Yoga, Baby!

Was mich Schwangersein über Yoga und mich selbst gelehrt hat.

Meinen ersten Yogakurs werde ich nie vergessen. Ich war damals 14 oder 15 und eigentlich begleitete ich nur meine Mama, damit sie nicht alleine mit dem Auto dorthin fahren musste. Unser Lehrer war ein älterer Mann mit leiser Stimme, der uns jede Stunde Texte mitbrachte und Geschichten erzählte. Ich habe heute noch jeden einzelnen seiner Texte in einem sonnengelben Ordner im Regal stehen. Die Asanas, die ich damals lernte, konnte man an zwei Händen abzählen. Und trotzdem war es der schönste, weil harmonischste Yogakurs, den ich jemals besucht habe. Ich fühlte mich geborgen — in meinem eigenen Körper.

Es folgten viele weitere Kurse, viele weitere Lehrer und mindestens so viele Pausen, in denen ich in anderen Sportarten den Ausgleich suchte. Immer wieder zog es mich zurück zum Yoga. Im März 2014 beschloss ich, diese schwer zu beschreibende Faszination weiterzugeben — ich meldete mich für ein Teacher Training an. Der Stil: fordernd und körperlich. Öfter als Harmonie spürte ich wegen meines Ehrgeizes Wut — auf den Lehrer, auf mich und meinen begrenzten Körper und leider auch aufs Yoga selbst. Es war eine Grenzerfahrung, die mich vieles hinterfragen und an vielem zweifeln ließ. Noch während dieser Ausbildung meldete ich mich für einen Schwangeren-Yogaworkshop an. Ich war auf der Suche nach “meinem” Yoga, nach Weichheit, Weiblichkeit und nach Harmonie. Mir gefiel der Gedanke, Schwangere zu unterrichten.

Tief durchatmen — und auf den Handstand scheißen

Kurz darauf gab ich meinen ersten Schwangeren-Yogakurs — und ich fand dort, wonach ich gesucht hatte. In dem sanften Blick meiner schwangeren Yoginis, in ihren tiefen, bewussten Atemzügen, in ihren behutsamen Bewegungen. Es war wunderschön. Rückblickend glaube ich, dass ich in diesem Yogakurs sehr viel mehr von meinen Teilnehmern gelernt habe als sie von mir. Es brauchte plötzlich keinen Handstand mehr, keine engen Leggings und keine knappen Tops. Stattdessen gab es die guten, alten Basics, bequeme Schlabber-Shirts und ab und an auch Stützstrümpfe unter der Jogginghose mit extra hochgeschnittenem Bund. Und trotzdem war da eine ganz besondere, strahlende Schönheit. Trotzdem? Ich glaube, viel eher genau deswegen. Yoga war in diesen Kursen wieder genau das, was es sein sollte: kein Fitnessprogramm für hippe Menschen mit Top-Maßen, sondern ein Weg zum Wesentlichen — unserem Innersten.

“Passen dir die alten Hosen noch?”

In der Zeit während meines ersten Schwangeren-Yogakurses wurde ich selber schwanger. Dass sich etwas veränderte, merkte ich zu allererst daran, dass mir der Kaffee am Morgen nicht mehr schmeckte — und an meinem Yoga. Handstand bis zum Abwinken zu üben, interessierte mich kein bisschen mehr. Stattdessen meditierte ich viel, Vorbeugen waren eine Wohltat, Herzöffnungen sowieso, und meine Lieblingsübung wurde das Kind. Manchmal weinte ich auf der Matte — aber nicht aus Wut und Ungeduld, weil etwas nicht gelang — sondern weil ich mich selbst, mit allem, was dazugehört, so intensiv wahrnahm. Die Grenzerfahrungen, die ich in den letzten Monaten gemacht habe, spielten sich ganz tief drinnen ab. Ich fühlte mich zum ersten Mal ohne Wenn und Aber wunderschön, stark und trotzdem ganz weich. Umso mehr überraschten mich die vielen Fragen zu meinem Gewicht, meiner Oberweite und anderen äußeren Veränderungen, die mit der Schwangerschaft einhergingen. Selbst beim Schwangersein existiert offenbar ein gewisser oberflächlicher Leistungsdruck und der Hang zum Vergleichen. Wann ist Schwangersein ein Sport geworden? Seit wann geht es mehr um den Körper als um das einzigartige Wunder, das sich darin verbirgt? Die Parallelen zum Yoga, wie es heute vielerorts unterrichtet wird, war verblüffend.

Friedenspfeife rauchen mit mir selbst

Gerade beim Yoga geht es doch um den Weg nach Innen, um äußere UND innere Veränderung, um den sanften Blick auf das Selbst mit all seinen Schichten, angefangen beim Körper bis tief hinein zum göttlichen Funken. Natürlich gibt es auch beim Yoga keine Dogmen. Jeder darf seinen Stil haben. Ich für mich habe allerdings beschlossen, dass Yoga vor allem eines ist: das Gefühl von Geborgenheit in mir selbst zu finden.

Ich hoffe, dass — wenn mein innerer Guru erst einmal auf der Welt ist — ich auch noch diese Wurschtigkeit für Oberflächlichkeiten haben werde, die ich an so vielen tollen Müttern, großen Yoginis und anderen Göttinnen um mich herum bewundere. Während andere mit nacktem Oberkörper im Handstand die Muskeln spielen lassen, während sie sich eigentlich mehr nach einer einfachen Vorbeuge sehnen, werde ich ohne schlechtes Gewissen im Schlabber-Shirt das Kind machen. Und ich werde dabei ziemlich zufrieden sein — mit meinen Grenzen, die es noch zu erfahren und zu überwinden gilt, mit dem einzigartigen, sich ständig verändernden Körper, der mir geschenkt wurde, und mit der Energie, dem Leben und der Liebe, die darin stecken.

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