Quelle: “1600 Pandas” von DocChewbacca

Was wirklich hinter dem Generve von Mitmenschen steckt

Und mit welcher einfachen Übung man es herausfindet.

Ein in den 40er Jahren aus Holz gebautes Segelboot ist der Schauplatz. Die Segelroute beginnt im Hafen von Helsinki, führt uns hinaus in die finnische Archipelago bis zu einer alten Militärinsel. Dort wird ein deftiges Seemannsbuffet an Board aufgetischt, gefolgt von der traditionellen finnischen Sauna. Nach sechs Stunden soll es dann wieder zurück in das Stadtzentrum gehen, wo die Feier in einem Club fortgesetzt wird.

Das war mein Plan für unsere Firmen-Sommerparty.

Nach Absprache mit meinem Chef und meinen Kolleginnen und Kollegen fanden alle diese Idee toll und es schien ein besonderes Fest zu werden. Man segelt nicht alle Tage mit einem alten Kutter auf finnischer See, selbst wenn man in Helsinki wohnt. Doch am Tag vor der Party sah die Wettervorhersage alles andere als rosig aus:

Des Menschen große Leidenschaft, das Wetter checken.

Wenn das Wetter umschlägt, schlagen bekanntlich auch die Gemüter um.

Wie der Regen, prasselten Fragen von allen Richtungen auf mich nieder:

  • Haben wir eine passende Versicherung, falls etwas passiert?
  • Hast du das Wetter gecheckt? Sieht ja nicht gerade gut aus…
    (Ja, als Organisatorin habe ich das Wetter gecheckt. Was soll ich jetzt machen, das Boot abbestellen?)
  • Kann man segeln, wenn es gewittert?
  • Ich habe einen Schnupfen, soll ich mitkommen oder besser zuhause bleiben? Ich möchte lieber nicht auf’s Boot…
  • Was ist wenn ich nass werde?
  • Ich möchte gerne mehr Kleidung mitnehmen, aber es ist so umständlich alles mitzuschleppen.
  • Was soll ich anziehen?*

*Ach, das omnipräsente Problem der Kleiderwahl… da helfen anscheinend nicht einmal eine genaue Erklärung und Tipps zu Kleidung und Ausrüstung, die ich ein paar Minuten zuvor ausgeschickt habe….

Ich verstand die Welt nicht mehr. Alles was ich wollte war eine coole Party für meine Kolleginnen und Kollegen zu schmeißen. Nun hatte es den Anschein, als würde ich allen eine riesengroße Bürde aufzwingen. Anstatt Begeisterung, hagelte es Missmut und Beschwerden.

Jede einzelne Frage empfand ich als eine persönliche Beleidigung für mich und meine Idee. Beschwerden hier, Besorgtheit da — das ist das letzte Mal, dass ich ein Firmenfest organisiere (das habe ich übrigens auch schon die letzten vier Mal gesagt).

Ich war etwas genervt von all den Fragen… (Quelle: Giphy.com)

Am Tag vor der Party fühlte ich mich gestresst. Ich musste noch die letzten Sachen organisieren, nochmal sicher gehen, dass ich auch an alles gedacht habe. Tagsüber im Büro wusste ich nicht, ob ich jetzt einfach nur schreien oder weinen soll. Jedes Mal, wenn jemand auf mich mit einer Frage zukam, zuckte ich zusammen und musste einen großen Schluck Frustration hinunterschlucken.

Am Abend kam ich nach Hause und erzählte meinem Freund von der ganzen Angelegenheit. Ich regte mich bei ihm auf, warum sich alle beschweren und mich mit Ihren Sorgen belasten. Seine Antwort:

“Für mich hört sich das nicht wie Beschwerden an. Sie haben einfach nur Angst. Sie wissen nicht, was sie erwartet. Viele waren bestimmt noch nie auf einem Segelboot. Sie bitten dich einfach um Rat und Hilfe.”
Boom! (Quelle: Giphy.com)

Ich ließ meine Frustration los und fiel auf den Boden der Tatschachen:
Das Problem waren nicht die anderen, ihre Beschwerden und Sorgen. Das Problem lag an mir; an meiner eingefahrenen Denkweise und an meinem Mangel an Empathie!

Natürlich haben sie Fragen, die nicht einfach mit meinen ausgeschickten Standardinfos beantwortet werden können! Sie haben den Ausflug nicht geplant, sie kennen nicht die Details, sie haben keinen blassen Schimmer was auf sie zukommt!

Was mir mein Freund auf so einfache Weise erklärt hat war das: Sie haben nicht meine Arbeit kritisiert, oder wollten meine Anstrengungen nieder machen - sie hatten einfach Angst und baten auf subtile Weise um Hilfe.


Eine andere Denkweise

Am Abend vor der Party bin ich nochmal alle Fragen und Sorgen durchgegangen und habe versucht, sie aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und die Auslöser dahinter zu verstehen:

  • Haben wir eine passende Versicherung, falls etwas passiert?
    Wahrscheinlicher Auslöser: “Ich habe Angst, das mir etwas auf dem Boot zustößt und wollte nur sichergehen, dass ich bei einem Unfall nicht selber für den Schaden aufkommen muss.”
  • Hast du das Wetter gecheckt? Sieht ja nicht gerade gut aus…
    Wahrscheinlicher Auslöser: “Ich bin es nicht gewohnt bei Regen oder Schlechtwetter draußen zu sein. Ich fühle mich drinnen einfach wohler.”
  • Kann man segeln, wenn es gewittert?
    Wahrscheinlicher Auslöser: “Ich war noch nie auf einem Segelboot und habe keine Ahnung was mich dort erwartet. Außerdem habe ich Angst vor Gewitter”.
  • Ich habe einen Schnupfen, soll ich mitkommen oder lieber zuhause bleiben?
    Wahrscheinlicher Auslöser: “Ich möchte gerne dabei sein, habe aber Angst, dass sich meine Erkältung beim Segeln verschlimmert.”
  • Was ist wenn ich nass werde?
    Wahrscheinlicher Auslöser: “Ich fahre bald auf Urlaub mit meiner Familie und habe Angst, dass ich krank werde.”
  • Ich möchte gerne mehr Kleidung mitnehmen, aber es ist so umständlich alles mitzuschleppen.
    Wahrscheinlicher Auslöser: “Gibt es eine Art Garderobe auf dem Boot, wo ich alle meine Sachen hinlegen kann, ohne dass sie dabei nass oder schmutzig werden.”
  • Was soll ich anziehen? 
    Wahrscheinlicher Auslöser: “Ich weiß einfach nicht, was mich erwartet.”

Ich werde wahrscheinlich nie die tatsächlichen Beweggründe für ihre Sorgen erfahren, aber das tut hier auch nichts zur Sache. Es spielt keine Rolle, ob meine Vermutungen stimmen oder nicht; was zählt ist, dass ich meine Gedanken auf eine andere Frequenz brachte und die Situation aus einem anderen Blickwinkel sehen konnte.

Schlagartig wurden mir drei Dinge bewusst:

  1. Menschen haben Ängste und Sorgen, von denen du keinen blassen Schimmer hast; Probleme denen du nicht einmal in deinen wildesten Träumen begegnest.
  2. Menschen wollen über ihre Sorgen reden, gehört werden, und letztendlich doch ihre eigenen Entscheidungen treffen. Sie wollen keine Lösungen hören, geschweige denn von dir “gerettet” werden. Was sie wollen ist ihre Gedanken laut auszusprechen und somit sich selbst einen klaren Kopf zu schaffen.
  3. Egal was du tust, du kannst es nie allen Recht machen. Mache einfach das, was du für richtig hältst und sei in deinem Tun überzeugend.

Durch diese kleine mentale Übung konnte ich meine MitarbeiterInnen besser verstehen, ohne mich persönlich angegriffen zu fühlen. Diese Denkweise verhalf mir mich von dem “Generve” zu lösen und es als das zu sehen, was es eigentlich ist: eine Bitte um Hilfe, denn allem Negativen liegt immer nur eine einzige Sache zu Grunde: Angst.


Noch ein Aha-Moment

Als OrganisatorIn ist man nicht nur für die Location, den Ablauf, die Getränke, die Logistik usw. verantwortlich. Oh nein…man wird vielmehr zur zentralen Anlaufstelle für alle Fragen und Sorgen, eine Art “allwissendes Wesen, dass eine Lösung für alle Probleme kennen soll”. Was ich gelernt habe ist dabei nicht das Wesentliche zu vergessen: Beim Organisieren einer Party geht es letztendlich darum seinen Mitmenschen eine schöne Zeit zu bescheren. Das funktioniert auch viel besser, wenn man sich nicht mehr von ihnen genervt fühlt.

Quelle: Panda Bear von fortherock

Hast du schon mal eine Firmenfeier organisiert? Wie ist es dir dabei gegangen?

Hat dir dieser Artikel gefallen? Dann würde ich mich über deinen Klick auf das❤ freuen. Vielleicht möchtest du auch diesen Artikel mit deinen Freunden teilen? Was auch immer du tust, vielen Dank für’s Lesen!

➤➤ Folge Medium auf Deutsch auf Twitter | Facebook | RSS. Du möchtest selbst auf Medium schreiben? Klicke hier, um mehr zu Medium Deutsch und dem Schreiben auf Medium zu erfahren!