Social Media für Menschen mit kognitiver Behinderung:
zwischen Neugier und Unsicherheit

Bild: Sean MacEntee, via CC BY 2.0

Wer eine kognitive Behinderung hat, ist in den sozialen Medien kaum vertreten. Doch einige Projekte bieten leicht verständliche Unterstützung für die digitale Kommunikation.

von Timo Klippstein


Es ist einer der berühmtesten Cartoons über das Netz: „Im Internet weiß keiner, dass du ein Hund bist.“ Und genauso bleibt verborgen, ob ein User blind ist, seine Arme durch Contergan geschädigt sind oder ob er Spastiken hat. Um Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates oder der Sinne auszugleichen, gibt es eine ganze Reihe von Hilfsmitteln, Programmen und Apps, die Menschen mit Behinderungen den Zugang zum Netz leichter machen, zu sozialen Netzwerken, zu mobilen Anwendungen. Aber eine Gruppe von Menschen mit Behinderung bleibt außen vor: Menschen mit Lern- und kognitiven Einschränkungen.

Facebook verweist darauf, dass man sich durchaus mit dem Thema beschäftige und diesbezüglich “im Austausch mit Experten und Organisationen” sei, zum Beispiel mit der American Foundation for the Blind”. Twitter verweist auf sein “Twitter Accessibility Team”, das Menschen mit Behinderung ermöglicht, die Anwendung mobil oder als Desktop-Variante zu nutzen. Jedoch geht es auch hier um den Ausgleich körperlicher Beeinträchtigungen wie Sehbehinderung, Farbenblindheit oder motorische Einschränkungen.

Aber allein in Europa gibt es nach Angaben des Projekts „Able to include“ 1,5 bis zwei Millionen Menschen mit einer schweren Lern- oder geistigen Behinderung und zwischen drei und 3,7 Millionen mit leichteren Lern- oder geistigen Beeinträchtigungen. Laut Statistischem Bundesamt lebten in Deutschland Ende 2013 rund 1,5 Millionen Menschen mit einer geistigen, seelischen oder zerebralen Behinderung. Und das Netzwerk Leichte Sprache, ein Zusammenschluss von Übersetzern und Übersetzungsbüros sowie Prüfern, gibt für Deutschland 300.000 Menschen mit Lernschwierigkeiten an.

Die unterschätzte Zielgruppe

Sind Menschen mit geistiger Behinderung also eine irrelevante Zielgruppe für soziale Netzwerke und soziale Medien? Auf jeden Fall eine, die von Entwicklern in der Breite noch wenig berücksichtigt wird, wohl auch deswegen, weil sie am wenigsten verstanden wird. Usability”, also Nutzerfreundlichkeit, ist durchaus ein Thema in der Programmierung von Onlineangeboten. Aber die Bedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung gehen darüber hinaus und nur wenige Web-Entwickler kennen Menschen mit geistiger Behinderung oder können sich in deren Bedürfnisse hineinversetzen. Die Technik bietet nahezu unerschöpfliche Möglichkeiten der technischen Barrierefreiheit. Doch die Vielfalt und Komplexität der Angebote schreckt gerade Menschen mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten häufig ab.

„Ja, es ist eine unterschätzte Zielgruppe“, bestätigt Alexander Perl vom Institut für Informationsmanagement an der TU Braunschweig. Die Nachfrage nach sozialen Medien sei vorhanden, so wie bei anderen Jugendlichen auch, meint er. Doch häufig rieten Freunde, Betreuer oder Familie davon ab, sich anzumelden, denn diese kennen sich oft auch selbst nicht damit aus. Auch Berichte über ungeschützte Privatsphäre, Cyber-Mobbing oder Facebook-Parties verstärken die Befürchtungen. „So entsteht Angst vor der Nutzung sozialer Medien.“

Er setzt diesem Problem das Projekt „home“ entgegen — ein eigenes soziales Netzwerk, das eine vereinfachte Anwendung in einem sicheren Umfeld ermöglichen soll. Menschen mit Lern-, Lese- und Schreibbeeinträchtigung sowie geistiger Behinderung sollen es leicht bedienen können. Es versteht sich dabei aber, versichert Perl, nicht als exkludierendes Angebot.
Mit Studenten des Studiengangs Informationsmanagement, beraten von Menschen mit geistiger Behinderung sowie dem Integrations- und Therapiezentrum des Deutschen Roten Kreuzes in Wolfenbüttel, hat er im Jahr 2011 begonnen, das Netzwerk „home“ aufzubauen. 2015 soll es starten.

Ein soziales Netzwerk zum Ausprobieren

„home“ verwendet zum Beispiel für Funktionen mehr Symbole und weniger Text. So gibt auch einen Bild-Log-in, bei dem die Nutzer eine Kombination aus Bildern zusammenklicken müssen. Dies hilft Menschen, denen das Schreiben schwer fällt. Eine zentrale Funktion ist das Posten von Bildern, erläutert Alexander Perl, denn Bilder stellen für viele Menschen mit Lernbehinderung eine einfachere und verständlichere Möglichkeit dar, zu kommunizieren. Deshalb soll es auch ein Malwerkzeug geben, um Bilder anstelle von Fotos einzusetzen.

„Es ist eine Plattform zum Ausprobieren, um soziale Medien kennenzulernen“, sagt der Wirtschaftsinformatiker. „Wir bieten nicht alles, was Facebook bietet — aber bewusst. Wir setzen auf eine Funktionsreduktion.“ Das Projekt will sich in zwei Schritten etablieren: Im ersten Schritt werden Mentoren geschult, die dann ihre jeweilige Gruppe schulen — zum Beispiel eine Wohngruppe von Menschen mit geistiger Behinderung. Diese agiert zunächst getrennt von anderen Gruppen, und jedes einzelne Mitglied sammelt erste eigene Erfahrungen. Im zweiten Schritt vernetzen sich dann die Teilnehmer mit anderen außerhalb ihrer Wohngruppe. Später soll sich, so schwebt es Alexander Perl vor, das Netzwerk auch für Nutzer außerhalb der Zielgruppe öffnen und sich so an ein echtes soziales Netzwerk annähern, die Nutzer sollen den Schutzraum verlassen. Mit Blick in die Zukunft sagt Perl: „Am Ende soll „home“ eine Entscheidungshilfe bieten, um zu sagen: Ich will social media nutzen — oder nicht.“

Hilfreiches aus der Werkzeugkiste

Einen anderen Zugang zu den sozialen Medien ermöglicht ein Projekt der TU Dortmund. Eine Gruppe von Studenten der Rehabilitationspädagogik um Professor Christian Bühler hat dort die „fb-toolbox“ entwickelt. Während das Projekt der TU Braunschweig ein eigenes System anbietet, handelt sich bei der „Werkzeugkiste“ der Dortmunder um eine Anleitung, wie sich Facebook bedienen lässt. Die Anleitung ist in Einfacher Sprache geschrieben und vielfach mit Videoanleitungen versehen, so dass möglichst viele Menschen sie verstehen können — egal, ob der Nutzer eine Behinderung hat, nur wenig Deutsch versteht oder eine geringe Lesekompetenz besitzt. Die Werkzeugkiste setzt bei Null an und erklärt, was Facebook überhaupt ist, wie man sich anmelden kann, was dafür benötigt wird und wo man Hilfe findet — Schritt für Schritt. Auch in Dortmund haben Menschen mit Lernschwierigkeiten die Studierenden bei der Umsetzung beraten.

„Wir wollten den Zugang für Menschen mit Lernschwierigkeiten zu einem sozialen Netzwerk im Sinne eines Empowerment unterstützen“, erläutert Bühler seine Idee. Auch er lenkt den Blick auf den verbreiteten Schutzgedanken. Angehörige und Betreuer wollten Menschen vor Überforderung bewahren und haben sie daher nicht in die allgemeinen sozialen Medien gelassen, so auch seine Einschätzung, warum nicht mehr Menschen mit Lernbehinderung diese Medien nutzen. Eine Sonderlösung, also ein eigenes Netzwerk nur für Menschen mit Lernschwierigkeiten, halten die Wissenschaftler um Christian Bühler jedoch für exkludierend.

Verständliche Kommunikation im Fokus

Aber auch wenn die TU Dortmund damit einen anderen Weg beschreitet als die TU Braunschweig — beide Projektleiter stimmen überein, dass es Schwierigkeiten mit der Komplexität bei Netzwerken wie etwa Facebook gibt. Bühler nennt als Beispiel: „Schon der Begriff „Freund“ ist ja irreführend.“ Die „fb-toolbox“ erklärt daher, was Freunde bei Facebook sind, und dass diese sich nicht zwingend mit den realen Freunden decken. Auch Bereiche wie Grundeinstellungen oder Sicherheitseinstellungen seien gar nicht im Blick von Menschen mit Lernschwierigkeiten, sagt Christian Bühler, deshalb berücksichtigt die “fb-toolbox” auch diese Aspekte.

Deutlich wird, dass soziale Medien bisher für den breiten Gebrauch, aber kaum für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geistiger Behinderung ausgerichtet sind. Die Anforderungen an die Technik und die Bedienung, aber auch die jeweiligen Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen sind höchst heterogen. Manche haben Probleme, komplexere Sätze zu lesen oder zu schreiben und sind auf Leichte Sprache angewiesen. Andere können nicht schreiben und benötigen Grafiken und Symbole, um zu kommunizieren und interagieren. Verständlich zu sprechen, zu lesen und zu schreiben steht somit bei der Frage nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung immer im Fokus.

Inklusion mithilfe sozialer Medien

Genau dort setzt Inclusion Europe an. Die Europäische Vereinigung von Menschen mit geistiger Behinderung und ihrer Familien realisiert seit dem Frühjahr 2014 mit mehreren europäischen Universitäten, Nicht-Regierungs-Organisationen und IT-Zentren sowie mit Unterstützung der EU das Projekt „Able to include“. Das auf drei Jahre angelegte Projekt zielt auf mehreren Ebenen darauf ab, dass Menschen mit geistiger Behinderung mittels Software leichter kommunizieren und interagieren können. Denn: „Die Verwendung von Medientechnik ist ein Bereich, von dem Menschen mit Behinderung zum Teil ausgeschlossen sind“, beschreibt Silvana Enculescu, Kommunikationsbeauftragte von Inclusion Europe, die Lage.

Im Fokus von „Able to include“ stehen mobile Geräte, für die seit April 2015 auch die Able Services App” für iOS und Android erhältlich ist. Die App enthält drei Dienste: Mit dem Programm Simplext” werden Online-Texte automatisch vereinfacht, Dokumente, aber auch Apps und Beiträge in sozialen Netzwerken wie Facebook werden dadurch zugänglich gemacht. „Able to include“ sieht in der Vereinfachung durch Übersetzungsbüros für Leichte und Einfache Sprache ein Problem: Es ist nicht günstig und es dauert eine gewisse Zeit; vor allem in Zeiten, in denen die Nutzer Texte in Echtzeit erzeugen und die Publikationsgeschwindigkeit von Inhalten sehr hoch ist.

Die Software Text2Picto” arbeitet grafisch und übersetzt Piktogramme in Text und wieder zurück. Dies hilft beispielsweise beim Lesen von Emails, Websites oder auch Chats. Ergänzt wird dies von eSpeak” der bestehenden Sprachausgabe von Texten, wie man sie vom Smartphone bereits kennt.

Das Softwarepaket basiert auf Open Source und versetzt Entwickler in die Lage, zukünftige und bestehende Anwendungen möglichst barrierefrei zu gestalten. Laut Able to Include soll die Anwendung in verschiedenen Bereichen helfen, wie zum Beispiel Mobilität, Arbeit oder Freizeit.

Zugang zur Informationsgesellschaft

Die Vision des Projekts fasst Silvana Enculescu von Inclusion Europe so zusammen: „Da Menschen mit geistiger Behinderung und Lernschwierigkeiten gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft sind, sollten sie auch als solche behandelt werden, und ihnen sollten die gleichen Möglichkeiten gegeben sein, auf die Informationsgesellschaft zuzugreifen.“

Genau dies schwebte den Verfassern der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) vor. Artikel 21 des „Übereinkommens der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ beschreibt das Recht auf freien Zugang zu Informationen und schließt die Freiheit ein, „(…) Informationen und Gedankengut sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben, gleichberechtigt mit anderen und durch alle von ihnen gewählten Formen der Kommunikation (…)“.

Der (langsame) digitale Wandel

Die UN-BRK ist mittlerweile für mehr als 159 Länder verbindlich, doch an Erfüllung ihrer Normen mangelt es — auch — im Bereich der Kommunikation. Die Vertragsstaaten haben sich zwar verpflichtet, private Rechtsträger, die, einschließlich durch das Internet, Dienste für die Allgemeinheit anbieten, dringend dazu auf[zu]fordern, Informationen und Dienstleistungen in Formaten zur Verfügung zu stellen, die für Menschen mit Behinderungen zugänglich und nutzbar sind”. Aber der sonst so schnelle digitale Wandel vollzieht sich hier eher langsam.

Dabei interessieren sich auch Menschen mit kognitiver Behinderung, gerade die jüngeren, durchaus für Facebook, Youtube oder Google und Blogs (worauf nicht nur eine Befragung des Able to Include-Partners Building Bridges Training” hinweist).
Und sie nutzen sie auch, wie zum Beispiel Daniela Huhn. Sie nimmt Teil an digitaler Kommunikation und teilt sich zugleich mit. Daniela Huhn arbeitet in einer Werkstätte sowie seit fünf Jahren auch im Büro des Verbandes Special Olympics Deutschland (SOD), der deutschen Organisation dieser weltweit größten Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Für den SOD schreibt sie über die Wettkämpfe, wie im September 2014 anlässlich der Europäischen Sommerspiele in Antwerpen, und für die Nationalen Winterspiele 2015 in Inzell Anfang März. Dazu schrieb Daniela Huhn auf Facebook:

Special Olympics Deutschland | Facebook
Heute ist der 25.02.2015. Am Montag beginnen die Winter spiel in lnzell, Im Büro von SOD sind nur noch Wenige Mitarbeiter. Alle anderen sind schon in Inzell. Sie Bereiten alles vor, damit die Athleten gute Wettbewerbe machen können. Dafür arbeiten sie Tag und Nacht. Ich war noch nie bei Winterspiele, aber ich finde es toll was du Athleten im Winter Sport machen. Wir in Berlin haben Iceine Schneepiste, der uns bin ich auch im Winter nicht dabei. Ich Wünschen allen Athleten viel Erfolg und viel Spaß und das alle gesund nach Hause kommen.
Viele Liebe Grüße Eure Daniela Huhn.www.facebook.com

Auch Carina Kühne, die das Down-Syndrom hat, schreibt bei Facebook sowie in ihrem Blog und dem Blog der Aktion Mensch über ihren Alltag und ihre Erfahrung mit Inklusion. 2014 spielte sie in der Filmproduktion „Be My Baby“ sie eine junge Frau mit Down-Syndrom, die ein Baby haben möchte. Und ganz selbstverständlich berichtete sie darüber bei Facebook:

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