Warum wir Frauen dringend fördern müssen — aber nicht aus einer Opferrolle heraus!

Eine Betrachtung ohne abschließendes Ergebnis

Ich denke schon sehr lange darüber nach, einmal meine Gedanken zum Thema Frauen fördern oder nicht” aufzuschreiben. Allein deswegen, weil meine eigene Position mir selbst nicht immer endgültig klar ist. Umso mehr möchte ich über das Thema nachdenken, das in meinem Umfeld sehr viel diskutiert wird.

Bis vor wenigen Jahren, bis ich ungefähr 40 war, habe ich mir über Frauenförderung und Gleichberechtigung wenig Gedanken gemacht. Oder wenn, dann habe ich das Thema einfach für mich pauschal als irrelevant abgetan: Ich hatte — und habe — mich aufgrund meines Frau-Seins nie beruflich oder sonstwie benachteiligt gefühlt: „Also muss ich auch nichts für ‘die Sache der Frauen’ tun.” Das Substantiv „Emanzipation” war für mich irgendwie so ein verstaubter Begriff aus den 70-ern. Aber weder war mir in meiner jugendlichen Arroganz klar, dass ich eben einfach im Leben sehr viel Glück gehabt habe. Noch dass mir, auch dies ein individueller Glücksfall, die richtigen Überzeugungen in die Wiege gelegt wurden — von Eltern, in deren Universum es gar keine Sätze gab wie „Du bist doch nur ein Mädchen.” Oder: „Halt dich zurück. Mädchen sagen/tun so etwas nicht.” Sätze, wie sie viele Frauen meiner Generation und auch der Generationen danach immer wieder haben hören müssen.

Ich habe mich immer zuallererst als Mensch gefühlt und nicht primär als Frau, und dabei bin ich sehr gerne ein Frau. Ich finde, es hat viele Vorteile. Ich habe nie ein Mann sein wollen. Ich habe zwei Kinder. Aber in klassische Rollenbilder passe ich dennoch nicht. Mein Verständnis ist nicht das einer berufstätigen Mutter, sondern das eines Menschen, der (unter anderem) einen Job hat und wirtschaftlich gesehen mittlerweile allein für zwei Kinder im Studium ist — mit allem, was zu meinem Leben dazugehört. (Hausarbeit gehört auch dazu; aber nicht mehr und nicht weniger als für die anderen männlichen und weiblichen Haushaltsangehörigen.)

Klargemacht habe ich mir dabei nicht oder kaum, was eigentlich meine luxuriöse Situation erst ermöglicht hat. Dass ich Förderung erfahren habe, von Männern wie von Frauen, die mir zu Erfolgen verholfen haben, welche ich sonst nicht erreicht hätte. Dass ich zufällig immer in Berufsfeldern gelandet bin, in denen es eher von Vorteil war, mit gleicher Kompetenz als oft eine der wenigen Frauen unter Männern zu arbeiten. (So eine Art natürliche Frauenquote vielleicht sogar? Es ist ja immer schwierig, sich selbst zu beurteilen und zu vergleichen.) Dass ich als jemand, die erst Anfang der 1990-er ins Berufsleben eingestiegen ist, massiv von dem profitiere, was vor mir die Frauenbewegung sich mühsam erkämpft.

Wie wenig selbstverständlich mein eigenes Selbstverständnis — und das vieler anderer Menschen um mich herum — noch kurz zuvor gewesen war, kann man leicht (und mit der heutigen Sicht sehr verwundert) feststellen, wenn man sich einmal Filme aus den 50-er bis 70-er Jahren ansieht. Da kann einen nur das nackte Grausen packen. Da kann man nur dankbar für das sein, was Frauen wie Alice Schwarzer — wie sie heute auch immer auftreten und wahrgenommen werden mögen — als unsere Vorreiterinnen erreicht haben.

Aber wenn ich nur mal ein bisschen über den Rand meines vergleichsweise privilegierten Tellers schaue, dann wird mir mit zunehmendem Alter immer klarer, dass dieses Menschenbild, das ich habe und das den meisten erfolgreichen Frauen in meinem Umfeld zu eigen ist, keinesfalls zum gesellschaftlichen Allgemeingut gehört.

Da höre ich von einer jungen BWL-Studentin — intelligent, empathisch, selbstbewusst — plötzlich nebenbei einen Satz wie: „Ich weiß nicht, ob ich überhaupt auf den Bachelor noch den Master draufsetzen soll. Ich will schließlich mal einen Familie haben, und dann bin ich sowieso aus dem Beruf heraus.”

Da gibt es immer noch viel mehr Veranstaltungen und große Kongresse, deren Podien mehrheitlich mit Männern besetzt sind (während die Frauen im Hintergrund organisieren und zuarbeiten) als solche mit einer Frauen-Mehrheit. (Es sei denn, es sind „Frauen-Veranstaltungen”.)

Da überlassen aber zugleich Frauen, die wirklich etwas auf dem Kasten haben, bereitwillig die Präsentation einem gleichrangigen Kollegen, weil sie sich lieber nicht so exponieren wollen.

Und: Ja, da klagen allenthalben Frauen immer wieder darüber, dass Männer sie nicht auf die Podien holen, ihnen die Präsentationen nicht förmlich aufdrängen, nicht aktiv für eine Quote sorgen.

Jede Frau, jeder Mann, jeder Mensch, die/der sich für andere Menschen einsetzt, ist wichtig für die Sache. Das gilt auch für die Förderung von Frauen. Vor allem dann, wenn es nicht patronisierend geschieht. Wenn sich Menschen mit Sichtbarkeit und Reichweite klar positionieren:

Ich glaube aber vor allem nicht, dass wir aus einer Opferrolle heraus etwas bewegen oder indem wir die Verantwortung anderen zuschieben oder indem wir uns immer wieder lauthals beschweren.

Ich glaube vielmehr mittlerweile zutiefst, dass diejenigen Frauen, die erfolgreich sind, eine Verantwortung haben dafür, Vorbilder zu sein für andere, die nicht so viel Glück gehabt haben. Dass es mehr Wirkung zeitigt, im Hintergrund daran zu arbeiten, auf großen Podien zu stehen und das dann auch zu zeigen — als sich im Vordergrund vor allem darüber zu beschweren, dass das nicht geschieht.

Das ist übrigens einer der Gründe, warum ich mich mit breiten Schultern auf große Bühnen stelle. Oder warum ich an der Uni lehre.

Einer der für mich bewegendsten, mich fast zu Tränen rührendsten Momente meiner Lehrtätigkeit an der Uni war eine Abschlussrunde eines Seminars, in der eine Studentin zu mir sagte: „Endlich mal eine Frau aus der Generation unserer Mütter, die so selbstbewusst ist, dass wir uns das zum Vorbild nehmen können.” — Was wiederum zeigt, dass das Vorbild das Einzige ist, was auf Dauer etwas bewegen kann. Nicht Lippenbekenntnisse. Nicht Forderungen oder großmütige Hilfestellungen von anderen.

Aber: Frauen sind keine besseren Menschen, Redner, Führungskräfte, Vorbilder, nur weil sie Frauen sind.

(… und ich spreche in alldem immer noch von der vergleichsweisen Luxussituation, in der wir uns hier in unserer westlichen Gesellschaft befinden. Dass es anderen noch viel schlechter geht, ist nie ein Grund, sich nicht für eine gute Sache einzusetzen. Aber vielleicht sollten wir alle auch dabei immer darüber nachdenken, wie wir Menschen anderswo — Männer und eben sehr häufig auch und vor allem Frauen, denen es nicht so gut geht wie uns — noch mehr unterstützen können.)

Ich glaube, dass wir auch hierzulande noch lange nicht da sind, wo wir in einer gleichberechtigten Gesellschaft hinstreben. Nicht in der Sache der Frauen. Nicht in vielen anderen Dingen. Denken wir nur an die abstrusen, oft abstoßenden Statements, welche die Gegner der Ehe zwischen Menschen gleichen Geschlechts uns täglich neu in die Mediensuppe streuen. Da darf das Pendel ruhig einmal etwas stärker in die andere Richtung ausschlagen, muss es vielleicht sogar.

Wenn sich ein Magazin von und für Frauen beispielsweise dafür einsetzt, Frauen in Machtpositionen sichtbarer zu machen, dann finde ich das lobenswert. Wenn ich allerdings (mein ganz eigener, vielleicht auch nicht zutreffender Eindruck) das Gefühl habe, dass der publizierende Einsatz für Frauen vor allem dazu dient, Bleistiftröcke und Espadrilles mit Golddetails zu verkaufen, dann frage ich mich, welches Frauenbild die Frauen selbst haben, die so ein Magazin machen. Und welches Bild wir Frauen den mitlesenden Männern vermitteln, die vielleicht denken, dass wir immer mal den einen oder anderen sonnengelben Mantel zwischen den schweren Themen brauchen, damit uns die Lockenköpfchen nicht zu sehr rauchen. Wohlgemerkt: Ich habe nichts gegen solche werbefinanzierten Geschäftsmodelle. Mir scheint nur, sie sind zumindest der Sache der Frauen nicht besonders zuträglich. Vielleicht irre ich mich aber auch hier.

Schön, wenn sich Konferenzen wie die re:publica gezielt dafür einsetzen, den Frauenanteil zu fördern. Bisschen blödes Signal, wenn dann bei der Eröffnung drei Männer und eine Frau auf dem Podium stehen. Was aber letztlich nur zeigt, dass man nicht alles mit Quoten regeln kann, was eben in der Realität gerade mal anders gekommen ist. Was nützt es, eine Frau zusätzlich als Deko auf eine Bühne zu stellen, wenn gerade das Team ein anderes ist?

Ich denke jedenfalls weiter über meine eigene Haltung in der Sache nach. Die Diskussion darüber hilft mir. Ich bin für andere Positionen offen und durchaus willens, meine zu überdenken. — Was meinen Sie dazu?

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