Youtubepanik

Wenn die klassischen Medien Youtuber wie Le Floid und deren Millionen Abonnenten nicht ernst nehmen, werden sie bald selbst nicht mehr ernst genommen.

Wenige Minuten vor der Aufzeichnung schlägt der Radiomoderator des öffentlich-rechtlichen Mittagsprogramms am Telefon einen konspirativen Ton an. Ich solle mich gleich, wenn wir das Gespräch über die deutsche Youtube-Szene aufzeichnen, nicht wundern: Er persönlich beobachte diese Entwicklung sehr besorgt, sei selbst letztes Jahr auf den Videodays gewesen, dieser Massenveranstaltung mit den Berühmtheiten der Szene. Seitdem jedenfalls habe er nichts mehr für diese „Stars“ übrig (dabei spricht er das Wort Stars aus, als wäre es ansteckend). Nichts als Abzocke sei das, den jungen Kindern würde das Geld aus den Taschen gezogen. Was leisteten die da oben auf der Bühne überhaupt? Außer Schminke in die Kamera halten? Er wisse ja nicht, wie ich das sehe? Kurze Pause. „Können wir dann aufzeichnen?“

Größtmögliche Abgrenzung, das war der Plan dieses etwa vierminütigen Radiogesprächs aus Anlass der von mir produzierten Dokumentation „Die Youtube-Story“, die gerade auf ZDFinfo lief und wegen der mein Team und ich zwei Monate in dieser anderen Welt, dieser Youtube-Welt recherchiert hatten. Größtmögliche Abgrenzung zu einer Welt, aus der es eigentlich viel Interessantes zu berichten gibt. Das Gespräch im Mittagsradio aber endete nach dreieinhalb Minuten mit der Frage: „Herr Klimeš, wollen Sie unseren Hörern vielleicht noch ein paar der wirklich schrecklichsten Videos auf Youtube empfehlen?“

Nein, wollte ich nicht.

Die Abwehrhaltung des Kollegen stünde nicht am Anfang dieses Textes, wäre sie ein Einzelfall gewesen. Während der Pressearbeit zu dem Filmprojekt, aber auch schon in Gesprächen während der Recherche, hat sich gezeigt: Die Branche, in der auch ich zu Hause bin, guckt mit einer Art ablehnenden Anspannung auf die Entwicklungen dieser neuen Videoszene. Eindrücklich zu beobachten beispielsweise im Juli dieses Jahres, als Youtuber LeFloid ins Kanzleramt geladen wurde, um ein Interview mit Angela Merkel zu führen.

Beobachtete man im Vorfeld dieses Interviews den Großteil der Hauptstadtjournalisten, so fühlte man sich an die Gaffer im alten Rom erinnert: Stets darauf hoffend, dass der Gladiator im Kolosseum hinfällt oder zumindest stolpert — und es etwas zu sehen gibt.

Nun lässt sich durchaus darüber streiten, ob ein hauptsächlich für Video-Kommentare und Game-Reviews bekannter Youtuber zusagen sollte, wenn er gefragt wird, ein Interview mit der Kanzlerin zu führen (nur wenige Metzger würden vermutlich zusagen, wenn ihnen angetragen würde, die Konstruktion eines Hochhauses zu übernehmen — könnte ja einstürzen). Aber da im Interview mit LeFloid und der Kanzlerin wenn überhaupt Fragegerüste hätten einstürzen können, wäre der Moment günstig gewesen, die Aufmerksamkeit auf diesen Mikrokosmos zu nutzen, um ihn den eigenen Lesern, Hörern, Zuschauern zu erklären. Aufzuzeigen, wer die Spieler auf diesem Spielfeld sind. Und warum sie Erfolg haben.

Stattdessen: Häme. Und durch diese Häme schimmerte auch immer ein wenig die Hoffnung der Berichterstattenden, dass einer wie LeFloid — wenn er nicht einmal das Einmaleins des Hauptstadtjournalismus beherrscht — also auch nur mit Wasser kocht. Zukunft gesichert.

Was übersehen wurde: Dass es nicht die Edelfedern des politischen Berlins sind, die entscheiden ob LeFloid erfolgreich ist. Dass er sich — bevor er überhaupt den Status erlangte, Staatschefs zu interviewen — erst einmal ein Publikum aufbauen musste. 2,7 Millionen potentielle Zuschauer hat LeFloid auf seinem Hauptkanal. In Deutschland gehört er damit zu einer Riege von gut drei Dutzend Filmemachern, die zwischen einer und dreieinhalb Millionen Abonnenten haben.

Fragt man diese Abonnenten am Rande einschlägiger Youtube-Events nach dem Grund für ihre Faszination, hört man immer wieder dieselben Antworten: „Die Youtuber lassen mich in ihr Leben gucken.“ „Sie antworten auf meine Kommentare.“ „Sie sind wie wir!“ Und genau wegen dieser Antworten ist das Ignorieren dieser Kultur so gefährlich.

Denn wenn ich mich nun an meinen Schreibtisch setze, einen Text schreibe, mit dem ich nicht einmal versuche zu verstehen, wie solche Videos erfolgreich werden können, wenn ich stattdessen einen Eimer Häme über dieser neuen Kultur ausküble, dann gewinne ich vielleicht ein paar Favs auf Twitter und werde in einem Branchendienst zitiert. Was ich verliere, ist die Glaubwürdigkeit bei denjenigen, die meine Berichterstattung in den nächsten Jahren noch für voll nehmen sollen. Denjenigen, die sich selbst in den Videos der Youtube-Stars wieder entdecken. Dafür aber nicht in den Spalten einschlägiger Zeitungen oder in den Nachrichtensendungen der großen Sender.

Das heißt nun im Umkehrschluss natürlich nicht, dass man das Youtube-Programm der neuen Unterhalter per se gut finden muss. Viele der Clips verstehe ich ja selbst nicht. Ich verstehe nicht, wie man jemandem eineinhalb Stunden beim Spielen irgendeines Ego-Shooters zugucken kann. Ich verstehe auch nicht den Reiz, einen jungen Mann beim Skateboardfahren durch Köln zu begleiten. Trotzdem muss mich ernsthaft damit auseinandersetzen, es als Kultur ernst nehmen.

„Eurotechnopanik“ hat der amerikanische Journalismusprofessor Jeff Jarvis unlängst die ablehnende Haltung vieler Europäer gegenüber der Digitalisierung genannt. Youtubepanik kann man in dieser Tradition nur die ablehnende Haltung des deutschen Journalismus gegen die neue Generation der Unterhalter nennen.

In den vergangenen zehn Jahren seit der Gründung hat sich Youtube zu einer nahezu autonomen, von der gut geölten Medienmaschinerie entkoppelten, Szene entwickelt. Es waren keine BRAVO-Starschnitte, die Sami Slimani groß gemacht haben, es war kein Radio-Interview, das Y-Titty berühmt gemacht hat, die Lochis sind nicht entdeckt worden, weil sie bei „The Dome“ aufgetreten sind. In Zeiten, in denen die eigenen Großeltern auf Facebook rumhängen, haben sich die heutigen Teenager auf Youtube ein eigenes Refugium erschaffen.

Sie sind also nicht darauf angewiesen, dass wir sie ernst nehmen. Wir aber sind darauf angewiesen, dass sie uns weiterhin ernst nehmen.

Statt der „wirklich schrecklichsten Videos“ hatte ich während des Radio-Interviews im Übrigen nur einen Tipp für die Hörer des öffentlich-rechtlichen Mittagsprogramms: Schauen Sie sich ein paar der Clips von Simon Unge an, schauen Sie, was MrTrashpack macht — und dann gehen Sie in die Zimmer ihrer Kinder und fragen sie, was sie daran toll finden.

Denn eins war mir klar geworden: Aus dem Radioprogramm werden sie es an diesem Vormittag nicht erfahren.

Dieser Text erschien, leicht gekürzt, am 23. August 2015 im Tagesspiegel.

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