Schrei nach Liebe: Wie wird man eigentlich zum Fascho?

Ich will kein Video mit pöbelnden Sachsen vor einem Bus in meinem Feed haben. Ich will am Tag danach auch kein SPON-Interview mit den Geflüchteten aus dem Bus sehen. Ich will, dass das alles gar erst nicht passiert. Aber mein Ekel dreht sich im Kreis, wenn ich mir die unzähligen Artikel und Talkshows zu dem Thema reinfahre. Die Frage, wie es dazu kommen konnte, wird zwar überall gestellt. Die Antworten sind dann aber eher Phrasen-Bingo als ernst gemeinte Erklärungsversuche. Meistens geht das so:

  • Die CSU ist Schuld (Seehofer, der alte Populist!)
  • Die AfD ist noch viel mehr Schuld (Auf Geflüchtete schießen!)
  • Die Ossis sind Schuld (Hatten leider wenig Kontakt mit Fremden!)
  • Merkel ist Schuld (Nimmt die Sorgen der Bevölkerung nicht ernst!)
  • Urängste sind Schuld (Stecken in uns — ob wir wollen oder nicht!)
  • Schuld ist schuld! (Schreibt man nämlich mal groß, mal klein)

Meine eigenen Theorien sind da eher unschuldig. Mein Weltbild sagt mir: wahrscheinlich irgendwas mit sozialer Spaltung und Bildungsferne. Oder ist das auch schon ein Vorurteil? So einfach wie die Ärzte darf man es sich ja eigentlich nicht machen.

“Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit.”

Gott sei Dank gibt es Studien. Sind zum Glück gar nicht schwer zu finden. Vor allem die Uni Leipzig (im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung) befasst sich seit vielen Jahren damit und forscht und forscht und forscht. Alle paar Jahre kommt dann mal eine aktualisierte und erweiterte Fassung raus. Ich habe mir mal “Vom Rand zur Mitte” von 2006 durchgelesen (einige Passagen allerdings auch überflogen), obwohl es aktuellere gibt. Die Autoren sind Oliver Decker und Elmar Brähler. Ich wollte wissen, ob man damals schon hätte erkennen können, was heute vor Unterkünften von Geflüchteten überall in Deutschland Realität ist. Um es mal vorwegzunehmen: man hätte.

Hier ein paar Auszüge.

Wie der Titel die Gewitzten unter uns schon ahnen lässt (ich habe ein bisschen gebraucht), sehen die Autoren Rechtsextremismus nicht als Spinnerei von ein paar Unterprivilegierten:

Wir haben festgestellt, dass der Begriff „Rechtsextremismus“ irreführend ist, weil er das Problem als ein Randphänomen beschreibt. Rechtsextremismus ist aber ein politisches Problem in der Mitte der Gesellschaft. Das kann nicht ausdrücklich genug betont werden.
(…)
Ausländerfeindlichkeit scheint für weite Teile der Bevölkerung, unabhängig von Geschlecht, Bildungsgrad oder Parteienpräferenz konsensfähig zu sein.

Tatsächlich sind die Zustimmungswerte zu rechtsextremen Positionen in den Befragungen der knapp 5000 Studienteilnehmer (aus Ost und West, aus allen Altersgruppen und “Schichten”) erschreckend hoch. Zum Beispiel stimmten knapp 39% der Aussage überwiegend oder sogar voll und ganz zu, dass Deutschland in einem gefährlichen Maße durch Ausländer überfremdet sei. Man hätte die Aussage auch voll und ganz ablehnen, teilweise ablehnen oder ihr nur teilweise zustimmen können. Außerdem fanden 37%, dass Ausländer nur hierher kämen, um unseren Sozialstaat auszunutzen.

Bei etwas offensichtlicher rechtsextremen Aussagen sinken die Zustimmungswerte zwar, sind aber immer noch krass. Ganze 18% unterstützten die Aussage, dass der Einfluss der Juden auch heute noch zu groß sei. Noch 15% meinten, dass die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen seien. What? Und 10% unterstützten die Aussage (“überwiegend” oder “voll und ganz”), dass es wertes und unwertes Leben gebe. ZEHN PROZENT.

Sind das alles Skinheads aus der ostdeutschen Provinz? Nö.

Die Rentner und Vorruheständler als große Gruppe innerhalb der Rechtsextremen machen deutlich, was durch die Aufmerksamkeit der präsenten rechtsextremen Gewalt von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im ersten Moment verschwindet: Jugendliche stellen nicht die größte Gruppe der Rechtsextremen. Des Weiteren setzt sich die Gruppe nicht nur aus Arbeitslosen zusammen, sondern zu einem großen Prozentteil aus Erwerbstätigen (38,4 %).

Interessant wird die Studie da, wo sie diese Aussagen mit bestimmten Merkmalen der Studienteilnehmer in Verbindung bringt. Das ist der Teil, wo man langsam Antworten auf die Wie-wird-man-Fascho-Frage finden kann. Anscheinend liegen Die Ärzte gar nicht so falsch:

Die von Rechtsextremen beschriebene frühe Sozialisationserfahrung ist markant. Beim erinnerten elterlichen Erziehungsverhalten war bei Rechtsextremen die Ablehnung und Strafe durch den Vater höher. Die erfahrene emotionale Wärme durch den Vater war gleichzeitig niedriger, eine offensichtlich rechtsextreme Einstellungen fördernde Kombination, wie der Vergleich zu den Nicht-Rechtsextremen zeigt. Hinsichtlich des erinnerten Erziehungsverhaltens durch die Mutter sind bei Menschen mit ausgeprägter rechtsextremer Einstellung sowohl die negativen Aspekte wie Ablehnung und Überforderung, aber interessanterweise auch der positive Aspekt der emotionalen Wärme höher ausgeprägt. Diese Befunde zum erinnerten elterlichen Erziehungsverhalten könnten ein Indikator für eine geringe Beteiligung des Vaters an der Erziehung sein, die hauptsächlich durch die Mutter geleistet wurde, wodurch späteren Rechtsextremen eventuell ein positives männliches Vorbild / Modell fehlte.

“Papa weg” macht also eher rechtsextrem als “Papa da”. Selbst, wenn sich Mama Mühe gibt. So einfach? Klar, dass das ein Problem quer durch alle Schichten ist. Was noch? Und was war nochmal Resilienz? Ach ja.

Diese Sozialisationserfahrungen haben einen großen Einfluss auf die Ausbildung der Persönlichkeit, aber auch auf die untersuchten Schutzfaktoren wie Resilienz und Selbstwertgefühl oder die Abwesenheit psychischer Befunde, die im Zusammenhang mit Rechtsextremismus stehen wie Depressivität und Ängstlichkeit. Diese psychischen Faktoren sind in der kindlichen Sozialisation ausgebildet worden, werden aber natürlich auch durch Erfahrungen im weiteren Leben verändert oder gefestigt.

Eine nicht dem Bilderbuch entsprechende Kindheit macht aus Kindern also noch keine Rechtsextremen. Psychische Faktoren sind dann aber ein Turbo. Doch Ängste sind ja nicht generell unbegründet. Ist also doch die soziale Spaltung schuld?

Rechtsextreme fühlen sich weniger akzeptiert, sowie in ihrer Umgebung weniger wohl und sicher. Des Weiteren schätzen sie ihre eigene subjektive wirtschaftliche Situation schlechter ein. Zudem schätzen Rechtsextreme im Vergleich zu Nicht-Rechtsextremen die aktuelle wirtschaftliche Situation Deutschlands als schlechter ein.

Nun ja, da kann man natürlich den Jubelmeldungen der Regierenden vertrauen (“Weltmeister in allem!”) oder selbst eine ganz andere Erfahrung machen — Stichwort Leiharbeit, Niedriglohnsektor, prekäre Selbständigkeit, befristete Verträge, Mindestrente. Doch ob davon betroffen oder nicht — für den latent Rechtsextremen stellt sich hier anscheinend selbst die Schuldfrage:

Die Legitimation von rechtsextremer Einstellung wird immer dann erfahren, wenn die Ungleichheit in der Gesellschaft in der öffentlichen Inszenierung zur Erfahrung der Ungleichwertigkeit wird. Dies gilt insbesondere und beispielhaft auch im sozioökonomischen Bereich: Jede Form von Denunziation von Arbeitslosen als zu faul, als nicht leistungsbereit, oder die periodisch auftretende Ahndung von Transferempfängern als Betrüger schafft ein Klima der Stigmatisierung und Ungleichwertigkeit, das der Nährboden für rechtsextreme Einstellungen ist. Die Stigmatisierung von Ausländern und Leistungsbeziehern schafft eine „Hackordnung“, an deren unterstem Ende die Migranten stehen.

Interessanterweise verstärkt also z.B. das Bashing von Arbeitslosen nicht die schon vorhandenen rechtsextremen Auffassungen dieser Arbeitslosen selbst, sondern auch die der Arbeitenden. Die (erlebte oder auch nur erzählte) Ungleichheit macht also rechtsextrem — egal, wo man in der Nahrungskette kauert. Neben den tatsächlichen Ungleichheiten kommt es auch auf die Narration dazu an. Klar, die Medien sind also auch mit schuld. Und der Seehofer? Kommt der ungeschoren davon?

Die Ausländerfeindlichkeit auch bei den Anhängern etablierter Parteien weist auf ein großes Problem hin. Die demokratischen Parteien haben mit der Übernahme von mindestens in der Tendenz ausländerfeindlichen Positionen zwar einerseits diese Wählerschichten an sich binden können. Die Frage ist aber, inwiefern sie damit andererseits eine Spirale in Gang gesetzt haben: Die öffentlich dokumentierte Akzeptanz von Ausländerfeindlichkeit macht diese zu einer ebenso akzeptierten politischen Position.

Das war 2006. Inzwischen rennen die Wähler Petry, Höcke und Konsorten die Bude ein. Mit der Bindung der rechtsextremen Wähler scheint es gerade schwieriger zu werden — trotz markiger Worte der Volksparteien. Warum? Das wusste man schon vor der AfD:

Weiterhin besteht das Problem, dass mit der Übernahme von ausländerfeindlichen Aussagen die demokratischen Parteien sich selbst unter Zugzwang gesetzt haben. Sie stärken die rechtsextreme Parteienkonkurrenz selbst, wenn sie ihr durch „populistische“ Anpassung begegnen. Denn dadurch wird ein zunehmender rechtsextremer Mainstream nur begünstigt. Beim Einsatz von scheinbar relativ harmlosen ausländerfeindlichen Strategien durch demokratische Parteien muss bedacht werden: Ausländerfeindlichkeit ist die Einstiegsdroge in ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild. Deshalb ist bei diesem Thema höchste Sensibilität von politischen Akteuren gefordert, denn von Politikern vertretener Rassismus führt zu Massenrassismus.

Höchste Sensibilität brauchen wir also. Das wird schwierig.

Wir halten fest: Menschen werden laut “Vom Rand zur Mitte” rechtsextrem, wenn

  • die Kindheit von Autorität geprägt war und Vaterfiguren fehlten
  • soziale und ökonomische Ungleichheit als solche selbst erfahren oder durch Medien und Politik vermittelt wird
  • psychische Befunde wie Ängste und Depressionen unbeachtet bleiben
  • eine rechtsextreme Weltsicht generell als Mainstream wahrgenommen wird

Was also machen? Die Studie hat da ein paar Ideen:

  1. Ungleichheit reduzieren
Die Bekämpfung des Rechtsextremismus nur mit Spezialprogrammen wird, berücksichtigen wir die hohen rechtsextremen Einstellungswerte, scheitern. Neben der direkten Konfrontation von demokratischen Inhalten mit rechtsextremen Inhalten müssen die sozioökonomischen Verhältnisse, die den Rechtsextremismus begünstigen, geändert werden. Das betrifft die Arbeitsmarktpolitik, Raumordnung, Wohnungsbau und Sozial- wie Bildungspolitik.

2. Gesetze anpassen

Zur Bekämpfung der Ausländerfeindlichkeit gehört mit Sicherheit auch die Beseitigung der strukturellen Ausländerfeindlichkeit in der Gesetzgebung. Dass auf Grund der nur auf Ausländer anzuwendenden und auch nur von diesen zu brechenden Rechtsnormen diese in der Kriminalitätsstatistik massiv vertreten sind, verstärkt die Zunahme ausländerfeindlicher Einstellung mit Sicherheit zusätzlich.

2. Bildung!

Eine Demokratisierung der Bildungsinstitutionen ist deshalb zwingende Voraussetzung für die Auseinandersetzung mit rechtsextremen Inhalten und Einstellungen. Eine Möglichkeit hierfür ist das kooperative Lernen, das durch die Thematisierung von Vorurteilen, aber auch durch die Form des gemeinsamen Lernens demokratische Werte neben dem reinen Faktenwissen vermittelt. Dies beinhaltet aber auch Konsequenzen für die Lehreraus- und Lehrerweiterbildung, beispielsweise hinsichtlich der Menschenrechtserziehung und eben des kooperativen Lernens. Da ein Zusammenhang zwischen rechtsextremer Einstellung und Autoritarismus besteht, ist es notwendig, die Wissensvermittlung entsprechend wenig autoritär zu gestalten.“

3. Gegen Sexismus vorgehen

Der Zusammenhang rechtsextremer Einstellungen mit Sexismus zeigt auf, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter weiterhin thematisiert werden sollte und Jungen und Mädchen gerade auch in der Schule die gleichen Rechte und Pflichten haben sollten. Kurz gesagt: Zur Bekämpfung des Rechtsextremismus wird eine an den Menschenrechten orientierte Bildung und Erziehung benötigt, die vermittelt, dass Menschenrechte universell sind und für alle Menschen gelten.

4. Diskutieren, statt nach mehr Polizei rufen

Die Bekämpfung des Rechtsextremismus ist, insbesondere in Kommunen und im ländlichen Raum, sehr stark ordnungsrechtlich orientiert. Es wird auf die Präsenz von Polizei, Verboten, Repression, Hausordnungen, etc. gesetzt. Vor dem Hintergrund der vorgestellten Ergebnisse ist zu befürchten, dass diese Strategien bald nicht mehr tragfähig sind: Wenn die Exponenten einer rechten Bewegung in den zivilgesellschaftlichen Institutionen stärker präsent und nicht mehr bloße Randerscheinung sind, wie dies in einigen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsens bereits der Fall ist, muss sich die politische Handlung von einer ordnungspolitischen zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung entwickeln.

There you have it. Wer sich weiter interessiert, der findet hier eine Übersicht aller Mitte-Studien, die am Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und
Demokratieforschung der Uni Leipzig in den letzten Jahren entstanden sind.


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