Karl Lempert, Initiator der Kampagne „Für ein Buntes Deutschland“

Warum wir nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern eine Kampagne gegen den Rechtsruck brauchen!

„Noch nicht komplett im Arsch!“

Mit diesem Satz endet der kurze Videoclip der Punkband Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern. Darin sitzt Sänger Monchi vor dem Schweriner Schloss und spricht über die anstehenden Landtagswahlen am 4. September, brennende Flüchtlingsheime und den zunehmenden Rassismus. Er kündigt eine Tour durch die Städte und Dörfer des Bundeslandes unter der Devise „Zusammenhalten gegen den Rechtsruck“ an. Das Video verbreitet sich innerhalb weniger Tage in den sozialen Netzwerken. Das erste Konzert in Greifswald hat bereits stattgefunden und weitere Aktionen sind geplant.

Videoaufruf der Band Feine Sahne Fischfilet: „Zusammenhalten gegen den Rechtsruck“

Ich habe mich sehr gefreut, als ich das Video in meiner Timeline entdeckt habe. Einige Tage zuvor war auch ich in der Landeshauptstadt Schwerin, um mein Wissen über Kampagnen mit Menschen zu teilen, für welche die düsteren Wahlprognosen ein Alarmsignal sind. Am vergangenen Wochenende haben sie sich zusammengetan, weil sie anpacken wollen: Die Initiative Artikel 1 — Initiative für die Menschenwürde bot in Kooperation mit dem Campaign Boostcamp einen Tag voller Workshops an, die das ein oder andere Aha-Erlebnis und ermutigende Impulse bereit halten sollten. Simone Rafael von der Amadeu-Antonio-Stiftung zum Beispiel gab einen Überblick über rechtsextreme und rechtspopulistische Argumentationsmuster und Anregungen, wie man im Netz darauf reagieren kann. Man solle deeskalierend auf sein Gegenüber einwirken (ruhig bleiben!), auf Lücken und Fehler in der Argumentation hinweisen und konkrete Diskussionsregeln einfordern (Mehr Infos).

AfD in den Umfragen bei fast 20%

Auf der Zugfahrt von Berlin nach Schwerin war mir ein wenig mulmig zumute. Die aktuellen Umfragewerte für die Landtagswahlen sehen düster aus: je nach Institut kommt die AfD im September auf Werte zwischen 16% und 19%. Reflexartig checke ich die Facebook-Seiten der einzelnen Parteien und stelle fest, dass die lokale AfD weit mehr Facebook-Fans versammelt als alle größeren demokratischen Parteien zusammen.

Facebook-Likes politischer Parteien in Mecklenburg-Vorpommern (Stand 24. Juli 2016)

Das ist keineswegs nur in Mecklenburg-Vorpommern so, sondern zeigt sich auch auf den Kanälen der Bundesparteien. Der Hauptkanal der AfD steckt die Regierungsparteien in Sachen Reichweite locker in die Tasche.

Facebook-Likes politischer Parteien in Deutschland (Stand 24. Juli 2o16)

Nicht nur als Online-Campaigner finde ich das bemerkenswert; auch wenn ein Blick auf Pluragraph.de die Zahlen zunächst ins Verhältnis zu rücken scheint: addiert man nämlich die Fans aller offiziellen Social Media Kanäle wie Youtube, Twitter oder Instagram, liegt die AfD (noch) hinter den demokratischen Parteien. Beruhigend ist das trotzdem nicht.

„Wir müssen die Liebe organisieren“

Denn es sind längst nicht nur die offiziellen Kanäle, die für die Wahl mobilisieren und die markigen Sprüche verbreiten. Zahlreiche Nischenkanäle und Gruppen tragen Falschmeldungen, Gerüchte und fremdenfeindliche Hetze weiter. Die Facebook-Fanseiten von PEGIDA und Compact sind nützliche Megaphone für die Parolen der rechten Parteien. Simone Rafael beschreibt in ihrem Vortrag ferner das Phänomen, dass diese viel schneller auf neue Kanäle setzen. Entdecke beispielsweise eine der demokratischen Parteien ein neues soziales Netzwerk wie z.B. Instagram für sich, so kann sie sicher sein, dass AfD und NPD längst da seien. „Der Hass ist organisiert“, stellte die muslimische Aktivistin und Publizistin Kübra Gümüşay auf der re:publica dieses Jahr fest und schlussfolgerte: „Wir müssen die Liebe organisieren“. Mit ihrem Vortrag wollte sie „das Positive im Netz zelebrieren“ und die „Kommentarspalten fluten“. Genau das braucht es jetzt. Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern überall: im Netz und im öffentlichen Raum.

„Wir wollen den Teil der Bevölkerung sichtbar machen, der nicht die AfD wählt“, beschreibt eine Teilnehmerin in meinem Workshop ihr Kampagnenziel. Dazu braucht es Organisation. Deshalb habe ich für meinen Workshop Kampagnen ausgewählt, die zeigen, dass jede und jeder damit anfangen kann.

Kampagnen organisieren, Communities aufbauen

In diesem Zuge diskutierten wir im Campaign Boostcamp in Schwerin auch die Bedeutung von Kampagnen, die zwar keine konkrete Forderung an einen bestimmten (politischen) Entscheidungsträger stellen, sondern als sogenannter Pledge in symbolischer Form Menschen zusammenbringen, die sich hinter einer Botschaft versammeln. Kann ich diese Menschen im Anschluss (zum Beispiel per E-Mail) erreichen, birgt eine solche Kampagne ein unvergleichliches Aktivierungs- und Mobilisierungspotential.

Mit seiner Kampagne „Für ein buntes Deutschland“ belebte Karl Lempert aus Hannover im Dezember 2014 die Debatte um die PEGIDA-Bewegung. Montag für Montag sorgten damals „Abendspaziergänge“ und Kundgebungen gegen die angebliche Überfemdung für Schlagzeilen. Überall war von „Dunkeldeutschland“ die Rede. Als die Bewegung am 22. Dezember zu Weihnachtsliedern anstimmte, wurde es Karl Lempert zu viel und er startete eine Petition.

„Ich will zeigen, dass es deutlich mehr Andersdenkende als Anhänger von Pegida oder Mügida gibt“, sagte er damals gegenüber Spiegel Online. Das gelang ihm auch, denn sein Aufruf verbreitete sich rasant. Innerhalb weniger Tage unterzeichneten über 450.000 Menschen, darunter zahlreiche Prominente. Die Medien griffen seine Petition auf und verliehen den „Andersendenken“ dadurch eine hohe Sichtbarkeit. Der Elektrotechniker wies seine Unterzeichner*innen in dieser Zeit regelmäßig auf Aktionen, Gegendemos, Facebook-Seiten oder bestimmte Artikel hin und kooperierte mit zahlreichen Bündnissen und Organisationen. Seine Kampagne wurde Teil einer Bewegung, die die Debatte über Pegida veränderte. Denn eine starke Gegenbewegung war geboren.

Aktivist*innen projizieren Zahl der Unterschriften auf den Pariser Platz

Karls Kampagne ist ein Prototyp für das, was jetzt wieder dringend notwendig ist: eine Bewegung, die nicht nur zeigt, dass wir #nochnichtimarsch sind, sondern die darüber hinaus eine starke Gemeinschaft all derer bildet, die mit anpacken wollen, die Liebe zu organisieren. Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern im ganzen Land.

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