Zeiten zu scherzen und Zeiten zu schweigen

Über den Umgang mit Schrecken und Trauer im Social Web

von Kerstin Hoffmann

Einige schreckliche Dinge sind in letzter Zeit geschehen; sowohl in der Welt da draußen als auch in meinem direkten persönlichen Umfeld. Da stellt sich wohl nicht nur mir die Frage: Was kann, darf und will ich überhaupt auf Facebook oder Twitter posten, wenn rundherum alle trauern und schockiert sind? Scherzhafte Anekdoten im Angesicht des Terrors? Fröhliche Instagram-Fotos, wenn für Menschen, die ich persönlich kenne, gerade eine Welt untergeht? Ich glaube, es gibt da keine allgemeinen Antworten. Da wird es keine zwei Menschen geben, die gleich „ticken“. Ich finde vielmehr, dass es darum geht, jeder und jedem den eigenen Raum zu lassen, mit Trauer und Tragödien umzugehen. Dennoch gilt es, auch in sozialen Netzwerken sensibel für andere zu bleiben und nicht gedankenlos Gefühle zu verletzen. — Einige Gedanken zum Thema Trauer versus “business as usual”.

Ich meine mich erinnern zu können, dass, als ich Kind war, im Radio nur traurige, getragene Musik lief, wenn zuvor oder hinterher etwas Schlimmes aus der Welt zu vermelden war. Irgendwann hat sich das geändert, und nun läuft wohl meistens das normale Musikprogramm, egal wie die Meldungen aussehen. Das mag nicht zuletzt an der wachsenden Zahl solcher Informationen liegen. Wenngleich also Statistiken beweisen, dass die Welt insgesamt immer sicherer werde, kann der Eindruck in dieser Zeit der schnell und überall verfügbaren Informationen zu anderen Schlüssen führen. Letztlich hat wohl jeder eine andere Strategie, damit umzugehen.

Dabei kann das Zusammenfinden in Gruppen und eben auch in sozialen Netzwerken helfen. Dieser öffentliche oder teilöffentliche Austausch im Digitalen ersetzt ganz sicher nicht den persönlichen Kontakt. Aber der ist ja ebenfalls vorhanden. Wer das öffentlich Sichtbare etwa auf Facebook zum Maßstab für ein eigenes Urteil nimmt, vergisst dabei, dass ein Großteil der digitalen Kommunikation zwischen zwei und mehr Menschen gar nicht sichtbar ist. Er würde also, wenn er die eigene Wahrnehmung absolut setzt, ein völlig falsches Bild sehen.

Scherzhaft und pietätlos: Das sind zwei verschiedene Dinge

Eines meiner liebsten Zitate zum Thema Humor stammt von Robert Gernhardt:

Witze sollten grundsätzlich vor nichts haltmachen. Es ist nicht ihre Aufgabe, die Anmut der Mutter zu feiern, Frauen zu verehren oder angesichts des werdenden Lebens zu verstummen — dafür gibt es Damenreden, Minnelieder und Bistumsblätter. Witze haben lediglich einen Zweck: den, komisch zu sein. Das sind sie nur, wenn sie bedenkenlos neue Blickwinkel öffnen und überraschende Zusammenhänge herstellen. (in: Was gibt’s denn da zu lachen?, Seite 23)

Satirische Magazine wie „Der Postillon“ oder Cartoonisten wie Ruthe.de helfen uns auch, angesichts des Schreckens nicht ängstlich zu verstummen, sondern das Geschehene zu verarbeiten und zu bewältigen, indem wir mit Humor eine gesunde Distanz wiederfinden.

Doch was ist mit dem persönlichen Bereich? Was poste ich auf Facebook, was kann ich twittern, wenn sich in meiner Timeline gerade Tragödien abspielen? Wem ist dann schon nach Witzen zumute? Und: Was denken die eigenen Freunde, wenn jemand herzlos Scherze heraushaut, wenn andere betroffen sind?

Zeiten zu scherzen und Zeiten zu schweigen

Meiner Ansicht nach gibt es Zeiten zu scherzen und Zeiten zu schweigen. Aber wie lang diese sind, das kann niemand für einen anderen entscheiden. Da helfen auch keine Plattitüden wie „Das Leben geht weiter“.

Bei mir selbst ist es so, dass ich gerade in letzter Zeit von Ereignissen erfahren habe, die mich zuerst einmal sprachlos gemacht haben. Ich habe dann gar kein Bedürfnis, irgendetwas auf Facebook zu vermelden. In solchen Zeiten fallen mir keine Scherze ein, und wenn doch, fände ich es pietätlos, sie anderen zuzumuten. Aber auch in solchen Zeiten hilft mir der digitale Kontakt zu den Menschen, mit denen ich eine Verbindung habe, mich nicht allein zu fühlen. Angesichts von Trauer und Schrecken sehe ich, wie meine Freunde sich gegenseitig unterstützen und wie ich ein Teil davon sein darf. Ich habe zugleich ebenso viel Verständnis für diejenigen, die sich erst einmal ganz zurückziehen und in Ruhe gelassen werden wollen. Ich finde, man soll das respektieren.

Aber irgendwann, und das ist meistens gar nicht so lange danach, geht das Leben eben doch weiter. Wann? Das hängt wohl auch davon ab, wie nahe jemand an einem Geschehen ist und wie lange er oder sie sich zurückziehen möchte. Auch das kann man niemandem vorschreiben. Es geht immer darum, eigene Erwartungen und Maßstäbe nicht in andere zu projizieren.

Ich weiß noch, wie erstaunt ich letztens war, als jemand, der gerade einen schweren Verlust erlitten hatte, wieder richtig witzige Bemerkungen auf Facebook postete. Ich fand das ebenso erleichternd wie lehrreich.

In den Alltag zurückfinden?

Als vor einiger Zeit mein Vater starb, habe ich mich zuerst einmal eine ganze Weile ganz zurückgezogen, auch aus dem Internet. Doch zugleich war ich dankbar, dass es Menschen gab, denen das aufgefallen ist und die nachgefragt haben. (Genauso halte ich es übrigens auch.)

Irgendwann einmal, viel schneller als gedacht, war ich aber regelrecht froh, dass es diese andere Welt da draußen gab, in der nicht alle betroffen waren und in der das Leben weiterging. In der ich scherzen und lachen konnte, mit Menschen, denen ich gar nicht erzählen wollte, was gerade Trauriges passiert war. Mir hat das in meinen Alltag zurückgeholfen.

Und doch, welch Glück …

Auch mit meinen kleinen, scherzhaften Anekdoten auf Facebook möchte ich ein bisschen Freude in die Welt bringen und gemeinsam mit anderen scherzen.

Je älter ich werde, desto stärker bilden sich bei mir zwei nur scheinbar gegensätzliche Tendenzen aus: Einerseits ist es mir mehr und mehr egal, wie andere über mich denken und ob ich das “richtige” Bild vermittele. Andererseits wachsen in mir Sensibilität und Mitgefühl für andere Menschen, und ich achte viel mehr als in jungen Jahren darauf, Andere nicht vor den Kopf zu stoßen oder versehentlich zu kränken.

Formale Anerkennung wird mir immer weniger bedeutsam. Glücklich zu sein und glückliche Menschen um mich zu haben, das wird mir immer wichtiger. Glücklich zu sein bedeutet aber in der dualen Welt, in der wir leben, eben nicht immer zwangsläufig fröhlich oder auch nur froh zu sein. Es ist für mich eher eine grundsätzliche Lebenseinstellung, die für mich gerade dann von Bedeutung ist, wenn eben im Außen nicht alles rund läuft.

Mitgefühl heißt meines Erachtens nicht, das Drama des anderen noch zu verstärken, indem ich vorgeblich mehr trauere als die Betroffenen selbst. Es bedeutet für mich, sensibel dafür zu sein, was andere brauchen und für sie da zu sein — ohne mich selbst aber zu verstellen.

Ich hoffe, dass mein Netzwerk mir ehrlich zurückmeldet, wenn ich einmal danebenhaue. Aber ich wandle nicht mehr, wie früher manchmal, auf rohen Eiern, sondern setze meine Schritte beherzt und eben oft auch mit einem Scherz vorwärts. Gemeinsam mit vielen anderen in einem Netzwerk, in dem ich mich sehr gut aufgehoben fühle.

Wie hältst du es mit den Zeiten zu scherzen und zu schweigen? Ich freue mich über weitere Meinungen und Gedanken.

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