Rekrutierung auf Serbisch — Nearshoring in Serbien

Meine persönlichen Erfahrungen beim Aufbau eines Entwicklungsstandorts in Serbien — Teil 1


Ich durfte mich in den letzten Monaten und Wochen intensiv mit dem Aufbau eines Entwicklungsstandorts in Belgrad, Serbien beschäftigen. Im Zentrum dieser umfangreichen Aufgabe stand die Rekrutierung von Entwicklern und der Aufbau eines Netzwerks. Genauer: Gute Leute finden die mit uns zusammen komplexe Mobile Projekte auf hohem Niveau umsetzten können. Obwohl ich schon die eine oder andere Rekrutierung habe durchführen können, das ganze “Drumherum” in Serbien ist speziell und sogar für mich teilweise überraschend. Grund genug meine Erfahrungen rund um die Rekrutierung von Entwicklern in Serbien hier festzuhalten.

Zuvor aber noch vereinzelte «hard facts» zur wirtschaftlichen Ausgangslage in Serbien:

  • Gemäss der Serbisch-Schweizerischen Wirtschaftskammer, gibt es in Serbien momentan 87 Schweizer Unternehmen und Niederlassungen sowie zusätzlich noch 20 internationale Gesellschaften mit Sitz in der Schweiz. Zwei prominentere aus dem digitalen Sektor sind Youngculture und Zühlke.
  • Unter den 172 Ländern, mit denen Serbien handelt, war die Schweiz auf Platz 25, wenn man sie nach dem Wert der Exporte und Importe einstuft.
  • Im Jahr 2011 hat der IT Sektor in Serbien mehr als 200 Mio. Euro “Einnahmen” erwirtschaftet. Im Jahr 2015 geht man von einer Verdreifachung dieser Zahl aus, ein krasser Fakt wenn man bedenkt, dass Serbien 2012 etwa 95% des Himbeer-Weltbestands geliefert hat.
  • Die Arbeitslosenquote liegt bei knapp 22% und das Durchschnittseinkommen beträgt etwas weniger als 400 Euro pro Kopf und Monat.
  • Das Wirtschaftswachstum war 2014 rückläufig und sollte 2015 auf einen realen Wert über 1% anwachsen.

Solche Zahlen polarisieren die Serben. Leider noch immer zu wenig bzw. verändern das Leben der einzelnen nicht direkt, weshalb man dann als Gesellschaft auch einfach mal gerne über «wichtige Indikatoren» hinwegsieht und sich stattdessen lieber mit anderen Dingen beschäftigt. Mit Belanglosigkeiten und oft humoristischen Einlagen zum Beispiel.

Andreas Fischler in front of a bombed building in Belgrade.

Beispielhafter Exkurs gefällig?Das einzig serbische Wort, welches internationale Verwendung findet: Vampir. Wirklich stolz ist man darauf nicht, allerdings ist es erschreckend wie viele Leute noch an solche düstere Gestalten glauben oder diese gar in Form von westlichen Politikern wiederkennen. Allgemein scheint das Verhältnis zum Westen noch nicht wirklich gefestigt. Gerne verbindet man diesen nämlich mit all dem Übel das die Vorfahren und/oder man selbst in den Balkankriegen, im ersten Weltkrieg, im zweiten Weltkrieg, in den Balkankriegen der 90ern und danach während des Bombardements Belgrads und Serbiens erlebt und durchlebt hat. Und ja, man kann die Spuren dessen heute noch sehen. Ich persönlich kenne niemanden der Belgrad als «eine schöne Stadt» bezeichnen würde. Ein Grund dafür ist aber bestimmt auch die Tatsache, dass doch schon ein, zwei Male Krieg herrschte und man der Stadt diese Leidensgeschichte auch ansieht. Eine Stadt mit Charakter, würde ich sagen. Trotzdem… das Glück scheint wohl eher im Westen und weniger im Osten zu liegen (rein politisch betrachtet).

Ein weiteres Übel scheint der Durchzug bzw. die Angst vor dem Durchzug zu sein (strah od promaje). Schon von Klein auf wird einem eingetrichtert, dass der Durchzug der Ursprung jeder noch so üblen Erkrankung sein kann und man daher nie, auch nicht im Sommer, auf ein Unterhemd verzichten sollte. Dazu gibts sogar ganze Erzählbände. Als der serbische Premier kürzlich verlauten liess, Serbien werde ein Land mit zwei offenen Türen werden, eine die sich zum Westen hin öffnet und eine die offen gegenüber Russland ist, wurden selbstkritische Stimmen laut, die meinten das Serbische Volk würde ja jetzt vom Durchzug praktisch dahingerafft werden. Skandal! Aber kommen wir zu den Kandidaten.


Meine Begegnung mit allen Kandidaten — und es waren letztendlich doch weit über 20 Personen — waren durchs Band positiv. Überraschend nah und offen. Genau so wie in Westeuropa, haben auch in Serbien Entwickler einen etwas, sagen wir mal “besonderen” Status. In Serbien geht das aber noch ein wenig weiter. Die Jungs und Mädels die Code schreiben können, also den einzig wirklich wachsenden Wirtschaftssektor Serbiens repräsentieren, verdienen nicht nur mehr als die meisten anderen, legal arbeitenden, sondern sind westlicher als alle anderen, können auch mehr als alle anderen und sind sowieso alle eh nur “hakeri” (zu Englisch “Hacker”). So zumindest der Volksmund. Von meinen Kontakten, Verwandten und Freunden in Serbien höre ich immer wieder ähnliches. Top Leute, beste Universitätsabschlüsse, tolle Ansichten und immer spassig drauf, seien die Jungs… und Mädels. Mädels sind in der Branche eher selten anzutreffen. Kein Wunder auch. 28, weiblich und noch keine Kinder? Oha, da werden die Eltern aber nicht ruhig schlafen. Zumindest aber wöchentlich nachfragen wie es denn um die Familienplanung steht. Doch trotz, oder auch wegen, der oft noch traditionellen Ansichten zu Familie und Heim, werden es immer mehr Mädels die in Serbien in der Branche Fuss fassen möchten. Gut so. Aber schauen wir uns mal den durchschnittlichen Entwickler in Serbien an.

Unseren gesammelten CVs zufolge, ist der Serbische Entwickler männlich, im Schnitt 30 Jahre alt, hat ein Kind, stammt aus dem “inneren Serbiens”, studierte in Belgrad am «Elektrotehnički fakultet» Informations- und Kommunikations-Wissenschaften und hat in seiner eher kurzen Laufbahn schon mindesten drei Unternehmen gesehen und wieder verlassen. Auch der Anteil Personen die ein eigenes Unternehmen hatten, scheint erstaunlich hoch. Allgemein scheint der Boom Richtung Enterpreneurship nicht nachlassen zu wollen. Viele Digital Natives — und auch solche kurz vor der Grenze zum Digital Native — suchen in Serbien die Flucht nach vorne, eröffnen kleine Digital-Firmen, setzten sich mit Kumpels zusammen und schrauben an Ideen oder versuchen sich als Freelancer. Digitale Events (Share Conference, wwwrsac, Resonate und viele mehr), Co-Working-Spaces, Tweetups, UX- und Design-Meetups usw. schiessen aktuell wie Pilze aus dem Boden. Der durchschnittliche Entwickler in Serbien ist daher auch gut informiert, offen neuem gegenüber und gelassen. Eher konservativ hingegen: Er fährt Auto. Öffentlicher Verkehr ist nicht so sein Ding. Wer schon einmal im Sommer in Belgrad eine Tram oder einen Bus bestiegen hat, weiss weshalb. Im Juli und im August kann es in Belgrad gut und gerne mal über 40 Grad warm werden. Zudem verlängert sich der Arbeitsweg dadurch nicht unbeachtlich. Immerhin ist die Stadt, gemessen an der Quadratfläche, rund vier Mal so gross wie Zürich. Und der öffentliche Verkehr nicht gerade vier mal besser, eher das Gegenteil ist der Fall. Entsprechend sind Fragen zu Parkplätzen während den Bewerbungsgesprächen keine Seltenheit. Ich mag mich noch an ein lustiges Gespräch mit einer jungen Dame und Andreas Fischler erinnern. Andi fragte warum denn hier keiner wirklich gerne Bus fährt. Die Antwort in gebrochenem Englisch mit slawischem Akzent: „Bus? We don’t like buses. We go by car. Even to drink coffee, we go by car.“ Der Ausdruck auf Andi’s Gesicht… unbezahlbar.

Traffic as usual in Belgrade.

Und wo wir schon beim slawischen Akzent sind. Nicht zu unterschätzen ist der Hauch von Sprachbarriere der ständig in der Luft schwebt. Das Englisch der meisten Kandidaten ist zwar gut bis sehr gut. Trotzdem wird der Wechsel zur Muttersprache hier und da gerne praktiziert. In Mails, aber auch in Gesprächen. Kommunikation ist ja bekanntlich mehr als nur Output und entsprechend sind die meisten froh darüber, wenn sie sich nicht immer auf Englisch und ab und zu auch mal in der Muttersprache erklären können. Gilt übrigens auch für mich. Komplexere Zusammenhänge oder persönlichere, intimere Themen wie Lohn, Familie usw. diskutieren sich halt einfach einfacher in der Muttersprache. Fakt. Und dann fühlt sich das ganze auch noch anders an. Nicht nur hat man den Zugang zum Menschen eher, man kann auch viel eher feine Signale erkennen und abschätzen. Typischerweise ist man in Serbien erst einmal sehr formal. Fast schon übertrieben formal. Um dann, sobald Vertrauen aufgebaut wurde, relativ schnell fünfzehn Ebenen runter zu schalten. Verglichen mit der Deutschen Sprache und den uns gewohnten Formalitäten, fühlt sich das Serbische eher sehr gelassen an. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, dass ich durch die Möglichkeit die Sprache zu wechseln viel schneller habe Vertrauen aufbauen können. So nach dem Motto: Ah, Du bist ja einer von uns! Ja dann…

Vertrauen ist übrigens ein sehr wichtiger Faktor wenn es um die Rekrutierung von guten Kandidaten geht. Hierzu muss man verstehen, was in den letzten Jahrzenten in Serbien abgelaufen ist. Nicht nur hat man sich auf mehreren Kriegsschauplätzen buchstäblich die Köpfe eingeschlagen, man hat auch einen fast schon zwanghaften Selbstschutz entwickelt. Entsprechend sollte man sich bei Gesprächen darauf einstellen. Gute Kontakte gibt’s nicht sofort und konstruktive Vorschläge auch erst nach einer gewissen Zeit. Und die Community vor Ort ist klein. In Entwickler-Kreisen scheint Jeder Jeden zu kennen. Schlechte Nachrichten oder Erfahrungen wie die von Drey — eine Schweizer Spielwiesen-Firma die einfach mal schnell 60 Entwickler auf die Strasse stellt — verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Ein anderes Beispiel: Viele scheinen schon zu wissen, dass Schweizer Firmen einen “unglaublich komplizierten” Bewerbungsprozess praktizieren und Leute damit abschrecken. Echt? Wie gesagt, die Community ist klein und über zwei Ecken kennt man sich dann eben. Dies kann aber auch positive Auswirkungen haben, wie wir während der Rekrutierung festgestellt haben. Macht man mal einen guten Job und bietet ein interessantes Umfeld generiert man ziemlich schnell einen gewissen Buzz. Viva Voce. Und… ein gemeinsamer Nenner findet sich in Serbien immer: Essen.

“Get Together” at Belgrade’s famous Skadarlija.

Essen verbindet Menschen. Über Essen spricht man gerne und man isst gerne. Oft und viel. Viele unserer Meetings endeten in Restaurant bei gutem Essen und Musik. Essen und Musik als Bindemittel für jegliche Art von zwischenmenschlicher Connection. I like! Nachträglich bin ich sogar überrascht, dass wir in der kurzen Zeit (nur wenige Monate) schon so viel hinbekommen haben. Und ich bin glücklich darüber, dass ich wirklich viele tolle Menschen kennenlernen durfte. Nicht nur hatte ich fantastische und teils inspirierende sowie rührende Gespräche, ich für mich kann auch sagen: Ich habe neue Freunde gewonnen. Wirklich.


Ich war öfter über die Art und Weise überrascht, wie man in Serbien tickt oder mit Angestellten umgeht. Nicht überall natürlich, aber teilweise. Anscheinend hat man noch ein grosses Stück Arbeit vor sich. So scheint das Vertrauen in viele Arbeitgeber nicht wirklich da zu sein. Ebenso sind krasse Fluktuationen gang und gäbe. Man könnte fast schon meinen die Loyalität der Mitarbeiter zu einer Sache lässt an vielen Stellen zu wünschen übrig und man rennt dem nächst besten Job hinterher. Dem ist aber nicht so! In unseren Gesprächen haben wir eines immer wieder gehört: Ich möchte eine stabile, sinnvolle Aufgabe. Ich möchte mich einbringen können und mein Wissen erweitern können. Do not treat me as a «Code Monkey». Nun, verständlich würde ich sagen. Wer will schon als Nummer behandelt werden und lediglich Jira-Tasks abarbeiten? In Serbien niemand.

Kurzer Rückblick: Wir haben ohne grosse Werbetrommel, ohne Inserate, ohne eigenes Office (teilweise im Restaurant), ohne konkrete Kenntnisse des lokalen Markts und ohne wirkliche Unterstützung von Aussen gestartet. Wir haben fantastische Leute gefunden, eine temporäre Office-Lösung eingenommen und wir konnten tatsächlich gute Entwickler für unsere Sache gewinnen und einstellen. Das Ganze ohne auf feste Verträge zählen zu können — das folgt nämlich erst noch — und ohne zu wissen ob wir denn nun wirklich das Richtige tun. In der Zwischenzeit hat sich die Lage natürlich geändert und wir wissen nun, dass wir genau das Richtige gemacht haben und unser Team in Belgrad wächst langsam aber sicher… Wenn ich so darüber nachdenke, erfüllt mich das mit Stolz. Das Erfolgsrezept war einfach: Vertrauen gewinnen. Leute mit unserem «Spirit» überzeugen. Ein marktgerechtes Angebot unterbreiten. Austauschen, und für den finalen “Ritterschlag” in die Schweiz holen. Letzteres funktioniert jedes Mal fantastisch und gab der Ganzen Geschichte “das gewisse Etwas”. Dabei ist der Aufwand nicht mal so hoch und das Prinzip einfach. Interviews in St.Gallen — wie wir sie schon duzende Male gemacht haben -, den Leuten einen möglichst breiten Einblick gewähren und möglichst viel Überzeugungsarbeit leisten… bei Bier und nettem Essen. Rösti kam übrigens sehr gut an! Überzeugungsarbeit? Ja, Überzeugungsarbeit. Es ist nicht etwa so, dass uns die Leute in Serbien die Bude einrennen, nur weil wir hier stabile, grosse, Schweizer Firmen haben. Wie gesagt… erst Mal Vertrauen gewinnen und danach breit machen.

Ein Grosses Dankeschön geht an Andreas Fischler für die Offenheit und den Glauben an die Sache. Catherine F. Simon für den unglaublich positiven Spirit und die Türöffnung, Igor Rendulic, Ino Murko, Janez Banic, Pavle Mijatovic, Milos Stanojcic, Filip Miladinovic, Dejan Mitrovic und Nikola Petrovic für die tolle Zeit. You rock!

Veliki pozdrav za ekipu!

Miloš

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