Ein plurales Identitätsverständnis als Vorbereitung für die Postmoderne

Ein Versuch zur Abgrenzung

Während sich der Identitätsbegriff zwar weiterhin großer Anerkennung erfreut, wird er zugleich zunehmend kritisiert. In Frage gestellt werden die mit der modernen Identitätskonzeption verknüpften Garantieleistungen für Konsistenz und Kontinuität. In dem Diskurs zwischen Moderne und Postmoderne dreht sich der Kernstreitpunkte um das Problem der Gleichheit oder Verschiedenheit.

Spätmoderne Gesellschaftsansätze gehen zwar bereits davon aus, dass Individuen mit Umbruchserfahrungen und Veränderungsdynamiken konfrontiert sind, die nicht ohne Konsequenzen für die Identitätserfassung blieben: In einem vielfältigen und dynamischen Kontext mit unwägbaren Anforderungen musste sich das Individuum stets neu orientieren und verorten. Gleichsam blieb zwar kein gänzlich stabiles und harmonisches, aber immerhin gewissermaßen kohärentes und kontinuierliches Identitätsgebilde nach wie vor verhaftet, das ein autonomes Individuum im Diskurs mit der Umwelt bildete und aus sozialen Interaktionen bezog.

Postmoderne Ansätze teilen diese Sichtweise nun allesamt nicht mehr, sind ins sich aber erneut recht verschiedenartig. Postmoderne Ansichten gehen vom kohärenten Selbst als eine fiktionale Unternehmung der Selbstkonstruktion aus oder es wird eben der Mangel an Integration als die Wahrheit des Subjekts betrachtet. In einer postmodernen Welt kommt jemand einfach nicht zu dem Punkt, ein singulärer und konsistenter Jemand zu sein, weil er kein soziales Umfeld hat, in dem seine Interaktionen und Beziehungen, alle Stimmen, die er hört und alle Bilder, die er von anderen zurückgespiegelt bekommt, einheitlich ein konsistentes Bild dessen ergeben, wer und was er ist. Ebenso ist das (spät-)moderne Identitätskonzept fragwürdig, demzufolge man die Identität und Variabilität einer Person von einem als substantiell oder substrathaft begriffenen Kern her zu verstehen versucht. Schließlich ist man der Meinung, dass die modernen Identitätsmuster im Sinne von Integrations- und Kontinuitätsbestrebungen untauglich wurden und unter postmodernen Anforderungen zum Scheitern verurteilt sind.

In einer postmodernen Gesellschaft wird ferner konstatiert: Identität ist immer weniger monolithisch, sondern nur noch im plural möglich. Leben unter heutigen Bedingungen ist Leben im Plural, will sagen: Leben im Übergang zwischen unterschiedlichen Lebensformen. Dementsprechend kann ein und derselbe Mensch nunmehr unterschiedlichste Identitäten annehmen und verkörpern. Die von der Moderne initiierte und nun postmodern weiterführende gesellschaftliche Dynamik der Pluralisierung erfordert und ermöglicht eine Verbreiterung des Identitätsfächers und die Bildung neuer, betont pluraler Identitäten.

Überdies werden die unabdingbaren und befreienden Aspekte der Pluralität als Vorzug der Postmoderne hervorgehoben. Unter postmodernen Bedingungen ist ein Individuum permanent mit anderen Normen, Einstellungen und Lebensweisen konfrontiert und übernimmt dabei immer wieder andere Identitäten, in denen sich ein Individuum immer wieder neu reflektieren kann. Ein Individuum macht in den verschiedenen, zu widersprüchlichen Beziehungen keine Kohärenzerfahrung mehr, als dass sich ein einheitlicher Sinn ausmachen ließe. Folglich werden unterschiedliche Meinungen, Auffassungen, Blickwinkel und Wertevorstellungen gehortet, ohne dass daraus ein schlüssiges Gebilde geformt wird. Die alltäglichen Dissoziationserfahrungen können und werden nicht mehr vereinheitlich und anschließend in einem kohärenten Selbst festgehalten. Damit stellt sich der moderne Anspruch der Konsistenz und Kohärenz unter postmodernen Gegebenheiten nicht mehr. Ein Individuum wird demnach vom Mythos der geschlossenen Einheit befreit und als Wesen aufgefasst, das der sozialen Vielfalt ohne Kern und innere Einheit viel ungehinderter begegnen kann.

In einer gänzlich dynamisierten Gesellschaft lässt sich eine Identität auch schlichtweg nicht mehr zeitraumbezogen stabil halten. Anstelle ist eine Identität labil und muss labil verbleiben, weil es aufgrund der Beschleunigung sozialer und kultureller Veränderungen immer wieder subjektiver Neuorientierung bedarf. Diese Offenheit ist zwar auch schon in der modernen Identitätsforschung zu finden, dort aber werden die dynamischen Elemente der Selbsterfahrungen immer wieder biographisch strukturiert und damit in eine geordnete Bahn gebracht. Die künstliche Verstetigung zu einer noch irgendwie gesicherten und gelingenden Kontinuität einer Identität kann zugunsten der erwünschten Unbestimmtheit nicht mehr aufrechterhalten werden. Aber der Angelpunkt postmoderner Lebensstrategie heißt ohnehin nicht mehr Identitätsbildung im ursprünglichen Sinne, sondern Vermeidung jeglicher Festlegung. Das Gesamtresultat ist die Fragmentierung der Zeit in Episoden, jede für sich losgelöst von Vergangenheit und Zukunft, jede in sich geschlossen und unabhängig.

Des Weiteren wird auch das moderne Authentizitätsdogma eines Individuums — besonders vor dem Hintergrund dauernder wechselnder Identitäten und Interaktionspartner — infrage gestellt, der zufolge die Selbstbeschreibung der Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung entsprechen muss. Im postmodernen Identitätsverständnis wird dieses erzwungene Authentizitätskonstrukt aufgesprengt. Durch das Entheben von schier uneinholbaren Authentizitätsansprüchen kann ein Subjekt, das sich der eigenen Zwänge durchaus bewusst ist, deutlich ungebundener agieren.

Hier verschiebt sich auch die Vorstellung eines autonomen und selbstbestimmten Individuums. Ein Individuum verändert sich entlang sozialer Kontexte und Beziehungen .

„Concepts of the individual — as the center of knowledge […]; as possessors of rationality; as authors of his or her own words; as one who creates, decides,manipulates, or intends — are placed in question” (Gergen).

Dem Individuum widerfährt eine Dezentrierung und Dekonstruierung als unabhängiges und eigenständiges Wesen. Damit werden die klassischen Idealvorstellungen von Identität nach Erikson nun endgültig obsolet. Das führt schließlich zur „dialogischen Wende“ in der Identitätsforschung, in der auch Überlegungen aus der Sprachphilosophie u.a. von Bachtin hinzukommen. Demzufolge lehrt uns die dialogische Wende über uns selbst folgendes:

„Zuallererst lernen wir, dass wir fundamental und unausweichlich dialogische, konversationale Wesen sind, deren Leben in und durch Konversation geschaffen werden und in und durch Konversation beibehalten oder verändert werden. […] Wir lernen, dass die Qualität unserer Persönlichkeit und Identität gleicherweise konversational konstituiert und durch die Dialoge mit verschiedenen anderen aufrechterhalten werden“ (Sampson).

Überdies wird deutlich, dass ein Individuum als InhaberIn einer Vielzahl an Stimmen angesehen werden muss, die in unterschiedlichen Situationen mit den Stimmen Anderer in einen kontinuierlichen Dialog verwoben sind.

„Each self contains a multiplicity of others, singing different melodies, different verses, and with different rhythms. Nor do these many voices necessarily harmonize. At times they join together, at times they fail to listen to one to another and at times they create jarring discord” (Gergen).

Hierbei werden Vorstellungen einer Einheitlichkeit zugunsten der Bachtinschen Polyphonie aufgegeben. Das Konzept der Polyphonie bringt demnach nicht nur die Vielstimmigkeit des Selbst zum Ausdruck, das in Abhängigkeit ganz unterschiedlicher Kontexte verschiedenste Identitäten realisiert, sondern auch die des sozialen Miteinanders. Damit wird insbesondere die Negation der singulären Identität betont:

„Der andere ist ein lebendiger Mitschöpfer unseres Bewusstseins, unseres Selbst und unserer Gesellschaft“ (Sampson).

Nunmehr wird eine Identität ein Knotenpunkt in einem Netzwerk aus Beziehungen. Damit stellen Identitäten einen Konstruktionsprozess dar, der sich in dialogischen Selbsterfahrungen in sozialen Netzwerken bzw. verschiedenen Lebenswelten verwirklicht. Ferner verweist die dialogische Wende auf die Signifikanz von Kommunikation:

„[…] was auffällt, wenn wir uns ansehen, was Menschen zusammen tun, ist die Sprache als Kommunikation in Aktion. Weil wir uns so darauf konzentriert haben, tief in der Psyche des Individuums nach den Antworten auf all unsere Fragen über die Natur des Menschen zu suchen, übersehen wir in der Regel, was sich direkt vor uns befindet, einen dominierenden Aspekt unseres Lebens mit anderen: Konversation. Es ist jetzt an der Zeit, Konversationen ernst zu nehmen“ (Sampson).

Ein Individuum muss sich folglich gegenüber den vielfältigen und wechselhaften Erwartungen bewähren, denn ansonsten würde es die soziale Anschlussfähigkeit verlieren. Alles in allem: Wir träumen narrativ, tagträumen narrativ, erinnern, antizipieren, hoffen, verzweifeln, glauben, zweifeln, planen, revidieren, kritisieren, konstruieren, klatschen, hassen und lieben in narrativer Form. Gegenüber der modernen tief empfundenen Identität steht nun das Konzept einer über Sprache und ihre Erzählungen vermittelten Identität. Infolgedessen sind Erzählungen das vorrangige Schema, durch das Personen ihre Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zur physischen Umwelt auslegen. Identitätsnarrationen sind weiter keine Kopfgeburt und nie im eigenen Besitz. Vielmehr gründen sie sich im sozialen Diskurs, was nicht zwangsläufig die eigenen Möglichkeiten der Mitgestaltungen ausschließt. In der Polyphonie sozialer Beziehungen erhält eine Identität narrative Gültigkeit:

„Narrative Gültigkeit hängt folglich ganz erheblich von der Zustimmung anderer ab. Diese Angewiesenheit auf andere versetzt den Akteur in eine prekäre, wechselseitige Abhängigkeit. Denn in derselben Weise, wie die Verständlichkeit meines Selbst davon abhängt, dass andere mit ihrem Platz in meiner Geschichte einverstanden sind, hängt umgekehrt ihre Identität von meiner Zustimmung ab“ (Gergen).

Der Weiteren betrachtet Gergen die Grenzen unserer narrativen Tradition auch als die Grenzen unserer Identität.

„Solch interne Pluralität und Übergangsfähigkeit scheint mir für heutige Subjekte nicht nur charakteristisch, sondern auch erforderlich zu sein. In einer Situation faktischer Pluralität hat Handlungskompetenz nur derjenige, der auf die Vielheit einzugehen und mit dieser zu handeln vermag. Zur postmodernen Identität gehört die Fähigkeit, unterschiedliche Sinnsysteme und Realitätskonstellationen wahrnehmen und zwischen ihnen übergehen zu können. Pluralität und Transversalität werden zentral“ (Welsch).

Ähnlich wird die plurale Existenz unterschiedlicher Identitäten kommentiert:

„In uns wirken widersprüchliche Identitäten, die in verschiedene Richtungen drängen, so dass unsere Identifikationen beständig wechseln. […] Die völlig vereinheitlichte, vervollkommnete, sichere und kohärente Identität ist eine Illusion. In dem Maße, in dem sich die Systeme der Bedeutung und der kulturellen Repräsentation vervielfältigen, werden wir mit einer verwirrenden, fließenden Vielfalt möglicher Identitäten konfrontiert, von denen wir uns zumindest zeitweilig mit jeder identifizieren können.“ (Hall)

Folglich wird eine postmoderne Kompetenz gefordert, mit der das Individuum die „Paradoxien des modernen Selbst“ nicht mehr austarieren muss, sondern einfach nur aushalten oder noch besser: mit ihnen spielen.

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