Zwischen konservativer Mittelschicht und liberalem YOLO-Milieu

Über die Medienunternehmen im neuen Jahrtausend


Wenn man sich fragt, woran etwa Zeitungen auf ihrem Weg in die multimediale Zukunft scheitern könnten, muss man zuallererst einmal bedenken, dass die multimediale Zukunft der Zeitung eigentlich schon vor über 15 Jahren begonnen hat. Und Fakt ist: Vielen Zeitungen geht´s noch immer gut.
Journalisten sind, was das in den Tod Reden des eigenen Metiers betrifft, ja quasi Spitzenreiter. Kaum funktionieren althergebrachte Geschäftsmodelle und Strategien nicht mehr, werden panisch Untergangsszenarien gezeichnet, die nicht nur das Sterben der Tageszeitung prognostizieren, sondern gleich das ganze Abendland im Niedergang begriffen sehen. Ob sie mit Letzterem Recht haben, sei jetzt dahingestellt, Tatsache ist jedoch, dass Veränderung meistens ein bisschen weh tut und außerdem im Nachhinein alles immer nur halb so wild ist, wie vorher angenommen.

Klar, leicht hat es ein Medienunternehmen am Anfang des neuen Jahrtausends keineswegs: Vielfältige Innovationen und Veränderungen zwingen die oft starren Konstruktionen einer solchen Organisation in Positionen, in denen sie sich unwohl fühlen könnte. Der Mensch ist ja bekanntlich eine Kreatur, die lieber in der Vergangenheit lebt, als die Zukunft als den Weg ins Bessere anzuerkennen. Medienunternehmen haben bekanntlich die Eigenschaft, aus Menschen zu bestehen und bilden da deshalb keine Ausnahme.
Natürlich, ein Vorteil ist es nicht gerade, dass der neue Markt „Internet” gleich zu Anfangs mit Gratisangeboten en masse verhunzt wurde. Nachteilig könnte es auch sein, dass eben jene Informationen, mit denen eine Zeitung heute ihr Geld macht, schon gestern in eben jenem Internet kostenlos erhältlich waren. Und auch aus soziologischer Sicht mag sich der eine oder andere Redakteur fragen, wie man konservative Mittelschicht mit liberalem Yolo-Milieu in einem Medium vereinen soll.

Eine große Herausforderung für viele Zeitungen wird es sein, Inhalte zu liefern, die die Leser wollen, ohne dabei zu bringen, was die Leser wollen. Mit Busen, Baby und Bambi lässt sich gut Geld verdienen, das merkt mittlerweile leider auch schon die ein oder andere Qualitätszeitung und springt frenetisch jubelnd auf dieses Narrenschiff auf. Allerdings sollte eines der wichtigsten Ziele einer Zeitung nicht aus den Augen verloren werden: das Geben von Orientierung. Gerade weil ein nahezu ungebremster Zugang zu sinnflutartigen Informationsströmen möglich ist, braucht es eine Konstante, die kühl und souverän sortiert, einschätzt und Orientierung schafft. Professioneller Journalismus muss in unserer Welt unverzichtbar sein! Und ist er es nicht mehr, muss er es wieder werden. Es wird aufrichtigen und reflektierenden Journalismus brauchen. Journalismus, der keine Scheu vor kontroversen Themen hat und sich in den schweren Zeiten des Shitstorms nicht von seiner eigenen Meinung distanziert, um den Mob zu besänftigen. Ein Medienunternehmen, das diesen Ansprüchen genügt, wird auf lange Sicht seine Reputation behaupten und steigern können — ein Rohstoff, der auch in unserer heutigen Zeit zunehmend wichtiger wird.

Tatsache ist, wir leben in einer der wohl spannendsten Epochen der Mediengeschichte. Eine Epoche, in der ein Medienunternehmen nicht nur ein Konglomerat kaffeabhängiger Schreiberlinge, unterbezahlter Praktikanten und Fotografen mit Pferdeschwanz und Hang zur Theatralik ist, sondern ein lebender Organismus, der sich selbst neu erfinden und entfalten kann. Innovationen müssen von einem solchen Unternehmen mit der gleichen Freude aufgenommen werden, wie alte Strategien oftmals verteidigt werden. Dabei darf Medienkonvergenz aber nicht bedeuten, dass der Mittfünfziger-Redakteur, dem bereits das Recht auf Rauchen im Büro aberkannt wurde, nun auch noch das Machen von Selfies für seine Kolumne lernen muss. Junge Menschen bringen junge Innovationen — das sollte das Credo sein. Ein gutes Alters- und Kompetenzenverhältnis innerhalb des Unternehmens ist essentiell, um ein dynamisches Angebot auf lange Zeit gewährleisten zu können.
Ein modernes Medienunternehmen muss mit der Zeit gehen und dabei die Zeit als das verstehen, was sie ist: ein immer wiederkehrender Kreislauf menschlicher Bedürfnisse, die meist durch die Medienunternehmen selbst erst geweckt wurden.

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