TEDx Stuttgart: Was ich eigentlich sagen wollte

oder: “Das Dilemma des digitalen Menschen”


Prolog

Es war schon immer mein Traum, einmal auf einer TEDx Veranstaltung sprechen zu dürfen. Dieser Traum ging am 19.10.2015 in Stuttgart mit einigen überraschenden Horizonterweiterungen in Erfüllung.

Daniel Backhaus, TEDx Stuttgart

Die erste Horizonterweiterung: Obwohl ich schon viele, richtig viele Vorträge gehalten habe, ist ein TEDx Vortrag eine völlig andere Liga. Dort oben im Rampenlicht zu stehen, vor lauter Licht das Publikum nicht zu sehen, auf einem roten kreisförmigen Teppich, der einem die Bewegungsfreiheit vorgibt, und sein Thema in unter 18 Minuten rüberzubringen, ist sehr herausfordernd.

Die zweite Horizonterweiterung: Obwohl ich meinen Vortrag aufwendig vorbereitet und gelernt hatte und für das vorgetragene Thema wirklich brenne, habe ich es nicht geschafft, dass, was ich vermitteln wollte, auch zu sagen, was vermutlich der Aufregung und ungewohnten Situation geschuldet war.

Die dritte Horizonterweiterung: Meine Selbsteinschätzung kurz nach dem Vortrag war vernichtend und ich war sehr unzufrieden mit mir, nicht das abgeliefert zu haben, was ich von mir auf einem solchen Event erwartet hätte. Nichtsdestotrotz habe ich aus dieser Unperformance vieles für mich gelernt, was mich hat wachsen lassen. Jeder kann sich das Video ansehen und sich selbst ein Bild machen. Und wer wissen will, was ich eigentlich sagen wollte, hier ist das Skript:


„Das Dilemma des digitalen Menschen“

[ Intro ]
Wir schreiben das Jahr 2015. Noch nie hatte der Mensch Zugriff auf eine so gigantische Menge an Informationen und das orts- und zeitunabhängig. Ebenso besaß er nie eine größere Auswahl an Kommunikationsmöglichkeiten. Wir alle wissen, je mehr Möglichkeiten, desto schwieriger die Wahl, denn bei jeder Entscheidung könnte die andere die bessere gewesen sein. Diese Komplexität nenne ich Digitale Transformation.
In Zeiten erhöhter Komplexität sucht man nach Orientierung und diese versuche ich Euch heute zu geben. Mein Aufruf dazu lautet: Rettet die Kommunikation!
Aha, soso, werdet Ihr sagen. Was meint er denn damit? Befindet sich die Kommunikation denn überhaupt in Gefahr? Ja, das tut sie. In großer Gefahr sogar. Warum? Das will ich Euch mit folgender Story verdeutlichen:

[ Anfänge des Internet und der eMail ]
Ich erinnere mich genau, wie es war, mich damals in den 90ern ins Internet einzuwählen und eMails zu versenden. Das klang ungefähr so: [Modemsound einer analogen Einwahl aus den 90ern]

Das Modem mit den wild blinkenden Dioden zu beobachten, wie es mich kreischend vor Anstrengung ins Internet gebracht hat, führte mir eindrucksvoll vor Augen, dass ich mich am Beginn einer Revolution befand.
Um eine eMail zu versenden, musste man eine Software öffnen, seine Botschaft per Tastatur eintippen, idealerweise einen eindeutigen Betreff formulieren, die zu versendende Datei anhängen und das ganze Paket dann an eine zuvor eingetippte eMail-Adresse versenden. Der Empfänger konnte wenige Sekunden später die Nachricht lesen und den Anhang öffnen, egal wo auf der Welt er sich gerade aufhielt. Absoluter Wahnsinn. Faszinierend.

[ eMail wird zur Unkultur ]
Das Problem: Damals hat uns Nutzern niemand beigebracht, wie man diese tolle neue Kommunikationstechnologie nutzt. Das ist ungefähr so, als ob man sich ein Auto kauft, mit Vollgas losfährt, an der Wand endet und anschließend darüber nachdenkt wie man bremst.
So kam es wie es kommen musste: Wir unwissenden Do it yourself-Nutzer haben die eMail versaut.
Insbesondere im geschäftlichen Kontext kennen wir die Konsequenzen. Die Wenigsten wissen um die wahre Kunst, eine eMail zu verfassen. Sie schreiben ohne Hintergedanken, ohne Bewusstsein. Bewusstsein beim Thema eMail bedeutet zu wissen, dass in das An-Feld diejenigen kommen, von denen man ein konkretes Feedback oder Doing erwartet, ins CC-Feld diejenigen, die man gerne informieren möchte, die sich aber nicht zwangsläufig informieren müssen. Das BCC- Feld sollte idealerweise gar nicht besetzt werden und der Betreff sollte so geschrieben sein, dass sich der Empfänger vom Inhalt der eMail ein Bild machen kann und auf dieser Grundlage die eMail priorisieren oder archivieren kann.

[ Versuche der Rettung ]
Heute gibt es Betriebsanleitungen, u.a. vom Duden mit dem Titel „Briefe und E-Mails gut und richtig schreiben.“. Macht das heute noch Sinn oder ist es für ein solches Rettungsmanöver zu spät? Die große Frage ist, ob wir die Unkultur im Umgang mit der eMail noch rückgängig machen können? Die eindeutige Antwort lautet: Ich weiß es nicht.
Aber wir haben eine neue historische Chance. Und wie diese aussieht zeigt folgende Story:

[ Instant Messaging ]
Vor 3 Jahren habe ich meiner damals 9jährigen Tochter Lilli stolz ihre erste eMail eingerichtet, die sie bis heute konsequent nicht nutzt. Das tut sie nicht böswillig. Vielmehr hat sie einen Kanal gefunden, der viel besser zu ihr passt und der klingt so: [Empfangssound einer Whatsapp-Nachricht].
Dieser Sound gehört zu Whatsapp. Whatsapp ist das Synonym für die neue Art der Kommunikation die sich Instant Messaging nennt. Wenn man genau hinsieht erkennt man unschwer, dass Whatsapp, also Messaging, im Grunde genommen die Renaissance der eMail ist. Beides funktioniert sehr ähnlich.

[ Vorteile Whatsapp ]
Was aber hat Lilli dazu bewogen sich für Whatsapp und gegen eMail zu entscheiden? Was kann Whatsapp besser als eMail? Whatsapp ist mobil viel besser zu bedienen und die meiste Kommunikation findet heute nicht mehr vom Rechner, sondern vom Smartphone statt. In Whatsapp kann man Emoticons verwenden, um Worte zu sparen. Eine sehr elegante Art Emotionen in Bilder zu verpacken. Aber das kann nicht alles sein. Der wichtigste Punkt ist, dass man mit Whatsapp Sprache versenden kann. Man tippt nicht mehr, man spricht. Versendet keine Buchstaben sondern Audiofiles.

[ Chancebeispiel: Digitaldisput ]
Warum das für meine Tochter, für mich und für uns alle in meinen Augen eine revolutionäre Entwicklung, ist macht folgende Begebenheit deutlich: Lilli hatte einen Streit mit ihrer besten Freundin, während sie sich jeweils bei sich zu Hause befanden. Daher trugen sie ihren Disput über Whatsapp aus. Ich fand das furchtbar. Soweit sind wir schon, tragen Dispute digital und nicht mehr analog aus.
Je länger ich jedoch darüber nachgedacht habe, desto mehr Vorteile fielen mir auf. Die Vorteile sind: Dadurch, dass man seine Stimme überträgt, bekommt der andere Emotionen mit, die mittels Text und Emoticons in der Qualität nicht vermittelbar sind. Dadurch, dass man sich nicht gegenübersteht, hat man Zeit sich eine angemessene Antwort zu überlegen. Dadurch, dass sich der Schlagabtausch zeitlich verzögert, wird ihm die Dynamik genommen. Ideale Voraussetzungen Kommunikation ein Stück besser und verständlicher zu machen. So sollte es sein.

[ Fazit ]
Mein Fazit klingt so: [Sound eines schlagenden Herzens]
Digitalisierung ist schon längst zum Herzschlag unser aller Leben geworden und sowie Technologie an sich nicht gut oder böse, Kommunikation an sich nicht gut oder schlecht ist, ist ein Smartphone immer nur so smart wie sein User. Aber was macht den Unterschied aus?
Ganz einfach: Training, Training, Training, damit unser digitaler Kreislauf stabil und belastbar ist.


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