Facebook

Ein purer Akt der Gewohnheit, aus dem ich mit Willensstärke nicht herausbrechen konnte. Es bleiben nun also drei Möglichkeiten.

  1. ) Hände mit Panzertape verkleben
  2. ) Facebook Account löschen/ Smartphone loswerden
  3. ) Facebook App vom Smartphone löschen

Ich stelle mir eine Welt in der alle Menschen Panzertape-Hände haben als einen sehr lustigen und angenehmen Ort vor, aber wir als menschliche Rasse sind für diese Utopie noch lange nicht bereit. Weiterhin ist es (für mich) keine Option einen vollkommenen digitalen Drop Out hinzulegen und in den Wald zu ziehen, um mich dort von Moos und Käfern zu ernähren. Mir blieb also nur übrig meine Facebook App auf dem Telefon zu löschen. Wieder mit einem mulmigen Gefühl. Das ist seitdem passiert:

  • Ich nehme mein Smartphone nicht nur seltener sondern wirklich selten in die Hand
  • Mein Akku hält noch länger
  • Ich habe meinem besten Freund ein Video geschickt, was er schon kannte, da es da 2 Wochen alt war

Ich muss zugeben, dass ich mir das alles wesentlich schlimmer vorgestellt hatte.

Zusatzaufgabe: Bilder und Musik löschen

Bei all dem digitalen Entrümpeln kann man sich übrigens gleich noch seiner Musikbibliothek und Fotosammlung widmen. Ich konnte meine Bibliothek so von 80GB auf ca. 20GB schrumpfen. Zwar nehmen Daten keinen realen Platz weg und stören uns auch nicht mit konstanten Notifications, jedoch sorgen solche Massen an Daten dafür, dass wir leicht den Blick für das Schöne in Kunst verlieren. Man will immer mehr, jedes Album haben, jede Band kennen, aber wirklich hören tut man das Ganze dann nicht, da die Zeit nur ausreicht alles mal anzureißen. Darunter leiden dann die Alben und die Bilder, die uns eigentlich wichtig sind, die aber unter einer Lawine aus Bits und Bytes begraben sind.

Viel Spaß mit eurem neuen digitalen Leben

Die ganze Aktion sollte nicht mehr als 1–2 Stunden in Anspruch nehmen, abhängig davon, wie viel Informationsmüll ihr in euren digitalen Accounts mit euch herumschleppt. Doch selbst bei 4 Stunden Arbeit ist das gut investierte Zeit, die sich spätestens nach zwei bis drei Tagen in höherer Produktivität und einem schärferen Bewusstsein für die eigene Umwelt auszahlt. Ich möchte Smartphones und unsere moderne Kommunikationstechnologie nicht verteufeln. So haben die letzten Jahre viele gute und wichtige Entwicklungen geleistet, aber unser menschliches Gehirn ist dafür einfach nicht gemacht und langsam aber sicher leiden wir unter der fortschreitenden Entwicklung. Umso wichtiger ist es, dass wir uns einen bewussten Umgang anerziehen, damit wir auch in Zukunft an den technologischen Errungenschaften unsere Freude haben können, ohne dabei den Blick für das “echte” Leben zu verlieren.


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