„Wir können und müssen als Roma auch selbst etwas bewegen!”

In Česká Lípa lebt Miroslav Tancoš, der mit seiner Partei aktiv etwas gegen die Diskriminierung der Roma in Tschechien unternimmt.


Über Facebook habe ich vor einigen Tagen Kontakt mit dem Vorsitzenden der Demokratischen Roma Partei in Tschechien aufgenommen. „Sie sind herzlich willkommen“, meinte er sofort. Es ist heute so einfach, Menschen und ihre Geschichten auf der ganzen Welt kennen zu lernen. Und, was ein Glück für mich: er hält sich zu Beginn meiner Reise, weil Wochenende ist, ganz in der Nähe von Rumburk auf, wo ich die letzten 2 Tage verbracht habe.

Schon etwas später am Nachmittag laufe ich drei Kilometer zur Tankstelle außerhalb der Stadt. Hier hoffe ich jemanden zu finden, der vielleicht in Richtung Heimat von Miroslav Tancoš fährt und mich mitnehmen kann. Ein junges Paar, das mir vorschlägt, um die Zeit lieber den Bus zu nehmen, fährt mich zunächst nach Varnsdorf. Von dort gelange ich über einige Umwege und Zwischenstopps nach Česká Lípa, wo mich Miroslav Tancoš letzten Endes gegen 23 Uhr vor seiner Haustür zu sich herein bittet.

Pure Gastfreundschaft

Es ist zwar ziemlich klein, jedoch sehr gemütlich bei ihm. Ich frage zuerst noch schnell, ob ich denn diese Nacht hier schlafen könnte, was für ihn aber scheinbar schon fest stand.

Miroslav Tancoš und seine Frau Helena in ihrem Wohn- und Schlafzimmer.

In der Wohnstube begrüße ich seine Frau Helena und einen anderen, schon etwas älteren Herren, den sie wegen seines Aufenthalts in den USA nur noch liebevoll „Amerikaner“ nennen. Frau Tancoš ist zurzeit zu Hause, weil sie sich um ihren kranken Sohn kümmern muss und nicht gleichzeitig arbeiten kann. Auch ein junger Roma kommt kurz hinzu — Herr Tancoš fragt, ob es in Deutschland denn nicht etwas Arbeit für den Jungen gäbe, egal welche. „Wieso denn in Deutschland?“, frage ich. Er antwortet, dass sie hier niemals so viel Geld wie in Deutschland bekommen würden, wenn sie denn überhaupt erst einmal angestellt werden.

Wir kommen gut ins Gespräch und er erzählt stolz vom Werdegang seiner Partei (siehe auch hier). Davon, dass sie damals genug Unterschriften zur Gründung sammeln konnten und dass sie sich regelmäßig treffen. Die Strategien der anderen Partei der Roma „Tschechische Roma-Bürgerbewegung“ lehne er ab, da sie immer nur auf den Straßen demonstrieren und den Konflikt damit zur Eskalation treiben würden. Bei späteren Recherchen stelle ich fest, dass die beiden Gruppierungen scheinbar aus zwei verfeindeten Clans hervorgegangen sind.

Der Wille zur Veränderung

Dennoch freut es mich zu sehen, dass Roma selbst die Initiative ergreifen. Miroslav Tancoš hat in Prag studiert und schon immer versucht, selbst etwas zu ändern und dem gewöhnlichen Kreislauf zu entkommen. „Es kann nicht sein, dass wir immer nur ‘wollen’. Wir können und müssen als Roma auch selbst etwas bewegen!“, sagt er mit voller Überzeugung.

Er zeigt mir das Wahlprogramm seiner Partei, ihr Konzept zur Integration der Roma in Tschechien und andere Artikel oder Unterlagen. Er sagt, dass der Schritt zur Gründung einer völlig neuen und eigenen Partei nötig war, da Roma als Kandidaten bei anderen Parteien nur auf den hinteren Listenplätzen landen und so nie die Chance haben, ihre Interessen in der Politik zu vertreten. Leider scheint in Tschechien kaum jemand etwas von der Partei mitbekommen zu haben. Egal, wo und wen ich frage, niemand hat je davon gehört, dass eine eigens von den Roma gegründete Partei existiert.

Andere Initiativen

Das Engagement der Roma begrenzt sich aber natürlich nicht nur auf Demonstrationen und Parteigründungen. Bei der Generation 2.0 arbeiten Jugendliche zum Beispiel aktiv an Themen wie Bildung, Teilnahme am öffentlichen Leben oder Identität. Sehr bewegend ist auch die Geschichte vom Fall „D.H. and Others v the Czech Republic“. Hierbei hatten im Jahr 1999 achtzehn Roma aus der tschechischen Stadt Ostrava vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte dagegen geklagt, dass sie alle den sogenannten „praktischen“ Schulen zugewiesen wurden und damit eine minderwertigere Bildung erhalten als beispielsweise Nicht-Roma. Sie sahen darin eine Verletzung des Artikels 14 der Europäischen Menschenrechtskonvention zum Verbot von Diskriminierung. 2007 wurde ihnen damit Recht gegeben und der tschechische Staat dazu aufgefordert, wirksame Schritte einzuleiten, um die Trennung in den Schulen aufzuheben. In Wirklichkeit ist leider nicht so viel geschehen, wie zunächst erhofft. (Sehr zu empfehlen ist hierbei die Fotodokumentation der Open Society Justice Initiative.)

Irgendwann in der Nacht bereitet seine Frau mir dann das Bett vor und ich schlafe nach einiger Zeit im selben Raum wie sie und Herr Tancoš ein.


Miroslav Tancoš und ich in seiner Wohnung.

Verbindungen in die Slowakei

Am nächsten Morgen macht mir Frau Tancoš etwas zum Frühstück und ich erzähle ihnen etwas über den Verlauf meiner Reise. Daraufhin holt Herr Tancoš erneut seine Unterlagen hervor und schreibt mir die Adressen und Telefonnummern von Leuten in allen von mir anvisierten Städten auf, mit denen Gespräche interessant sein könnten. Als ich sage, dass ich im Osten der Slowakei dann später auch nach Michalovce fahren möchte, wird seine Frau plötzlich hellhörig. Ich erfahre von ihr, dass ihre Familie dort lebt. Sie ist die einzige, die vor einer Weile nach Tschechien gekommen ist, und von ihren Verwandten hat sie seit Jahren nichts gehört. Die Verhältnisse in den Dörfern dort seien außerdem noch um einiges schlimmer als in Tschechien. „Viel, viel schlechter leben die dort, in Behausungen außerhalb der Stadt, in den Roma-Slums.“, meint sie, und fügt hinzu, dass viele an Hunger leiden. Ich sage ihr, dass ich versuchen werde, ein paar Familienmitglieder ausfindig zu machen, falls ich es wirklich in diese Gegend schaffe.

Als Miroslav Tancoš dann eines seiner vielen Telefonate an diesem Morgen beendet, verabschiede ich mich von ihnen und mache mich daran, meine Reise in Richtung Hradec Králové fortzusetzen. Dort verbringe zwei Tage, um mich ein bisschen auszuruhen, ohne einen Besuch im Roma-Ghetto Josefov. Was ich dafür einen Tag später bei meinem Aufenthalt in Brno vor allem im Museum der Roma-Kultur lerne und erfahre ist umso eindrücklicher.


Bericht aus Brno

Wo die Ursprünge der heutigen Roma-Minderheit in Europa liegen, welche Grausamkeiten sie über die Geschichte hinweg in nahezu jeder Epoche erleiden musste, was sie kulturell auszeichnet und welches Bild Menschen heute von ihr haben, wird in diesem Museum auf eine fantastische Art und Weise dargestellt. Um diese Erfahrungen soll es im nächsten Artikel gehen.

Liebe Grüße und alles Gute, Lucas ( — der in Bratislava gerade erst mal seine Eindrücke von einer menschenunwürdigen Roma-Ansiedlung in der Slowakei verarbeiten muss)

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