Wenn Bücher «einfach nicht mehr zeitgemäss» sind

und was diese Dystopie über das Bild der Universitätsleitung von wissenschaftlicher Relevanz und studentischem Vermögen aussagt — ein Essay.

Die Bibliothekslandschaft der Universität Zürich gleicht einer wilden Blumenwiese: über 80 Institutsbibliotheken aller Sorten sind auf mehrere Quadratkilometer ausgebreitet. In Inhalt, Optik und Öffnungszeiten haben sie kaum etwas gemeinsam.

Die Chefgärtner der Universitätsleitung machen mit dem Projekt «Bibliothek der Zukunft» Anstalten, den wilden Garten zurechtzustutzen: Institutsbibliotheken, wie wir sie heute kennen, werden reduziert und über die nächsten Jahrzehnte zu einer einzigen Monsterbibliothek verschmolzen, zu einem Monolith auf der Wässerwies.

Da der physische Platz, der zur Realisierung dieses Grossspurprojekts notwendig ist, nicht auf realistische Weise geschaffen werden kann, muss aussortiert werden: Literatur, die 1) älter als zwanzig Jahre alt ist und 2) seit fünf Jahren nicht mehr ausgeliehen wurde, soll in eine Speicherbibliothek ausgeschafft werden. Die Bücher — häufig noch nicht digitalisiert — sind damit nur über einen Kurier kostenpflichtig einsehbar. Mehrfachexemplare werden systematisch vernichtet. Studierenden der Fachrichtungen der Philosophischen und Theologischen Fakultäten stehen bei dieser Aussicht auf die Zukunft die Haare zu Berg.

«Die Bibliothek, der Abstellkeller»

Eine Bibliothek ist ein historisch gewachsener Ort, hunderte Male umgestellt durch Fachbibliothekare, die das Angebot an Literatur den neuen Bedürfnissen der Studierenden anpassen und in eine inhärent logische Ordnung bringen. Der physische Streifzug durch die Regale spiegelt das Entfalten des angeeigneten Wissens wider: Entdeckung, Vertiefung, Verzweigung, Erkenntnis. Jedes Thema hat einen geographischen Platz im Regal, vis-à-vis stehen Bücher, die dem Thema die Stirn bieten, eine neue Dimension oder eine entscheidende Verdichtung geben können. Die Ordnung lädt ein, neben dem zielsicheren Griff ins Regal auch den Blick schweifen zu lassen, den Horizont zu öffnen und neue Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, die bei der zielgerichteten Online-Recherche nicht berücksichtigt werden.

In diesem Kontext erhalten auch zunächst irrelevante Funde plötzlich Relevanz: auf der Suche nach Sekundärliteratur für meine Arbeit sticht mir ein Buch ins Auge, ich blättere es durch, es ist irrelevant, ich stelle es zurück. Trotzdem ist es abgespeichert in meinem Kopf — das eine Kapitel hat mich doch interessiert. Ein Prozess der Verarbeitung wird losgetreten. Ein paar Stunden, Wochen, Monate später kommt die Eingebung. Ob nur angefachte Neugier oder Potenzial zum wissenschaftlichen Durchbruch: so findet Wissenschaft statt. Ein Rechercheportal für eine Speicherbibliothek ist hingegen nicht in der Lage, so zu inspirieren.

«Der Bibliothekar, der Hauswart»

Die Arbeit der Bibliothekarin ist verantwortungsvoll. Auf langfristige Sicht kann eine einzige Entscheidung eines Bibliothekars beeinflussen, welche Bücher noch in dreihundert Jahren verfügbar sind und welche in Vergessenheit geraten. Und Digitalisierung ist keine Garantie für ewige Verfügbarkeit: die Technologie entwickelt sich in rasantem Tempo; was vor zwanzig Jahren High-Tech war, ist nun Retro. In meiner Kindheit speicherte man seine dreissig wichtigsten Dokumente auf eine Diskette, heute werden Computer ohne Diskettenleser gebaut.

Die Vorstellung, dass digitalen Archiven allein die Verantwortung über die Lagerung unserer Wissensschätze übertragen werden kann, ist ein Produkt des kurzsichtigen Technologieoptimismus auf den Flügeln eines enormen Wirtschaftsaufschwungs. Es setzt die Gleichsetzung von digital und ewig, ein kontinuierliches «ewiges Wachstum» der technologischen Möglichkeiten voraus. Ohne dieses kann die schiere Flut an neuer Information und alter Erkenntnis nicht gestemmt werden. Wirtschaftliche Stagnation heisst Verwüstung dieser fragilen Strukturen: das alexandrinische Feuer der digitalen Archive.

Ein Back-Up in einem immer und für alle zugänglichen Onlinearchiv, ja — aber nicht auf Kosten unserer physischen Bücherbestände.

Kuratiert, gepflegt, aufgestockt und sinnvoll aufbereitet werden diese Bestände durch die Fachbibliothekar*innen, die den bestehenden Fundus und die verborgenen Schätze in ihren Regalen kennen. Auf der Suche nach einer geeigneten Spezialisierung des Forschungsthemas? Der Fachbibliothekar sieht Verbindungen und ungenutztes Potenzial zwischen seinen Regalreihen wie kein anderer. Wird er ausquartiert und sein Bestand mit anderen verschmolzen, gehen wichtige Kompetenzen verloren, die häufig unsichtbar aber unverzichtbar sind. Ich suche eine Monografie über Heidegger in der modernen iranischen Philosophie — auf Persisch. Die Bibliothekarin, in ihrer rechtswissenschaftlichen Bibliothek in ihrem Element, steht ratlos vor den Rollregalen.

«Die Studierenden, die Wiederkäuer»

Ein vielfältiges, lebendiges und unerwartetes Angebot in den Regalreihen ist der Motor für neue Forschung. Ein Fokus auf Standardliteratur, auf viel ausgeliehene Bücher, führt einerseits zu einer ewig nachhallenden akademischen Echokammer und zeigt andererseits ein Missverständnis davon auf, wie Wissen genutzt wird. Ausgeliehen wird nur ein Bruchteil der genutzten Literatur: Häufig wird nachgeschlagen, geblättert, überflogen — wenn ein Werk nicht digital messbar verwendet wird, heisst das nicht, dass es Staub sammelt.

Auch verkennt die Vernichtung von ungewöhnlicher Literatur die Natur von Forschung im sozialen, kulturellen Feld: was jetzt keine Beachtung erhält, kann in zwei Jahren eine hochfrequentierte Forschungsfrage sein. Wenn dann dazu keine Literatur verfügbar ist, versickert das Potenzial in einer Wüste der Reproduktion. Wird nur angeboten, was ohnehin alle paar Monate im Basisseminar nachgebetet wird, findet nichts Neues, Bewegendes, Wissen Schaffendes statt.

Die Idee, dieselbe Forschung könne online in einem Portal durchgeführt werden, basiert auf der Vorstellung, dass Algorithmen schlauer sind als Studierende und Forschende, dass Kreativität ein Rechnungsprozess ist, der von Big Data übernommen werden kann.

Vertrauen in die Innovation und den Horizont der Studierenden hat die Universitätsleitung spätestens mit Bologna abgelegt. Selbstbestimmung, Querdenkerei und Kreativität haben in der Bibliothek der Zukunft, wie sie sich die Universitätsleitung erträumt, keinen Platz. Die Studierenden werden in Scheuklappen an einem Laufband abgefertigt, an Standardwerken vorbeigeschippert und mit bedeutungslosen Zertifikaten ausgestattet, bevor man sich darüber beklagt, dass Student*innen von heute einfach nicht mehr selber denken können.