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Produktivitätsszene: Die Schattenseiten von Routinen und Ritualen

„Jeder braucht ein Morgenritual, um mit höchster Energie, bester Laune und maximaler Kreativität in den Tag zu starten”, heißt es oft. Auch hier auf medium. Im Web existieren unzählige Blogs, die ausschließlich über Produktivität, Getting-Things-Done und „finde deinen Weg” schreiben. In meinem kleinen Blog The New Worker veröffentliche ich ab und an ebenfalls Tipps zu mehr Selbstproduktivität. Braucht es aber tatsächlich festgelegte Routinen für einen erfolgreichen Tag?

Routinen können Stress erzeugen

Direkt nach dem Aufstehen ein paar Gläser frisches Wasser trinken. Dann für zehn bis zwanzig Minuten entspannt sitzen, atmen und nichts tun. Morgensport nicht vergessen: eine Stunde laufen oder ein paar Gewichte heben. Danach noch 750 Wörter schreiben. Außerdem noch ein paar Punkte aus dieser Liste. Jetzt nur noch 21 Tage durchhalten — und schon haben Sie eine neue Routine erzeugt (die berühmten 21 Tage zur Verhaltensänderung beruhen übrigens auf einer Missinterpretation von Dr. Maxwell Maltz).

Nun haben Sie eine Routine. Sie ziehen sie zufrieden durch. Alles läuft prima. Bis der dreijährige Nachwuchs entscheidet, nachts für zwei Stunden zu schreien. Ihr Partner unterbricht Sie am Morgen in einem ihrer Rituale, weil eine Ölflasche auf dem Boden zersprungen ist. Es fließt kein Wasser aus der Dusche. Der Kaffee ist leer. Die Masern gehen herum — der Kindergarten hat heute geschlossen. Was ist nun Ihr Ritual wert?

Sie müssen auf viele unplanbare Ereignisse reagieren. Ob sie es wollen oder nicht. Das kostet Zeit und Konzentration. Ihr Arbeitstag beginnt um 09:00. Bis dahin schaffen Sie noch ein paar Gläser Wasser zu trinken. Die Reihenfolge ist Ihnen egal. Hauptsache Sie ziehen Ihre Routine durch. Tick, Tack. Kurz vor 09:00 verlassen Sie Ihre Wohnung und atmen durch: Alle Probleme beseitigt — Routine erfüllt. In diesem Moment fällt Ihnen auf, dass Ihr Schlüsselbund samt Autoschlüssel in der Wohnung liegt. Alleine.

Je mehr Tätigkeiten man gleichzeitig vollzieht, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, nachlässig zu werden. Durch Zeitdruck potenziert sich dieser Effekt. Wenn noch persönlicher Druck („Ich will die Routine durchziehen — komme was wolle”) dazukommt, sind Probleme bereits vorprogrammiert. Ein Teufelskreis.

Fokus auf Vermeiden statt Tun

Ein bewährtes Denkmodell um viele Probleme in den Griff zu bekommen, ist die von Nassim Nicholas Taleb bekannt gemachte Via Negativa.

Danach sollte man nach Dingen suchen, die einen daran hindern, so zu leben, wie man möchte. Das ist das Gegenteil von Tipps, die Sie oben gelesen haben à la: „Tue dies, mache das.”

Was verhindert, dass Sie entspannt und energiereich in den Tag starten? Bei vielen Menschen ist es der Blick in die E-Mails und sozialen Netzwerke am Morgen. Die Lösung? Flugzeugmodus, bis man sich damit befassen möchte. Fortan lesen sie morgens keine E-Mails und Statusupdates mehr.

Andere klagen über Müdigkeit, weil sie regelmäßig abends bei einer spannenden Serie hängen bleiben. Der kurze Schlaf rächt sich spürbar um die Mittagszeit. Außerdem beeinflusst zu kurzer Schlaf den gesamten Hormonhaushalt, der wiederum gute geistige Leistung verhindert. Die Lösung? Entfernen Sie Ihr bevorzugtes Medium, mit dem Sie Serien sehen aus Ihrem Schlafzimmer. Fortan schauen Sie ab 22:00 keine Serien mehr.

Sie verstehen den Ansatz?

Durch Via Negativa können Sie mehr Zufriedenheit erreichen, ohne sich bei Überraschungen überanstrengen zu müssen. Die Ölflasche zerpringt auf dem Boden? Passiert. Aufwischen und auf dem Rückweg von der Arbeit eine neue mitbringen. Der Kaffee ist leer? Trinken Sie Tee.

Die Via Negativa macht es Ihnen viel einfacher entspannt in den Tag zu starten, als jedes Morgenritual. Rituale, die etwas Gutes bringen sollen, kosten Zeit. Via Negativa entfernt Schlechtes aus dem Leben und setzt so Zeit frei. Ein echter Vorteil.

Nach einigen Tagen finden Sie wie von alleine genug Zeit, um Morgensport zu treiben, zu schreiben oder zu meditieren. Ganz ohne Ritual.

Ganz ohne Zwang.

Vielen Dank fürs Lesen. Welche Erfahrungen haben Sie mit Routinen gesammelt?


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