Vor ihren Augen — Kritik

Großartige Gedanken machen sie sich nicht, als die beiden FBI-Agenten Ray und Jess, eigentlich bei der Anti-Terror-Einheit angestellt, zu ihrem neuesten Tatort aufbrechen. Doch die Reaktion von Ray, der sich als erster der Mülltonne nähert, in welcher das Opfer rücksichtslos wie Abfall einfach weggeworfen wurde, spricht sofort Bände. Um Luft ringend und wie in eine Schockstarre verfallen läuft er zu seiner Partnerin zurück, um ihr zähneknirschend die grauenvolle Entdeckung mitzuteilen. Die junge Frau, die vergewaltigt und ermordet wurde, ist die Tochter von Jess.

Vor ihren Augen, ein US-amerikanisches Remake des argentinischen Films In ihren Augen, beginnt ungemein stark, indem er seinen zentralen Mordfall frühzeitig ganz eng mit den entscheidenden Hauptfiguren verzahnt. Während sich die FBI-Agentin in tiefster Trauer um ihre verlorene Tochter verständlicherweise weitestgehend zurückzieht, ist ihr Partner Ray geradezu besessen davon, den Täter zu fassen und seiner gerechten Strafe zu unterziehen. Die dritte entscheidende Figur im Bunde ist die aufstrebende Staatsanwältin Claire, die sich zwischen persönlicher Motivation und dem strikten Befolgen von Vorgaben höherer Instanzen wiederfindet. Als wesentlicher Schnitzer in diesem Film erweist sich hingegen die zerfaserte Dramaturgie, die daraus resultiert, dass die Handlung ständig hin und her springt zwischen den aktuellen Ereignissen in der Gegenwart sowie Rückblenden, die 13 Jahre in der Vergangenheit Geschehnisse porträtieren, welche ganz entscheidend sind für die Entwicklung der Charaktere.

Regisseur Billy Ray (Lüge und Wahrheit — Shattered Glass) treibt seine Handlung zwischen beruflichem Ethos, privater Betroffenheit und Restriktionen durch staatliche Instanzen voran und macht aus dem eigentlich simplen Krimi-Thriller-Plot ein atmosphärisch brodelndes Noir-Drama. Rasante Entwicklungen, spannende Höhepunkte oder actiongeladene Zwischenfälle sind in Vor ihren Augen eher rar gesät, doch dafür wird man mit intensiv gezeichneten sowie gespielten Figuren belohnt, denen man ihre Probleme, Motive und Gewissensbisse jederzeit ansieht. Viel spielt sich in diesem Film auf den Gesichtern oder besser in den Augen der Protagonisten ab und es ist dem starken Hauptdarsteller-Trio zu verdanken, dass der nicht-chronologische, sprunghafte Erzählmotor das Werk nicht vollends ins Stottern bringt.

Der verbissene Eifer von Chiwetel Ejiofor (Salt), die Trauer sowie verbrauchte Resignation von Julia Roberts (Pretty Woman) sowie der wie eigentlich in jedem Film mit ihr zerbrechlich wirkende Ausdruck von Nicole Kidman (Dogville), deren Antlitz auch im höheren Alter paradoxerweise immer mehr einer Porzellanpuppe gleicht, verschmelzen zu intensiven Gefühlswelten, die den Betrachter viel stärker in einen Strudel der überschäumenden Emotionen und zweifelhaften moralischen Entscheidungen ziehen als die eigentliche Handlung, die damit beschäftigt ist, Allgemeinschauplätze des Genres wie die unermüdliche Ermittlungsarbeit abzugrasen. Am Ende ist der Film womöglich etwas zu sehr darauf bedacht, überraschende Enthüllungen zu präsentieren anstatt Charaktere und einzelne Handlungsstränge befriedigend auszuarbeiten, doch als Zuschauer ertappt man sich letztlich dabei, dass man den Weg dahin durchaus gefesselt sowie in die persönlichen Schicksale involviert mitverfolgt hat.

Fazit

Unabhängig von seinem argentinischen Vorbild betrachtet ist Vor ihren Augen ein kompetent inszenierter Krimi-Thriller, dessen Dramaturgie aufgrund der nicht-chronologischen, sprunghaften Erzählweise sichtbar leidet. Dieses Manko macht er auf der anderen Seite durch einen starken Cast wieder wett, der den Figuren die nötige Emotionalität verleiht, sodass der Film zu einem atmosphärisch dichten Drama mutiert, bei dem man den Charakteren gespannt auf ihren Wegen folgt. Auch wenn diese Wege einige Genre-Klischees beinhalten und zu einem moralisch durchaus diskussionswürdigem Finale führen, das sicherlich nicht jedem gefallen wird.

Diese Kritik ist zuerst auf Moviebreak.de erschienen. Folgt uns dort:

Autor: Patrick Reinbott


Originally published at www.moviebreak.de.

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