Und sie machten Selfies, als sie Karotten aßen

Selfies — die neuen Hoffnungsträger?

We have inherited hope — the gift of forgetting

So lautet der Titel der aktuellen Ausstellung des finnischen Künstlers Pekka Jyhlhä, die ich letzte Woche in Helsinki besuchte. Sie handelt von aktuellen Weltgeschehnissen, die keinen kalt gelassen haben. “Angefangen hat alles mit Charlie Hebdo, dann ging es mit einem Unglück nach dem anderen weiter”, so Pekka. Themen wie der willentliche Absturz des Airbus A320 von Germanwings, das am Strand von Bodrum angeschwemmte Flüchtlingskind Alyan, und die unaufhaltbare Klimaerwärmung werden in einzigartigen Exponaten verarbeitet und dargestellt.

Ergreifend und doch hoffnungsvoll. Kunst, so wie ich sie mag.

Ein Ausstellungsstück ist mir dabei besonders ins Auge gesprungen:

Exponat Nr. 8: “And they took Selfies, as they ate carrots.”

Mein erster Gedanke: Wie kitschig ist das denn? Daraufhin folgte kurze Empörung, dass man einen wunderschönen Schneehasen für die Kunst missbrauchte. Letztendlich wollte ich dann nur eines wissen: Wozu?
(Innerhalb von Sekunden ging ich durch Abneigung, Empörung und Neugier — Good Job Pekka!)

Wie passt ein Selfie-Stick-haltender Hase in diese von Tragik und Hoffnung gefüllte Ausstellung?

Doch wie es die Kunst so mag, muss man oft zwei Mal hinfühlen, um zu verstehen, oder um seine eigenen Gedanken zu sammeln.


Selfies sind zu einem Teil unseres persönlichen Ausdruckes geworden. Wir können unseren Mitmenschen zeigen, wer wir sind und wie wir gesehen werden möchten. Imagepflege, nennt man das.

Ich war noch nie ein großer Selfie-Fan. Für viele gehören sie jedoch zum täglichen Leben dazu. Ein Selfie nach dem Aufstehen (#Iwokeuplikethis), ein Selfie mit der besten Freundin (#friendsi), ein Selfie im aktuellen Lieblingsoutfit (#ootd) und nicht zu vergessen, das Selfie im Fitnessstudio (#hatersgonnahate). Das finde ich OK, das macht man heutzutage so. Studien zeigen, dass Selfies das Selbstwertgefühl auf positive Weise beeinflussen können, vor allem bei jungen Mädchen. Auch das kann ich mir vorstellen.

Aber was wenn, wir Selfies bis jetzt fehlinterpretiert haben?


Täglich sind wir von großen und kleinen Katastrophen, aber auch von Glück, Mut und Hoffnung umgeben — so wie der Hase in der Ausstellung. Und was macht er? Ihn interessiert es nicht, was um ihn herum passiert. Er macht stattdessen ein Selfie nach dem anderen. Genau so wie wir.

Lieber wegdrehen, Augen zusammenkneifen, Kussmund formen und knipsen, anstatt sich der Realität zu stellen. Das Ego wird gepusht und die Sorgen für eine Zeit lang vergessen.

Doch dann kam mir ein anderer Gedanke:

Kann es sein, dass Selfies nicht die Lösung des Rätels “Wer bin ich?” bergen, sondern wir die Antwort auf die Frage “Wo bin ich?” darin suchen?

Wo stehe ich im Weltchaos? Wo ist mein Platz in diesem Hin und Her zwischen Gut und Böse; in diesem Auf und Ab zwischen Unglück und Freude? Bin ich auf der Verlierer- oder auf der Gewinnerseite?

Selbst wenn uns ein Selfie Antworten auf diese Fragen geben könnte, möchten wir sie überhaupt kennen?
Sind wir wirklich interessiert, unseren eigenen Platz zu finden, oder suchen wir uns lieber eine geeignete Kulisse, um im richtigen Moment den 
Aufnahmeknopf zu drücken? 
Geht es dabei wirklich um das Sein, oder mehr um den Schein?

Ich kann diese Fragen nicht beantworten. Wenn überhaupt, dann nur für mich selbst.

Ich versuche, mehr im Jetzt zu leben; die Welt um mich herum bewusster wahrzunehmen und den Moment voll auszukosten, sei er nun wunderschön oder unangenehm (natürlich will ich in letzteren auch nicht zu lange verweilen). Das ist für mich eine bessere Alternative, als der krampfhafte Versuch den Augenblick mit einem Foto einzufangen.


Nachdem dieser kleine Hase so viele Fragen in mir aufgeworfen hatte, wollte ich trotzdem die Absichten des Künstlers erfahren. Hier ist seine Interpretation:

“Unsere heutige Welt ist extrem unsicher und ruhelos. Als Reaktion darauf schauen die Menschen mehr auf sich selbst und legen ihren Fokus nach innen. Die Probleme sind zu groß, und die Möglichkeiten sie zu beeinflussen zu gering. Deshalb fokussieren sich die Leute auf das, worüber sie Kontrolle haben. Wenn die Welt um einen herum zerfällt, ist das eine ganz natürliche und verständliche Reaktion.”

Ein Selfie zur Findung des Selbst?

Ein Selfie zur Behaltung der Kontrolle?

Ein Selfie zum Vergessen der eigenen Ohnmacht?

Ein Selfie als spiritueller Anker in Zeiten der Unsicherheit?

Ich war auf eine niederschmetternde Kritik über die hedonistische Gesellschaft gefasst; auf so eine positive Auslegung, mit viel Verständnis für die in Unbeständigkeit aufgewachsene Generation, hatte ich jedoch nicht erwartet.

Vielleicht hat er ja recht, der Pekka. Denn wer gerade dabei ist das perfekte Licht, die richtige Armhaltung und einen geeigneten Filter zu finden, muss sich nicht, zumindest für eine kurze Weile, mit Weltproblemen herumplagen.

Dem Hasen ist es vielleicht doch nicht egal, was um ihn herum passiert. Er sucht einfach nach Copingstrategien, um sich in der Welt zurechtzufinden und nicht von Trauer und Angst überwältigt zu werden.

Mit Fokus auf uns selbst, brauchen wir uns nicht dem Grauen der Welt zu stellen. Vorausgesetzt natürlich, er läuft uns nicht nicht vor die Linse.


Zu guter Letzt konnte ich es mir doch nicht verkneifen dem Hasen Gesellschaft zu leisten. Es dient ja alles einem höheren Zweck, oder?


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