Power to the Children — Dokumentarfilm

Anli Serfontein
Feb 19 · 8 min read

Interview mit Filmemacherin Anna Kersting über ihren Indie-Film über Kinderparlamente in Indien

Wie bist du mit dem Thema Kinderparlamente in Berührung gekommen?

Als ich 2011 in Indien über Kinderarbeit recherchierte, hörte ich zum ersten Mal über Kinderparlamente und besuchte kurz darauf einen Kinderparlamente-Kongress in Chennai in Tamil Nadu. Auf einem Schulcampus hatten sich über zweihundertfünfzig Kinder aus verschiedenen Regionen Südindiens versammelt. Es waren Delegierte von Dorfparlamenten aus verschiedenen Regionen Indiens — 12 bis 17 Jahre. Im Schatten großer Bäume diskutierten sie drei Tage lang über Kinderarbeit, Bildung, Kinderheirat, häusliche Gewalt, Umweltthemen und suchten nach Lösungen bis spät in die Nacht hinein. Die Power und Leidenschaft dieser Kinder hat mich so berührt, dass ich beschloss, einen Film über sie zu drehen. Ich sah die Chance, dass Kinderarbeit und Kinderheirat in Indien sehr bald beendet werden können, wenn die Kinder sich selbst für ihre Rechte einsetzen.

Kinderparlament © Anna Kersting

Du lebst in Deutschland. Wie hast du den Kontakt zu den Kindern hergestellt?

Nach dem Kongress bin ich in die Dörfer gefahren und habe mir die Kinderparlamente angeschaut. Dort lernte ich dann die Protagonisten für unseren Film kennen. Die Kinder waren sofort begeistert von der Idee, einen Film über ihr Kinderparlament zu drehen.

Dies ist ein unabhängig produzierter Film und wir als Plattform unterstützen unabhängige Dokumentarfilme. Wie bist du vorgegangen, um Förderung für den Film zu bekommen? Wo hast du nach Geld gesucht?

Zuerst habe ich es bei vielen deutschen Fernsehsendern versucht und parallel auch in anderen Ländern gepitcht. Schließlich habe ich vom Kuratorium junger deutscher Film“ die Recherchen finanziert bekommen. Anschließend hat das Bundeskulturministerium den Film als Dokumentarfilm für Kinder und Jugendliche gefördert. Außerdem gab es noch Mittel des evangelischen Kirchlichen Entwicklungsdienstes. Es ist ein Low Budget Projekt mit einer hohen Selbstbeteiligung.


Drehen in Indien

Du hast mit einem indischen Team gearbeitet — welche Vor- oder Nachteile hatte das?

Es war für diesen Film sehr wichtig, dass das Team mit den Kindern kommunizieren konnte. Alles hing letztlich vom Vertrauen ab. Das konnte sich ganz schnell entwickeln, da Kameramann, Übersetzerin und Tonmann ihre Sprache sprachen. Wichtig war auch, dass alle im Team von vornherein von der Wichtigkeit des Themas überzeugt waren und den Kindern mit sehr viel Empathie begegnet sind.

Wo seid ihr während des Drehs untergekommen?

Die NGOs, die mit den Kinderparlamenten in Kontakt standen, haben uns Räume zur Verfügung gestellt — sehr indisch, einfach und mit viel Gastfreundschaft verbunden.

Wie viel Recherche war nötig? Wie oft bist du in die Dörfer gefahren bevor du gedreht hast?

Wir haben ein bis zwei Besuche gemacht und dann sofort gedreht. Ich brauchte doch Material für einen Trailer, um die Leute von der Filmförderung zu überzeugen.

War es schwierig, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen?

Swarna Lakshmi, Prime Minister — Kinderparlament © Anna Kersting

Nein. Wir waren von Anfang an sehr offen mit ihnen. Es war für die Kinder auch wichtig, dass sie uns als Unterstützer für ihre Anliegen hatten. Die Kampagne gegen Alkohol musste zunächst vor den Vätern geheim gehalten werden, sonst hätten sie ihnen vermutlich verboten, weiter zu den Treffen des Kinderparlaments zu gehen. Wir haben auch sehr viel Spaß miteinander gehabt, besonders bei den Theater- und Tanzszenen.

Was war das Schwierigste beim Drehen?

Die indischen Verhältnisse! Man kann planen soviel man will, es funktioniert nicht. Jedenfalls nicht nach westlichem Standard. Ein Beispiel: Wir hatten mit den Kindern einen Drehtermin vereinbart. Als das Team dann vor Ort eintraf, erzählten sie uns, dass sie in den nächsten Wochen nicht drehen können, da sie sich für die Prüfung in der Schule vorbereiten müssen. Die größte Herausforderung für mich war, dass wir nie planen konnten, so wie wir es bei Dreharbeiten hier tun.


Postproduktion in Berlin

Du hast den Schnitt und die Postproduktion in Berlin gemacht. Wann hast du dir gewünscht, einen Produzenten zu haben?

Insgesamt war froh, dass ich keinen Produzenten im Nacken hatte, der mir möglicherweise Druck machen könnte. Allerdings habe ich mich bei vertraglichen Dingen völlig überfordert gefühlt und mir Hilfe von einer Produzentin geholt. Das hatte ich bereits im Vorfeld im Budget berücksichtigt. Das möchte ich auch jedem empfehlen, der/die in erster Linie Regisseur*in ist, sich bei erfahrenen Produzent*innen Hilfe zu holen. Enorm wichtig war auch der Herstellungsleiter.

Wie bist du mit der Herausforderung, gleichzeitig Produzentin und Regisseurin zu sein, klar gekommen? War das nicht manchmal etwas verrückt? Was gab es für Schwierigkeiten?

Für mich war es eine riesige Last, nicht sicher zu sein, ob das Geld reichen würde. Ich habe mit jedem Rikshafahrer und jedem anderen die Preise verhandelt.


Reaktionen auf den Film?

Wie haben die Protagonisten auf den Film reagiert, als sie ihn das erste Mal sahen?

Ich habe den Film in zwei indischen Dörfern gedreht, die weit entfernt voneinander liegen. Die Kinder aus den beiden Dörfern wussten lediglich, dass wir noch in einem anderen Dorf drehen. Ich wollte den Film zuerst allen Kindern zeigen, um ihr Einverständnis zu haben, den Film auch bei uns zeigen zu dürfen. Dazu hatte ich die Kinder aus Patti nach Chatti eingeladen — eine Busreise von vier Stunden. Die Vorführung war sehr berührend. Nach indischer Art wurden viele Szenen laut kommentiert und beklatscht.

Poster für Power to the Children © Anna Kersting

In dem anschließenden Gespräch haben die Kinder, die meisten inzwischen Teenager, sich gegenseitig Komplimente über ihre Aktionen gemacht. Die Kinder aus Chatti erklärten, dass sie dieselben Alkoholprobleme im Dorf haben und haben die aus Patti eingeladen, ihr Theaterstück auch in ihrem Dorf zu zeigen. Sie waren sofort Freunde.

Von dem Film sind sie nach wie vor begeistert. Der Film lief auf indischen Filmfestivals, zu dem auch einige Vertreter der Kinderparlamente eingeladen wurden. Jede Vorführung war ein Highlight für sie. Die Zuschauer, meist Kinder und Jugendliche waren begeistert von dem Film. Unsere Protagonisten fühlten sich als Helden, als sie von Journalisten umringt, Interviews gaben und Autogramme verteilten. Sie bekamen große Aufmerksamkeit in den indischen Medien.

Du hast viele deutsche Schulen mit dem Film besucht. Wie reagieren junge Leute auf ihre Peers (Gleichaltrige) in Indien?

Die Schul-und Schulkinovorführungen sind für mich die Belohnung für all die Mühen, die mit diesem Film verbunden waren. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Mitgefühl unsere Kinder und Jugendlichen zeigen. An einigen Schulen haben die Kinder spontan Geld gesammelt. Davon unterstützen wir die Ausbildung einiger indischer Jugendlicher. Besonders spannend werden die Diskussionen, wenn unsere Kinder und Jugendlichen anfangen, sich Gedanken zu machen, was sie an ihrer eigenen Situation gern ändern würden. Manche Schulen ermöglichen in Zusammenhang mit einer Filmvorführung auch Workshops zum Thema Kinderrechte und Partizipation. Hier werden auch besonders belastende Themen wir Mobbing und Leistungsdruck zum Ausdruck gebracht und Ideen gesammelt, was sie selbst tun können.

Verleih

Du hast nicht nur den Film unabhängig produziert, sondern auch noch einen Verleih gegründet. Ich weiß, dass du dazu ein Seminar besucht hast. Wie hat das Ganze funktioniert?

Das war ja nicht freiwillig. Ich habe den Film selbst produziert, weil die Produzentin ein paar Tage vor der Einreichung bei der Filmförderung abgesprungen ist. Sie hatte Angst, dass das Geld nicht reichen würde. Ich wollte den Film jetzt drehen und nicht noch ein Jahr warten, bis wir vielleicht mehr Geld zur Verfügung hätten. Also entschied ich mich, es selbst zu produzieren. Als ich den Film fertig hatte, fand ich keinen Verleih. Die Verleiher waren der Meinung, dass man mit so einem Thema kein Geld verdienen kann. Diese Entscheidung verstehe ich im Nachhinein. Da ich meinen Film ins Kino bringen und auch international bekannt machen wollte, habe ich ein Seminar besucht „Wie verleihe ich einen Film?“ und den Film dann zum Weltkindertag ins Kino gebracht.

Kinderparlament in Indien ©Anna Kersting

Dein Film wurde überall gezeigt und war sehr erfolgreich. Mit wem hast du kooperiert, um ihn ins Kino zu bringen?

Zoom-Media aus Berlin kennt sich sehr gut aus mit der Vermarktung solcher Filme. Sie haben mir geholfen, den Film ins Kino zu bringen.

Gibt es noch Erfahrungen, die du mit anderen unabhängigen Filmemachern teilen kannst?

Ich glaube das Wichtigste ist, eine Vision für den eigenen Film zu haben. Ich wollte, dass ein internationales Publikum sieht, was in Kindern für ein Potential steckt. Ich habe in Indien und Lateinamerika gelebt, bin in Afrika gereist und wusste, wie wichtig die Themen Kinderrechte und -partizipation dort sind. Deshalb wollte ich, dass diese Länder Zugang zu dem Film bekommen. Ich finde es sehr wichtig, dass wir uns vorher Gedanken machen, wer unser Publikum sein soll. Zur finanziellen Seite des Produzierens würde ich anderen Filmemacher*innen raten, eine ausreichende Finanzierung zu haben — wenn auch Low Budget.

Wichtig ist auch, einen guten Herstellungsleiter an der Seite zu haben, der sich mit den Institutionen der Filmförderung auskennt und die ganze Abrechnung übernehmen kann.

Noch ein wichtiger Hinweis: Kalkuliert am besten auch gleich das Geld für den Verleih mit, denn ihr wisst nicht, ob es später Verleihförderung gibt. Obwohl ich Recherche- und Produktionsgeld bekommen habe, hat dieselbe Filmförderung kein Geld für den Verleih gegeben. Da fragt man sich, was mit unserem Fördersystem los ist. Wenn man seinen Film nicht selbst verleihen möchte, wäre es gut, gleich einen Verleih mit einzubeziehen, der sich dann um Verleihförderung kümmert.


Du bist seit einigen Jahren mit dem Film beschäftigt — er ist ein Teil deines Lebens geworden. Was nimmst du daraus mit?

Das Beste für mich ist, dass der Film die Menschen überall auf der Welt bewegt und inspiriert, Kindern mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten zu schaffen. Das Interesse an Kinderparlamenten nach indischem Vorbild ist groß. In Österreich findet die Idee so große Unterstützung, dass Organisationen nun mithelfen, europaweit Kinderparlamente und auch Nachbarschaftsparlamente für Erwachsene zu gründen.

Der Film hat mich extrem viel Kraft gekostet, doch im Nachhinein kann ich sagen, es war gut, dass ich mich für die Sache so eingesetzt habe. Der Film wirkt nun weiter. Die indische NGO (NCN), die die Kinderparlamente ins Leben gerufen hat, bekommt Anfragen aus der ganzen Welt, mitzuhelfen, Kinderparlamente aufzubauen. In Indien gibt es inzwischen über 100.000 solcher Kinderparlamente. Das Ziel ist, 2020 ein Weltkinderparlament zu gründen.


Auf der Webseite gibt es mehr Informationen über Kinderparlamente: www.powertothechildren-film.com


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Anli Serfontein

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South African journalist, author & filmmaker in Berlin. Writing on southern Africa, Germany, politics, culture, films, books, interfaith. www.serfontein.org

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