Während du schläfst

Während ich dir beim Schlafen zusehe, streiche ich sanft über deinen Kopf. Ich erinnere mich an Früher, als wir uns kaum eine Sekunde trennen wollten. Wir haben im Sommer stundenlang im Gras gelegen, nicht nur gelegen, philosophiert, gestritten, gelacht und geschwiegen. Wir haben uns im Winter Schneemänner gebaut, ihnen Namen gegebenen und uns ausgemalt, was das für eine Welt wäre, in der jeder sein dürfte. Du hast mich nie verurteilt für viele meiner Schwächen, mich bestärkt in meinen Talenten und mich angesehen, als würde das, was ich sage, Sinn ergeben. Wenn ich verloren war, hast du mich wiedergefunden. Aber wir haben es nie ausgesprochen.

Wir waren nie die Sorte Menschen, die ihr Glück in Kindern, Häusern oder Berufen zu finden glaubten. Wir wollten niemals abhängig sein oder zusammen wohnen. Wir haben uns lustig gemacht, über Menschen, die in Kategorien und Schubladen denken, die nur eine Sicht auf die Dinge kennen, die glauben, die Welt habe nur eine Farbe. Wir hatten keine Berührungsängste, egal mit wem, egal wo wir waren, egal was wir sahen. Wir waren kein Paar, wir waren auch keine Freunde. Wir waren froh, dass wir passten und bleiben durften, zum allerersten Mal. Aber wir ahnten, dass es nicht von Dauer war.

Du kommst aus einer Familie, wo alles noch so ist, wie immer. Du kennst weder körperlichen noch seelischen Schmerz, deine Eltern leben noch, du bist friedlich groß geworden, nicht im Krieg. Du weißt nicht, dass die Welt für manche eben besser läuft, als für andere. Ich habe dir das immer verziehen, gegönnt natürlich, weil ich dich liebe. Weil du mich mit Samthandschuhen angefasst hast, wenn es nötig war, so wie ich dich. Während du neben mir liegst und schläfst, bin ich dir immer noch sehr nah, viel näher könnte es gar nicht sein. Aber die Nähe schmeckt bitter und ich muss aufpassen, dass mein Leben nicht aus meinen Augen läuft. Das Passen fühlte sich gut an und war eigentlich nur ein günstiger Kompromiss in einer teuren Erwartung. Ich wollte es wirklich, schon damals, als ich es dir versprach. Aber wir wussten beide, dass ich es nicht halten würde.

Du wirst wach und bemerkst, dass ich dich ansehe. Ich sage, ich müsse schnell gehen, ich würde sie verpassen, die Bahn. Du bleibst liegen, weil du musst. Während du schläfst ist alles noch wie früher. Ich bin aufgewacht, schon immer.


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