Wann entfernt München alle Straßennamen, die nach Nazis benannt wurden?

Oder: Wer war Hella von Westarp?

Wer jemals dazu kommt, durch das eher belanglose Kirchtrudering zu fahren, sollte mal die Hella-von-Westarp-Straße in das Navi eingeben und vielleicht ein Selfie mit einem der befremdlichsten Straßenschilder Deutschlands machen. Ein Straßenname, der nicht ganz einsam ist, denn um die Ecke findet man sogleich die Teuchertstraße und die Deickestraße — Namen, die den meisten Bewohnern Münchens wenig sagen, obwohl sie im Mai 1919 nicht ganz unbekannt waren.

Um ein Geheimnis oder gar eine Verschwörungstheorie handelt es sich hierbei nicht. Schlägt man Hans Dollingers umfängliches Nachschlagwerk »Die Münchner Straßennamen« (herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv München und dem Baureferat der Landeshauptstadt) auf der Seite 121 auf, bekommt man eine klare Antwort:

Hella-von-Westarp-Straße, Kirchtrudering (15), *1936: Haila, gen. Hella Gräfin von Westarp (1886–1919), Sekretärin im Büro der nationalistisch und antisemitisch orientierten Thule-Gesellschaft in München; wurde am 30. April 1919 im Keller des ehemaligen Luitpoldgymnasiums als Geisel der Rotgardisten des »Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrats« zusammen mit sieben weiteren Personen erschossen.

Haila, die Schriftführerin der Thule-Gesellschaft war mir das erste Mal in 1999 über den Weg gelaufen. Damals lernte ich im Rahmen einer Veranstaltung den Journalisten und Autoren Hermann Gilbhard kennen, dessen Buch »Die Thule-Gesellschaft. Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz« (erschienen beim Kiessling Verlag) bis heute die historisch umfangreichste und sicherlich relevanteste Aufarbeitung der Thule-Gesellschaft darstellt.

Dass ein Buch über die Thule-Gesellschaft nicht selbstredend relevant ist, erklärt sich aus der Tatsache, dass sich in den 90ern allerlei Wirrköpfe des Themas bemächtigt hatten und hierbei jegliche Sachlichkeit mit esoterischem Geschwafel verwechselt haben. Berüchtigt blieb hierbei sicherlich das Buch »Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert« von »Jan van Helsing«, das 1996 indiziert und beschlagnahmt wurde.

Damals, in den 90ern, war ich mir sicher, dass die Straßenschilder von Kirchtrudering nur noch sehr lose hingen und dass eine Veränderung dieses befremdlichen Sachverhalts jeden Tag anstehen würde. Ein Irrtum. Denn in Sachen Ideologie mahlen die bajuwarischen Räder gerne auch mal etwas langsamer.

Und da ist er wieder, dieser seltsame Fleck auf der Netzhaut des mächtigen Bundeslandes Bayern. Diese unterschwellige Botschaft, dass des Bairische und des Braune, dass des so gar ned zsammageht. Mia san mia. Wir, die Gallier des Deutschen Reiches können doch unmöglich so viel historische Verantwortung tragen. Da Österreicher wars und irgendwelche Praißn aus Berlin.

Doch München ist die Stadt, in welcher die Thule-Gesellschaft gegründet wurde. Ihr Leiter, Rudolf von Sebottendorff, brachte auch eine Zeitung heraus, die er auf den Namen Völkischer Beobachter taufte. Es sind die Gründungsjahre der NSDAP, im Herzen der Hauptstadt der Bewegung.

Niemand verlangt, dass ganz München samt Umland mit einem »I am sorry«-T-Shirt herumläuft. Hier geht es nicht darum, an der eigenen Pietät zu ersticken. Doch man sollte deshalb nicht unentwegt in Geschmacklosigkeiten abdriften.

Die Hella-von-Westarp-Straße ist eine solche Geschmacklosigkeit.

In den frühen 20ern traf sich die Thule-Gesellschaft in ihren Vereinsräumen in dem schon damals luxuriösen Hotel Vier Jahreszeiten. Die frühen Wegbereiter des Nationalsozialismus waren keine Außenseiter oder Rebellen. Die Mitglieder waren überwiegend etablierte Mittelständler: Gymnasiallehrer, Beamte, Unternehmer. Die völkische Idee war damals nicht neu. Viele Mitglieder hatten bereits eine Vorvergangenheit in etwas älteren Gruppierungen, wie dem Germanen-Orden und dem Reichshammerbund.

Hotel Vier Jahrezeiten in München. Links im Bild der Seiteneingang in der Marstallstraße, der von den Thule-Mitgliedern benutzt wurde (Quelle: NS-Dokumentationszentrum München)

Der Verein wurde am 3. August 1919 unter dem Namen „Thule-Gesellschaft zur Erforschung deutscher Geschichte und Förderung deutscher Art e.V., Sitz München“ ins Vereinsregister eingetragenen. Der Verein mochte sich anfangs als eine »Studiengruppe für germanisches Altertum« präsentieren, schon bald wurden die wahren Tendenzen sichtbar: die Verbreitung von völkisch-antisemitischem Gedankengut und politisch-sozialem Widerstand gegen die Novemberrevolution und die neue bayerische Regierung unter Kurt Eisner und der Münchner Räterepublik. Gegen den »Todfeind Juda« wolle man vorgehen, hieß es schon bald. Man sei bereit, um den Kampf aufzunehmen, »gegen die Revolution, gemacht von Niederrassigen, um den Germanen zu verderben«.

Dies waren die ersten Prototypen waschechter Nazis in einem Sinne, wie wir ihn bis heute verstehen. Auch die Grußformel der Nazis ist ein Geschenk der Gesellschaft. 1920 begegneten sich die Mitglieder noch mit einem »Heil und Sieg!«, aus dem schon bald das unverkennbare »Sieg heil!« werden sollte.

Hermann Gilbhard schreibt: »Die Logenräume waren mit Hakenkreuzen geschmückt und jeder Teilnehmer der festlichen Runde hatte auch eine Bronzenadel anstecken, die ›die auf dem Schilde das von zwei Speeren durchkreuzte Hakenkreuz zeigte‹.«

Die Mitglieder der Thule-Gesellschaft waren auch in Kampfhandlungen verwickelt, wie z.B. dem Häuserkampf um Dachau und Kolbenmoor, der sich zwischen der »Roten Armee« der Räterepublik und den Freikorpsverbänden (auch als »Kampf um Dachau« bekannt) ereignet hatte. Die Gesellschaft baute diese Aktivitäten zu einem eigenen militärischen Arm mit dem Namen »Kampfbund Thule« aus. Waffen wurden im Hotel Vier Jahreszeiten gehortet.

Rudolf Heß, ein früher Förderer der Thule-Gesellschaft (Bundesarchiv, Bild 183–1987–0313–507 / Copyright: CC-BY-SA)

Manch eine spätere Promi-Größe des Dritten Reichs gab sich bei der Thule-Gesellschaft die Klinke. Allen voran Rudolf Heß. Doch auch der Ideengeber der Nazis Alfred Rosenberg, oder der spätere Generalgouverneur von Polen Hans Frank hatten zeitweilige Verbindungen zur Thule-Gesellschaft.

Am 26. April 1919 stürmte die räterepublikanische Militärpolizei das Hotel Vier Jahreszeiten. Man fand die Waffen, man fand antisemitische Flugblätter, man fand echte Stempel der Stadtkommandatur — und man fand die Kartothek mit allen Thule-Mitgliedern. Eine Verhaftungswelle folgte und in kürzester Zeit hatte man rund zwei Dutzend Mitglieder der Gesellschaft gefangen. Darunter auch Hella von Westarp.

War Frau von Westarp der gute Geist der Vereinsräume, stets bemüht, all die Wimpel, Fähnchen und Plakate ordentlich zu halten? In einer Befragung durch Hermann Gilbhard erklärt Dr. Heinz Kurz (seinerzeit Mitglied der Thule-Gesellschaft und des Kampfbunds), dass Haila mehr als nur “Sekretärin” gewesen sei. Sie war in alle Pläne der Gesellschaft eingeweiht und unterstützte sie eifrig. Die Verhörprotokolle der Stadtkommandatur zeigen, dass Hella von Westarp bei der Befragung ein “festes Auftreten” hatte und “kurze, bestimmte Antworten im Gegensatz zu allen Herren” gab.

Sieben der Inhaftierten wurden vier Tage später in der Turnhalle des zur Kaserne umfunktionierten Luitpoldgymnasiums (das sich damals in der Müllerstraße befunden hatte, dort wo heute das stillgelegte Heizwerk der SWM steht) erschossen. Unter ihnen hatte sich z.B. auch Prinz Gustav von Thurn und Taxis befunden. Und eben die Schriftführerin Heila von Westarp.

Ein taktischer Fehler, wie sich schnell zeigte, denn die Tat erregte damals großes Aufsehen und mobilisierte weite Teile von Münchens Bevölkerung zugunsten der Nationalsozialisten.

Als schließlich Hitlers NSDAP begonnen hatte, die rechte Szene zu dominieren, wurde die Thule-Gesellschaft (und ähnlichgesonnene Bewegungen) systematisch in die Partei absorbiert und verlor alsbald an Bedeutung.

Quelle: Hermann Gilbhard — “Thule-Gesellschaft 1918–1933” in “Historisches Lexikon Bayerns”

Die historische Thule-Gesellschaft ist auch ohne esoterisches Fabulieren eine Quelle abstruser, doch auch faszinierender Geschichten und ihre Erforschung bietet seltene Perspektiven auf ein ereignisreiches München zwischen 1919 und 1925.

Wer sich ernsthaft mit diesem Thema beschäftigen möchte, dem kann ich das exzellente Buch von Hermann Gilbhard ans Herz legen.

Die Nazis selbst erinnerten sich nur ungern an die Thule-Gesellschaft. Bereits in »Mein Kampf« äußert sich Hitler ablehnend und spöttisch über die Vorreiter des Nationalsozialismus. Die Avantgarde der NSDAP sollte keinen Vorläufer haben. Sie soll aus sich selbst heraus entstanden sein. Die Geschichtsglättung der eigenen Herkunft begann bereits dort in den ersten Tagen der eigenen Existenz.

Quelle: Hermann Gilbhard — “Thule-Gesellschaft 1918–1933” in “Historisches Lexikon Bayerns”

Rudolf von Sebottendorff (eigentlich Adam Glauer), der exzentrische Anführer der Thule-Gesellschaft, wurde nach den Ereignissen im Luitpoldgymnasium gefeuert. In den Entstehungsjahren der NSDAP hatte er sich als Herausgeber einer astrologischen Zeitschrift verdingt. 1933 probte er mit dem Buch »Bevor Hitler kam. Urkundliches aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung« sein Comeback und beanspruchte seinen Platz in der Entstehungsgeschichte des Dritten Reiches. Die Nazis verboten das Buch sogleich und verbannten Sebottendorff aus dem Land.

Nur 1936 brach man mit dieser Taktik und gedachte der Hinrichtungsopfer des Luitpoldgymnasiums mit drei Straßennamen in Kirchtrudering:

Hella-von-Westarp-Straße
Teuchertstraße
Dei(c)kestraße

Die Nazis brauchten durchaus Märtyrergestalten der frühen Stunde. Man wollte nur nicht zu sehr ins Detail gehen.

Nach 1945 bleiben diese Straßennamen bestehen.

Natürlich muss man anerkennen, dass die Nazis im Dritten Reich zum Vergessen der Thule-Gesellschaft beigetragen hatten und die Verwalter und Entscheider nach dem Kriegsende überfordert waren, alle vorbelasteten Straßennamen zu identifizieren und entsprechend umzubenennen.

Das Entnazifizieren von Straßennamen in München ist ein “Projekt”, das nun seit 70 Jahren stattfindet.

Es ist selten die CSU, die dieses Vorhaben vorantreibt. Doch obwohl die SPD regelmäßig die endgültige Befreiung von Münchens Straßen von Antisemiten heraufbeschwört, scheint dies ein mühsames Geschäft zu sein.

So wurde auch für 2015 eine neue Initiative angekündigt, um dem Spuk auf den Straßenschildern ein Ende zu machen. Doch der Stadtrat Hans Dieter Kaplan (SPD) mahnt am 11. August 2015 in der Abendzeitung zur Geduld:

» ‘Uns ist bewusst, dass das ein erheblicher Aufwand ist. In München gibt es ungefähr 6200 Straßen, etwa die Hälfte davon ist nach Personen benannt. Wenn ein Historiker da jede einzelne filzen soll, kann man sich vorstellen: Das braucht schon seine Zeit’. Kaplan geht jedoch davon aus, dass man viele Namen gleich wieder von der Liste streichen kann — einfach, weil die Leute nicht in zeitlicher Nähe zum Dritten Reich gelebt haben.« (Quelle: Abendzeitung, München)

Was braucht die Stadtverwaltung wohl, damit diese mühsame Aufgabe über die Bühne geht? Den Large Hadron Collider?

Wenn die SPD oder CSU ernsthafte und aufrichtige Bestrebungen hätten, keine Nazis in Straßennamen zu führen, würden sie diese Aufgabe mit Bravour bewältigen. Natürlich ist es kein geringes Anliegen, denn die Obsession Münchens mit Faschisten war in den 1930er Jahren durchaus überwältigend. Doch dazu will man sich gleichzeitig auch nicht bekennen. Die ganze Sache ist ein gekünstelter Tanz auf rohen Eiern.

Dabei wäre mit einem smarten Aufruf über soziale Medien oder in Zusammenarbeit mit der LMU (um den oben beklagten Mangel an verfügbaren Historikern anzusprechen), schnell ein Weg geschaffen, um in kürzester Zeit alle braunen Kuckuckseier zu finden. Und natürlich gibt es hierbei Namen, die in ihrem historischen Kontext erst einer hinreichenden Beurteilung bedürfen. Gerade in einer geschichtlichen Bewertung ist nicht alles schwarz-weiß.

Doch die Antisemitin und Nationalsozialistin Hella von Westarp gehört genauso wenig dazu, wie Walter Deicke oder Freiherr Franz Karl von Teuchert. Ihre Präsenz auf Straßenschildern von München ist lediglich Ignoranz und der alltägliche Hohn einer Kultur, die es nie für nötig befunden hatte, ihre eigene Herkunft aufzuarbeiten und seit 70 Jahren die Schuld vorzugsweise durch das Fingezeigen auf Andere sucht.

Die Hella-von-Westarp-Straße ist keine geheime Kabale. Tausende Menschen wissen davon.

Hans Dollingers Buch über Münchens Straßennamen hat insgesamt 335 Seiten. Ist es für die Stadt München eine unlösbare Aufgabe, dieses Volumen auf rund 50 freiwillige Enthusiasten aufzuteilen, von denen jeder lediglich 5–6 Seiten (!) des alphabetisch geordneten Lexikons lesen müsste und somit nach weniger als 24 Stunden die erste Runde aller offensichtlichen Nazis und Antisemiten identifiziert hätte?

Der Gedanke schleicht sich ein, dass die SPD dieses Thema regelmäßig benutzt, um ihr fiktives linkes Profil zu polieren. Viel Greifbares passiert hierbei nicht. Doch es kann nicht angehen, dass eine Stadt 100 Jahre braucht, um alle Nazis, Faschisten, Antisemiten und Volksverhetzer von ihren Straßenschildern zu tilgen.

Oder siehst du es anders, München?