Warum von den Chancen der Digitalisierung ohne Realwirtschaft wenig übrig bleibt

Von Wertschätzen zum Wertschöpfen. Ein Plädoyer für eine Aufwertung von Industrie und Handwerk — und warum das für die Zukunft von suburbanen Räumen besonders wichtig ist.

Erschienen in Tirols größtem Wirtschaftsmagazin Eco Nova

Ich hatte immer schon eine Leidenschaft für Geografie. Für bunte Karten, Höhenlinien und das Spiel mit der Orientierung. Viele meiner alpinen Ausflugsziele finde ich über Satellitenbilder. Ich suche nach Seen, Flüssen und markanten Stellen im Gelände. Dieses Spiel hat mich schon zu vielen Orten geführt, die ich über die Google-Suche wohl nie gefunden hätte. Es ist wie eine Schatzsuche, jenseits von touristisch propagierten Hotspots.

Neben der Natur entdeckt man so in vielen Seitentälern auch etwas, was in der öffentlichen Wahrnehmung wenig Aufmerksamkeit bekommt: industrielle Zonen, Werkshallen und Produktionsstandorte. Ihre großen Gebäude kann man in der Vogelperspektive nicht übersehen. Im Alltag drängen sie sich selten in unsere Sichtachsen, sind oft auch bewusst versteckt. Entgegen der glänzenden Bürogebäude und herausgeputzten historischen Ortszentren sind sie in der fotografischen Inszenierung von Regionen quasi nicht existent — obwohl Industrie und Handwerk mit großer Wertschöpfungskraft das Fundament unserer kleinstrukturierten Wirtschaft bilden.

Diese Wertschätzung ist in einer Zeit, in der viele meinen, das Programmieren von Smartphone-Apps würde diese Realwirtschaft ablösen, gering. Dass auch eine Digitalisierung auf eben dieser technischen Infrastruktur aufbaut, entzieht sich besonders bei jungen Menschen dem Verständnis. Spätestens wenn ich danach frage, welche App denn das Serverzentrum von Facebook baut, die Güter von Amazon liefert, die Autos von Uber produziert und die Wohnungen von Airbnb einrichtet, dämmert es ihnen langsam. Doch der Facebook-Stream zeigt selten diese produzierende Wirtschaft und dies mag mitunter ein Grund sein, warum viele Schätze der alpinen Regionen unbeachtet bleiben. Lieber schicken wir kreative Talente ins Silicon Valley, als ein kraftvolles Unternehmensnachfolgerprogramm zu starten, um altes Handwerk mit neuen Köpfen für die Zukunft aufzustellen.

Doch was passiert, wenn in den vielen Seitentälern die Betriebe zusperren? Was passiert, wenn dadurch kommunale Wertschöpfung ausbleibt, damit das Geld für regionale Infrastruktur und Versorgung fehlt und wir irgendwann bemerken, dass auf der Handwerker-App keine Handwerker mehr zu finden sind?

Nein, wir brauchen keine Medienkampagne für Industrie und Handwerk. Wir brauchen konkrete Maßnahmen, um junge Talente für diese Welt zu begeistern und damit neues Wissen und Kreativität hineinzubekommen. Das ist meist nicht so schwer, denn spätestens wenn sie einen derartigen Betrieb mit 100 Mitarbeitern von innen sehen, keimt Begeisterung für echtes Unternehmertum auf, das nicht den Exit (Verkauf), sondern Arbeitsplätze schafft.

Der alpine Raum, in dem wir leben, hat mehr zu bieten. Wir müssen nur den Blickwinkel ändern, genauer hinsehen und die Potentiale erkennen, forcieren und schätzen, die uns in einer globalisierten Weltwirtschaft den Wohlstand sichern können. Denn: Erst vom bewussten Wertschätzen schaffen wir es zum nachhaltigen Wertschöpfen.

Da geht was.



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