Wenn Mutter Teresa einen Ferrari fährt

Warum „mitfühlender Kapitalismus” irgendwie Betrug ist.

von D.A. Wallach, übersetzt von Cosima Ertl

Auf einer privaten Vorfeier zu TOMS’ Aktion “One Day Without Shoes” im TOMS-Flagship-Store in Venice, Kalifornien. (Stefanie Keenan/Getty Images)

Stell dir vor, ein Geschäft in deiner Nähe verkauft Toilettenpapier zum Preis von einem Dollar pro Rolle. Jede Rolle kostet in der Herstellung und im Verkauf 60 Cent und erwirtschaftet somit einen Nettogewinn von 40 Cent. Normalerweise kaufst du zehn Rollen im Monat und bringst dem Geschäftsinhaber damit einen Gewinn von insgesamt vier Dollar ein.

Und jetzt stell dir vor, ein Unternehmer, Henry Hygiene, hat eine Eingebung: Toilettenpapier ist eine enorme, ungenutzte Chance auf Lifestyle-Branding! Jeder braucht es, aber keiner liebt es. Was, wenn eine neue Marke den Verbraucher hinsichtlich seines einzigartigen, persönlichen Stils, seiner Inneneinrichtung und seiner Moralvorstellungen anspricht? Henry ruft eine neue Marke ins Leben, „Flush“, und eröffnet neben dem alten Laden einen neuen, der Toilettenpapier in allen möglichen Designs anbietet. Und um dem Verbraucher die Entscheidung zu erleichtern, verkauft er ebenfalls jede Rolle für einen Dollar. Und dann versetzt er seinem Konkurrenten endgültig den Todesstoß. Er verkündet, dass er für jede Rolle, die er verkauft, fünf Cent an eine neue Wohltätigkeitsorganisation spendet, die Waisen in Bangladesch Toilettenpapier zur Verfügung stellt. Mit jeder verkauften Rolle erzielt das Unternehmen also einen Nettogewinn von 35 Cent, was weniger ist, als sein Konkurrent erzielt, aber immer noch einen völlig akzeptablen Gewinn darstellt. Natürlich bewirbt Flush dieses wohltätige Geschäftsmodell intensiv, damit den Verbrauchern klar wird, dass Toilettenpapier von Flush sowohl modisch ist als auch für Gerechtigkeit kämpft.

Manche nennen das „mitfühlenden Kapitalismus“.

Der neue Laden ist ein voller Erfolg. Du und alle anderen Kunden des alten Ladens wechseln zu Flush. Daraufhin eröffnet das Unternehmen einen Onlineshop und 20 weitere Geschäfte überall in Amerika. Dein monatlicher Toilettenpapierkonsum von zehn Rollen verschafft nun Henry Hygiene 3,50 Dollar und den Waisen in Bangladesch 50 Cent in Form von Toilettenpapier. Der Rubel rollt. Insgesamt verdient Hygiene selbst eine Million Dollar und spendet 143.000 Dollar an die Waisenkinder.

Nach fünf Jahren kauft ein Papiermagnat Flush für 20 Millionen Dollar auf, die allesamt an Hygiene gehen, da ihm das Unternehmen in Gänze gehört. Durch diesen Triumph des „mitfühlenden Kapitalismus“ scheinen alle Beteiligten gewonnen zu haben: die Verbraucher, Henry Hygiene und vor allem die Hinterteile der armen Waisenkinder, die in den fünf Jahren, in denen Flush unabhängig operierte, fast eine Million Dollar in Form von kostenlosem Toilettenpapier erhalten haben.

Diese Art des hybriden Geschäftsmodells ist in den vergangenen Jahren verständlicherweise äußerst beliebt geworden. Besonders für Menschen meiner Generation (ich bin 30) scheint sie den Egoismus des reinen Kapitalismus mit der Selbstlosigkeit von gemeinnützigen Organisationen in Einklang zu bringen. Meine Altersgruppe ist mit einem umfassenderen, ganzheitlicheren Blick auf die Welt aufgewachsen als die Generationen vor uns. Internationale Tragödien erscheinen nur Sekunden, nachdem sie passieren, in hochauflösenden Videos auf unseren mobilen Endgeräten. Und der Börsencrash von 2008 hat uns die Konsequenzen hemmungslosen Kapitalismus eindrucksvoll vor Augen geführt. Die Elite unter uns hat die Untiefen der Finanzindustrie unmittelbar erforscht und sehnt sich nun nach mehr, nach einem Sinn. Und unsere weniger privilegierten Mitmenschen leiden unter einem Arbeitsmarkt, der durch systemischen Schuldenabbau und Strukturwandel geschwächt ist. Diese Erfahrungen sorgen dafür, dass wir uns eine Wirtschaft wünschen, die sowohl stabil ist als auch Gutes tut.

Leider glaube ich nicht, dass „mitfühlender Kapitalismus“ die Lösung ist. Und damit bin ich nicht allein.

Slavoj Žižek. Foto von Mariusz Kubik (creative commons).

Der Philosoph Slavoj Žižek und andere haben diese zum Teil gemeinnützigen Geschäftsmodelle überzeugend dafür kritisiert, dass sie dem Verbraucher vorgaukeln, nicht mehr Teil der weltweiten Ungerechtigkeit zu sein. Folglich würde eine Firma wie Flush ihren Kunden Toilettenpapier und einen modernen Ablassbrief verkaufen, ohne wirklich auf das eigentliche Problem Einfluss zu nehmen (in diesem Fall das Fehlen moderner sanitärer Anlagen in Bangladesch). Das ist nicht völlig falsch, aber scheint mir den Weg zu bereiten für ein weniger haltbares Argument, nämlich dass gemeinnützige Organisationen gar nicht umhinkommen, unmoralisch zu sein, weil sie nicht die Revolution einläuten, die wir eigentlich brauchen. Wir wollen doch schließlich, dass alle ihr Bestes geben, um Gutes in der Welt zu tun, und natürlich bringen die meisten Bemühungen keine umfassenden Lösungen für große globale Probleme hervor.

Was mir problematischer erscheint, ist, dass Geschäftsmodelle mit „mitfühlendem Kapitalismus“ durch die Vermarktung des Leids ihrer angeblichen Nutznießer höchstwahrscheinlich mehr Gewinn erzielen, als sie schlussendlich an diese weitergeben. Und das scheint mir unethisch.

In unserem Flush-Beispiel liefert Henry Hygiene den Verbrauchern mindestens zwei gute Gründe, sein Produkt zu kaufen: Erstens ist es schick und zweitens gehen fünf Cent für jede Rolle an arme Kinder. Das Problem besteht darin, dass es schwer ist, genau zu beurteilen, wie viele der Verkäufe jeweils auf das eine oder das andere Unterscheidungsmerkmal zurückzuführen sind. Wenn wir davon ausgehen, dass alle Erträge, die Hygiene erwirtschaftet, einen Ertragszuwachs darstellen (gemessen am Ausgangspunkt, also an keinem Ertrag), dann kann man meiner Meinung nach annehmen, dass zumindest ein gewisser Prozentsatz dieses Mehrwerts auf die Verkaufsstrategie mit den armen Kindern zurückzuführen ist, egal, wie ehrlich es Hygiene damit meint. Sagen wir mal, sie hat zehn Prozent der Kunden in ihrer Entscheidung maßgeblich beeinflusst. Dann finde ich, dass es nur fair wäre, wenn auch zehn Prozent des Nettogewinns an die armen Kinder ginge, und außerdem zehn Prozent des Unternehmenswerts!

Stimmt doch, oder?

Ich möchte also folgenden allgemeinen Leitsatz vorschlagen:

100 Prozent des Mehrwerts, den ein Unternehmen durch ein gemeinnütziges Geschäftsmodell erwirtschaftet, sollten gespendet werden. Das schließt eine Steigerung des Unternehmenswerts im Verwertungsfall (also bei Verkauf, Börsengang etc.) mit ein.

Ich behaupte, dass Unternehmen des „mitfühlenden Kapitalismus“, die sich nicht an diesen Leitsatz halten, denjenigen Erträge vorenthalten, denen sie angeblich helfen wollen. Und das ist falsch.

Ich weiß schon, was manche jetzt einwenden werden: “Ist es nicht besser, irgendetwas Gutes zu tun als gar nichts Gutes? Stell dir mal vor, Flush würde überhaupt nichts spenden. Man kann doch nicht behaupten, dass das besser für die Welt wäre. Wenn Unternehmer so großzügig sind, einen Teil ihrer Profite an einen guten Zweck zu spenden, warum sollte man dann kleinliche Kritik an ihrer Vorgehensweise üben?”

Meine Antwort darauf lässt sich in einer einzigen Frage zusammenfassen: „Was wäre, wenn Mutter Teresa einen Ferrari führe?” Das würde uns stören, oder? Und zwar, weil wir das Gefühl hätten, sie hätte Gelder veruntreut, die ihr die Menschen gegeben haben, damit sie damit den Armen hilft, und nicht, damit sie sich ein Luxusauto kauft. Wir würden ihr zugestehen, dass sie einen Teil des Geldes dafür aufwenden muss, effizient arbeiten und bescheiden leben zu können, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Wir würden von ihr erwarten, dass sie dafür sorgt, dass ein möglichst großer Teil der Gelder der Bevölkerung zugutekommt.

Beim Modell des „mitfühlenden Kapitalismus“ ist diese Logik nur begrenzt anwendbar, und zwar wieder, weil es unmöglich ist festzustellen, welcher Teil des Ertragszuwachses auf die Gemeinnützigkeit zurückzuführen ist. Konnte sich Henry Hygiene durch das Leid armer Kinder einen Ferrari kaufen oder durch sein geschicktes Branding? Es ist unmöglich, das festzustellen, und diese Ungewissheit entlarvt eine moralische Schwäche.

Es gibt eine einfache Lösung für mitfühlende Kapitalisten: Bewerbt euren gemeinnützigen Zweck einfach nicht. Verkauft eure Produkte und Dienstleistungen aufgrund ihrer Qualität wie jedes andere Unternehmen auch und spendet irgendwann einfach einen Teil des Gewinns im Namen der Firma oder euren Anteil am Gewinn in eurem eigenen Namen.

Dieser spezielle Kritikpunkt steht in Zusammenhang mit dem allgemeineren Vorwurf gegen Unternehmer aus der Hightech-Branche, dass sie den Wunsch, „die Welt zu einem besseren Ort zu machen“, zu einem Klischee haben verkommen lassen. Natürlich sollte niemand etwas gegen dieses Ziel haben, wir sollten sogar alle danach streben. Aber ich glaube, die Leute sind inzwischen frustriert davon, wie oft kommerzielle Projekte die Sprache der Gemeinnützigkeit zweckentfremden. Niemand will heute mehr ein habgieriger Unternehmer sein. Dieses Gesicht steht nicht mal mehr Jay Z, der zuvor die wohl ehrgeizigste Verquickung von Geldgier und Selbstverherrlichung aller Zeiten ersonnen hatte.

Ist es möglich, dass wir mehr kulturelle Räume für die Geschäftswelt schaffen müssen, in denen sie wieder aus sich heraus cool sein kann, damit diejenigen, die reich werden wollen, sich nicht ständig als Altruisten darstellen müssen? Die Unzweideutigkeit einfacher, ambitionierter Kapitalisten hat etwas Angenehmes, wenn man sie mit den verwirrten Philanthro-Unternehmern vergleicht. Ziehen wir vielleicht eine Gesellschaft vor, in der es viele verschiedene Arten von Ansehen und Coolness gibt, die zu verschiedenen, wichtigen sozialen Rollen passen?

Da Kommunikation, Datenverarbeitung, Arbeit und Kapital in nicht allzu ferner Zukunft wirklich globalisiert sein werden, glaube ich, dass diese Fragen immer wichtiger werden. Wir sind dabei, den Großteil der Menschheit in eine globale Gesellschaft einzubinden, und die Kultur, die dieser Prozess hervorbringt, muss eine Vielzahl verschiedener gewerblicher und nicht-gewerblicher Tätigkeiten akzeptieren können. Ich vermute, dass „mitfühlender Kapitalismus“ ein vielsagendes und nicht besonders attraktives Überbleibsel unserer gegenwärtigen Versuche ist, mit dieser Zukunft umzugehen.

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Bist du auch der Meinung, dass „mitfühlender Kapitalismus“ Betrug ist? Oder reicht es dir einfach, dass es armen Kindern hilft, wenn du Schuhe bei TOMS oder eine Brille bei Warby Parker kaufst? Und sollte Mutter Teresa einfach jedes verdammte Auto kaufen dürfen, das sie will? (Ja, wir wissen, dass sie nicht mehr lebt. Nimm doch nicht immer alles so wörtlich!) Schreib uns unten deine Meinung, damit wir die Sache ein für alle Mal klären können.

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