Digitale Zombieapokalypse

Cyberzombies im Betamodus


Sechs Uhr Zweiunddreißig. Für mich eine sehr frühe Zeit, aber in Anbetracht meines heutigen Vorhabens viel zu spät. Schuhe an, Schlüssel einstecken, Brille nicht vergessen und der Laptop muss auch noch mit.

Ich muss einen Vortrag halten. Vor Schülern, die wahrscheinlich weder die Mühe noch den Vortrag zu schätzen wissen. Ich will auch wieder dreizehn sein. Meine Probleme würden sich auf den wunderbaren Anblick von Kristin Kernstein und das erste “Hallo” reduzieren. Sie wusste damals gar nicht wer ich bin. Das weiß sie heute aber auch nicht.

Ich war damals sehr Vernaht in dieses Mädchen. Ich war damals allerdings auch sehr unwissend. Sie hatte dunkeles Haar manchmal länger und manchmal kürzer. An mehr kann ich mich auch schon nicht mehr erinnern. Zulange ist es her. Damals als die Welt so freundlich, unscheinbar und friedlich erschien.

Kinder spielten zusammen in Parks, auf Spielplätzen, oder in meinem Fall im Wald. Eine glorreiche Zeit. Wir waren Pioniere, Helden und Eroberer. Die Herzen der Frauen schlugen nur für uns edele Retter. Wir erbauten Höhlen, Häuser und Zelte. Versorgten unser Volk mit Nahrung. Bis es dann abend war. Danach ging es nach Hause. Abendbrot essen, eine Zeichtrick-folge schauen und dann ab ins Bett. Früher musste ich schon um fünf Uhr dreißig aufstehen. Das war normal, das war mein Alltag.

Nach nun fünfzehn Jahren ist mein Schlafrhythmus verdorben. Lange Nächte, viele Delirium. Eine harte, aber wunderbare Jugend. In der Woche tauschte ich meine heldenhafte Tugend gegen die schulische Versklavung. Klausuren, Lernen, Wissen. Wissen das mich gar nicht interessiert. Mein Interesse galt eher der Telefonnummer von diesem hübschen neuen Mädchen. Sie war sehr ruhig, hatte aber ein nettes Lächeln. Ich wusste weder wie sie hieß, nach woher sie kam. Ich war natürlich zu viel zu spät zum Unterricht erschienen. Freiwillig versklaven lassen wollte ich mich ja schließlich nicht.

An Wochenenden zog ich mit meinen Freunden um die Häuser, möglichst so lange bis die Sonne auf geht und in meinem Kopf das Licht aus geht. Mein Schlafrhythmus glich eher einem Auto mit zwei kaputten Reifen und drei Rädern, das versucht mit hundertzwanzig Sachen gerade aus auf der Autobahn zu fahren. Er funktionierte einfach nicht so richtig.

Zum Glück wohne ich nur zwei Fußminuten von der Straßenbahn entfernt. Mit einer kleinen körperlichen Ertüchtigung in Form eines Sprints konnte ich die Bahn noch ganz knapp erreichen. Die Türen schlossen. Ich habe waghalsig meinen Fuß in die Tür gestellt. Ungeachtet dessen, dass in meinem Kopf immer wieder die Fantasie vorherrscht, dass mein Fuß abgereist. Die Straßenbahn würde gemütlich ihres Weges fahren, mit meinem Fuß in der letzten Wagontür. Zum Glück leben wir in einem hochtechnologisiertem Informationszeitalter. Und sind zudem auch sehr Sicherheitsparanoid. Die Tür nimmt meinen Fuß als Widerstand wahr. Ein kleiner Computer registriert diesen Widerstand und erteilt den Befehl zum öffnen der Türen. Ein sehr bürokratisches und zu Deutschland passendes Sicherheitsprotokoll.

Die Passagiere schauen mich verärgert an. Schließlich habe ich durch mein Vorhaben, die Bahn mit aller Kraft zu bekommen, die Fahrtzeit um zwölf Sekunden verlängert. Das ist inakzeptabel. Das gehört sich nicht. Einen Wimpernschlag später ist dies scheinbar wieder vergessen. Viel interessanter ist jetzt das Verbreiten dieses Fauxpas. Viele zücken ihre Smartphones oder Tablets, wenn sie diese noch nicht in der Hand hielten. Es wird getwittert, gefacebooked, geinstagramt, gesocialiced. Im Internet, mit fast der gesamten Weltbevölkerung. Selbst verbale zwischenmenschliche Unterhaltungen sind kurz, prägnant und ohne das Abwänden des Blickes vom Smartphone.

Mit Ausnahme der netten alten Dame und ihres wahrscheinlichen Ehepartners. Beide schauen sich an, als würden sie verliebt sein wie am ersten Tag. Die Goldringe sind gut Sichtbar auf den Ringenfingern platziert. Als ich geboren wurde schienen beide schon lange ein glückliches Leben zu zweit zu führen.

Ein glückliches Leben ohne IPhone, Facebook, Twitter oder Instagram. Sie hätten der Welt nicht gesagt wie verliebt sie sind. Was sie gerade wo mit wem und warum machen. Wie viel sie etwas von was anderem besitzen. Bei vielen steht das Ich — Bewusst oder unbewusst — im Vordergrund danach kommen meine zweitausendsechshundertdreiundachtzig Freunde. Davon kenne ich genau einen Prozent in der realen, schmutzigen Welt. Den Rest habe ich in meiner Freundeslist, weil sie in einer anderen waren, mir der Serien- oder Musikgeschmack gefällt oder die Fotos der Person schön sind.

Ob wir uns tatsächlich ausstehen können entscheidet das Unter-bewusstsein beim Austausch von Phäromonen. Dafür gibt es noch keine Datenautobahn. Aus biologischer Sicht wissen wir nichts über den anderen. Die Sympathie, die wir unserem Chatpartner gegenüberbringen ist eher eine Form von Suggestion und der Wille ihn kennen zu lernen.

Vieleicht besteht sogar der tiefe Wille ihn zu mögen, ihm näher zukommen. Wenn wir eben diesen Partner dann treffen, dann sind wir häufig enttäuscht. So enspricht er einfach nicht unseren Erwartungen. Hätte man vorher doch nur einmal telefoniert. Die Stimmenlage, die Art zu Sprechen, das sagt schon einiges über den Menschen aus. So können wir zumindestens feststellen, ob eine grundsätzliche Sympathie vorhanden ist.

Heute sind die Kommunikationswerkzeuge zu Versklavungsmaschienen mutiert. Was wir an der Schule hassen, scheinen wir am Smartphone zu mögen. Lernen und Wissen ergattern. Aus einfachem Grund: Wir können bestimmen was wir wann und wo lesen oder wissen möchte. Das wird nicht anderen beeinflusst.

Leider reden wir uns das gerne ein, denn die Realität sieht anders aus. Gezielt werden uns täglich Bedürfnisse verkauft. Und das fängt schon bei diesen Smartphones an. Diejenigen die resistent sein wollen, werden durch ihr Umfeld dazu gezwungen. Denn alleine sein will niemand.

Das Verkaufen von Bedürfnissen ist ein alter Trick. In den Zeiten zu Jesus Christus wollten die Menschen dazu gehören. Sie wollten zusammen stark sein. Gewollt oder ungewollt hat ihnen Jesus mit seinem Glauben genau das gegeben. Ohne den Übergriff der Römer hätte es heute wahrscheinlich kein Christentum gegeben. Hitler hat genau das gleiche gemacht. Er Verkaufte das Bedürfnis der Mensch nach Frieden und Wohlstand. Was er auch tatsächlich gab. Nur um es ihnen später mit voller Gewalt zu entreißen.

Wir alle sind Teil dieser Welt und müssen uns dazu entscheiden wie wir sie wahrnehmen wollen. Zu mindestens sind Smartphones keine Viren, bei einigen Partzipanten des Social Internet macht sich dennoch eine Form des gedankenlosen Hungers nach mehr breit. Unaufhörlich scheint der Drang zu sein. Mehr Freunde. Mehr Likes. Mehr Shares. Ein virtuelles Statussymbol, dass niemanden interessiert.

Email me when Die Macht des Geästes publishes stories