(Ferguson: Jeff Roberson/AP; Libyen: Mohammad Hannon/AP)

Taktische Feuerwaffen für Anfänger

Was die Polizisten in Ferguson mit untrainierten libyschen Rebellen gemeinsam haben

Von Marc Herman


In einer Nacht vor drei Jahren war ich an einem Kontrollpunkt in der Innenstadt von Tripolis verabredet, um von jemandem mitgenommen zu werden. Als ich dort ankam, standen zwei junge Männer der Miliz Wache. Beide hielten jeweils ein verbeultes Exemplar des russischen Sturmgewehrs Kalaschnikow nach unten auf den staubigen Bürgersteig der Stadt. Ein dritter Milizsoldat hing in einem kaputten Stuhl mit seinem Gewehr auf der Seite, um seinen Hals gehangen, wie eine Kamera. Die Waffe zielte auf den Rest von uns. Ich ging ihr aus dem Weg.

Als meine Mitfahrgelegenheit ankam, stand die sitzende Wache auf. Seine Waffe war nun auf einer Ebene mit den Bäuchen seiner Gefährten. Alle sagten dem Idioten, er sollte vorsichtig sein. Verlegen richtete der Mann die Waffe nach unten und während er dabei war, ging diese mit einem lauten Krach los. Die Kugel verfehlte seinen Fuß um 20 Zentimeter. Sie verfehlte die anderen beiden Männer der Miliz um etwa einen halben Meter. Glücklicherweise flog die Kugel weg von einer vollen Straße und auf eine Zementmauer zu. Niemand wurde verletzt.

Ich hatte über diesen Vorfall bis vor einer Woche nicht mehr nachgedacht, als ich das inzwischen weit-bekannte Video sah, das einen Polizei-Beamten in Ferguson, Missouri zeigt. Der Polizist zielte mit einem Sturmgewehr auf Demonstranten, schrie und drohte ihnen, sie umzubringen. Zwar wurde er vorerst beurlaubt, aber er war nicht der einzige Strafverfolgungsbeamte, der diesen Monat beim Richten einer Waffe auf jemanden in Ferguson aufgenommen wurde.

https://www.youtube.com/watch?v=8zbR824FKpU

Es wurde viel darüber gesagt – insbesondere von ausgebildeten Soldaten, oft in sozialen Medien – ob die Polizei solch eine militärische Ausrüstung überhaupt haben sollte. Die Diskussionen wurden größer und größer und Präsident Obama beraumte am Wochenende (wenn Präsidenten üblicherweise Dinge sagen, auf die sie nicht all zu viel Aufmerksamkeit lenken wollen) eine Pressekonferenz ein und ordnete eine Überprüfung der militärischen Ausrüstung an, die in inländischen Polizeiabteilungen verwendet wird, inklusive der Frage, ob die Polizei wirksam im Umgang mit diesen Waffen ausgebildet wird. Nachdem ich vom Präsidenten gehört und an den Moment in Libyen gedacht habe, ist meine Frage: Mit all diesen neuen Hochleistungswaffen in den Händen von unzureichend ausgebildeten Polizeikräften, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine dieser Waffen, eher früher als später, einfach losgehen wird?

Höher als man denkt, stellt sich heraus. Betrachten wir die am strengsten ausgebildeten Amerikaner, die diese Hochleistungswaffen verwenden: Soldaten. Laut Pentagon-Statistiken starben von 2003 und 2011 mindestens 90 US-Soldatinnen und -Soldaten aufgrund dessen, was das Militär als „fahrlässige Zündungen“ bezeichnet. Suizide und Unfälle durch Eigenbeschuss sind darin nicht enthalten (wenn doch, wäre diese Zahl erheblich höher).

Seltsamerweise existieren ähnliche Statistiken über Verletzungen und Tode durch Handfeuerwaffen für die Polizeikräfte im Land überhaupt nicht. Zumindest nicht bundesweit und nicht in Missouri. Anders als das auf Bundesebene überwachte US-Militär, sind unsere Staats- und lokale Polizei nicht dazu verpflichtet zu melden, wenn Waffen abgeschossen werden und unter welchen Umständen dies geschieht. „Wie oft wurde eine Schusswaffe verwendet? Es gibt keine Aufzeichnung von Datensätzen“, sagte eine Sprecherin des Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives („Amt für Alkohol, Tabak, Feuerwaffen und Sprengstoff“), die nicht namentlich erwähnt werden wollte. „Ich will doch hoffen, dass jede einzelne Abteilung darüber [Aufzeichnungen macht].“

Ein Sprecher des Missouri Department of Public Safety („Abteilung für Öffentliche Sicherheit in Missouri“), Mike O’Connell, sagte, er habe weder Kenntnis von irgendwelchen bundesstaatlichen Vorschriften, die Ausbildungsgrundsätze für taktische Einheiten der Polizei in Missouri standardisieren würden, noch von irgendwelchen gesammelten Statistiken über Fehlzündungen von Waffen. Auf der Suche nach einer Polizeiabteilung, die solche Aufzeichnungen macht, landete ich schließlich in New York City. Die Ziffern der unbeabsichtigten Schüsse sind auch hier nicht ermutigend. Im Jahr 2012 feuerten Beamte des NYPD insgesamt 105 Mal ihre Waffen ab, davon waren 21 Schüsse ungewollt. (Das sind 20 Prozent, oder jeder fünfte Schuss.) Die New Yorker Polizisten feuerten 2012 ihre Waffen nur etwa doppelt so oft (45 Mal) absichtlich in „feindlichen Konflikten“ ab wie unabsichtlich.

Von den 21 unbeabsichtigten Schüssen in New York im Jahr 2012 endete einer tödlich. Dies passierte, als ein unbeteiligter Bürger auf der Flucht vor einem Raubüberfall mit einem Polizisten zusammenstieß, der dorthin unterwegs war und dessen Pistole los ging und die unschuldige Person tötete. Wir wissen nicht, wie viele Unfälle auf nationaler Ebene passieren. Niemand schreibt es auf.

Polizisten in Kampfausrüstung mobilisieren sich während einer Auseinandersetzung mit Demonstranten am letzten Montag in Ferguson. (Charlie Riedel/AP)

Das neue Problem mit der Einbindung von militärartigen Waffen ist die Notwendigkeit von militärartigen Ausbildungsmitteln und militärartigen Regeln zu ihrer Verwendung, die dazu gehören sollten. Leider tun sie das nicht. „SWAT-Teams werden hoch gehandelt und sind ständig in den Nachrichten, aber es gibt keinen Standard da draußen, der ihre Ausbildung vorschreibt.“ Das kommt von Mark Lomax, der eine Lobby für SWAT-Teams anführt, die National Tactical Officers Association. Lomax kommt aus Philadelphia, war dort 27 Jahre lang Polizist und leitete die Polizei-Akademie in Pennsylvania.

Er sagte, dass Polizisten, die für den Umgang mit sogenannten „taktischen“ Waffen, wie Sturmgewehren, freigegeben werden, typischerweise nur ein oder zwei Mal im Monat mit diesen Waffen trainieren. Das Training kann von Gemeinde zu Gemeinde stark variieren, abhängig von lokalen Budgets. „Sobald du die Akademie verlässt, hast du Budgets und alles andere, was das Training beeinflusst“, sagt er. „Der Betrieb [alltägliche Tätigkeiten einer Polizeibehörde] steht an erster Stelle. Training kommt zuletzt.“

Neben den Finanzen ist es einfach, das Training zu verkürzen, weil, je nach Bundesstaat, niemand aufpasst. „Es gibt bundeseinheitliche Vorschriften für die Berichterstattung über Verbrechen [Verhaftungen, Art des Verbrechens, usw.] an das FBI. Aber abgesehen davon gibt es keine Vorschriften auf Bundesebene. Es gibt keine bundesweiten Regeln.“

Das Militär basiert natürlich auf Regeln. Fehlzündungen zum Beispiel, üblicherweise „fahrlässige Entladungen“ genannt, werden unter dem Uniform Code of Military Justice („Einheitliches Gesetzbuch der Militärgerichtsbarkeit“) als strafbare Vergehen angesehen. Ein Soldat beschrieb 2011 in Foreign Policy einen scheinbar verständlichen Fehler mit einem Gewehr auf einem Stützpunkt im Irak; niemand wurde verletzt, aber der Vorfall „ruinierte so ziemlich“ seine Karriere.

Der Begriff selbst, „fahrlässig“, ist aufschlussreich. Vor etwa zehn Jahren übernahmen alle Zweige des US-Militärs „fahrlässig“ als Ersatz für „versehentlich“ in Beschreibungen einer ungewollt losgegangenen Waffe. Nach dem berühmten Spruch der NRA (National Rifle Association, „Nationale Gewehrvereinigung“) implizierte der Wechsel zur Fahrlässigkeit, dass es, wenn eine Waffe losging, der Soldat war, der eine Fehlfunktion hatte, nicht das Ausrüstungsstück.

Das bringt uns zurück nach Ferguson. Der Staat Missouri hat keine anerkannten, landesweiten Standards für die Ausbildung der Arten von Polizisten, an die er militärartige Ausrüstung ausgibt. Er sammelt auch keine Informationen über Waffen, die losgehen, weil ein Polizist einen Fehler gemacht hat. Die Waffen selbst wurden hauptsächlich für Soldaten und Offiziere gestaltet, die unter bundesweiten Regulationen agieren, mit umfangreichem Training und sehr viel sorgfältigeren Berichten über Ergebnisse. Wir haben diese Waffen genommen, sie auf die lokale Ebene geholt und den Rest der Rahmenbedingungen zurückgelassen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass mich ein Video von einem amerikanischen Polizisten an einen unausgebildeten, unbewachten, ordnungswidrigen Milizionär erinnert hat, der jemanden, möglicherweise mich, vor drei Jahren hätte erschießen können. Vielleicht musste deshalb der Präsident eingestehen, dass irgendetwas gravierend falsch läuft.

Lies Matters fortlaufende Berichterstattung über die Erschießung von Michael Brown:

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