Was ist Polyphony?

Eine Begriffserklärung

Um Polyphony vollends zu verstehen und auf Marke und Markenkommunikation anwenden zu können, bedarf es nicht bloß der theoretischen Beschreibung, sondern der empirischen Betrachtung anhand von Beispielen. Beides bekommt ihr hier zu lesen und sehen.

Aus der Musik

Das Konzept der Polyphonie ist keineswegs neu und geht bereits mehrere Jahrhunderte zurück. Der Begriff „Polyphonie“ hat zunächst die Wurzeln im Griechischen und bedeutet Vielstimmigkeit und Vieltönigkeit. Polyphonie entstammt damit ursprünglich den Musikwissenschaften. Dabei werden zwei oder mehr unabhängige melodische Parts oder Stimmen zu einer musikalischen Einheit kombiniert. Im Gegensatz dazu existiert Musik mit einer Stimme (Monophonie). Es unterscheidet sich zu Musik, bei der viele Stimmen dieselbe Melodie singen (Einheit). Und es differenziert sich zu Musik, bei der mehrere Parts abhängig von oder untergeordnet zu einer einzelnen dominanten Stimme sind, wie wenn beispielsweise ein Instrument einen Sänger begleitet (Homophonie). Viele komplexe und interessante Musikstücke umfassen mehrere überlappende oder interaktive Parts. Aber um tatsächlich von Polyphonie sprechen zu können, müssen sämtliche Parts ihre unabhängige musikalische Identität beibehalten.

Dementsprechend bedarf Polyphonie autonomer Parts, deren Integrität aufrecht bleibt, auch wenn sie sich zu einer Einheit vereinen. Polyphonie wird häufig umgesetzt, indem die Parts einander kontrastieren oder im Wechsel zueinander stehen. In manch außerordentlichen Fällen inkludiert Polyphonie das simultane Spiel von gänzlich unterschiedlichen Noten und Texten. Diese werden zumeist im dialogischen Sinne aufgeführt, indem die Parts gegeneinander in einem kontinuierlichem Diskurs spielen. Das wesentliche Spezifikum polyphoner Musik ist die Nutzung von Diversität und Komplexität innerhalb einer Einheit.

In die Literatur

Später wird das Konzept maßgeblich durch Bachtin geprägt, der die Arbeit des russische Autors Fyodor Dostoevsky auslobt. Polyphonie bezeichnet in der Literaturwissenschaft ein Strukturprinzip der erzählenden Literatur. Darin brechen sich eine Vielzahl divergenter (sozialer) Stimmen und Diskurse und treten einander entgegen. Die hieraus resultierende Stimmenvielfalt, die eine anti-hierarchische Struktur evoziert, überdeckt die Stimme des Autors, der somit als einzige und einzigartige Autorität seiner Rede zurücktritt, zugunsten der unterschiedlich sozial und ideologisch geprägten Figuren seines Romans. Die polyphone Ausgestaltung von Romanen scheint zunächst logisch erst gar nicht möglich, bedenkt man, dass es der Autor ist, der die Inhalte gestaltet und nicht die Charaktere. Nichtsdestotrotz, wie Bachtin hinweist, hat es Dostoyevsky gemeistert.

„What unfolds in his works is not a multitude of characters and fates in a single objective world, illuminated by a single authorial consciousness; rather a plurality of consciousnesses, with equal rights and each with its own world, combine but are not merged in the unity of the event” (Bachtin).

In Dostoyevskys Romanen führen Charaktere eindeutig ein Eigenleben. Ein pluralistischer Bedeutungssinn erscheint, wenn sie ihre Ansichten austauschen und wechselwirkend die „Storyline“ leiten. Wenngleich Dostoyevskys zugehörige Ansichten auch — für gewöhnlich artikuliert durch den Erzähler — vorhanden sind, stellen die Charaktere diese durchaus infrage. Ungeachtet dessen, dass Bachtin keine eindeutige Definition für Polyphonie bereitstellt, liegt die Antwort wohl in der Rolle des Autors, dessen Aufgabe in der Regelung dieser unterschiedlichen Stimmen und Dialoge liegt. Im polyphonen Diskurs ist die auktoriale Rolle weniger autoritativ. Vielmehr entstehen polyphone Texte aus dialogischer und nicht aus monologischer Autorenschaft. In dialogischer Autorenschaft existieren unterschiedliche Logiken nicht nur nebeneinander, sondern beeinflussen und prägen einander. Demgegenüber ist bei einer monologischen Autorenschaft nur die Logik des Erzählers präsent. Hierbei wird entsprechend unterschieden:

„In a monologic work, only the author, as the ‘ultimate semantic authority,’ retains the power to express a truth directly. The truth of the work is his or her truth, and all other truths are merely ‘represented,’ like ‘words of the second type.’ […] By contrast, in a polyphonic work the form-shaping ideology itself demands that the author cease to exercise monologic control. […] Polyphony demands a work in which several consciousnesses meet as equals and engage in a dialogue that is in principle unfinalizable.“

In die Organisation

Des Weiteren ist Polyphonie in die Organisationswissenschaften wiederzufinden, in der sie zunächst eher einen metaphorischen Status erlangt. Das Konzept der Polyphonie wurde für organisationale Forschung relevant als man sich für Sprache interessierte. Organisationen können demzufolge als sozial konstruierte verbale Systeme, bestehend aus Erzählungen, Geschichten, Texte oder Diskurse, verstanden werden. Wenn Organisationen als zahlreiche sequentiell und simultan stattfindende Dialoge aufgefasst werden, also als polyphon, können Unterschiede und Möglichkeiten gehört werden. Solange nur laute, maßgebliche, angesehene oder tonangebende Stimmen gehört werden, werden Potenziale beschränkt, Vielfalt begrenzt, Ziele limitiert und Chancen auf individuelle und kollektive Entwicklung verwirkt.

Christensen et al. setzen sich in weiterer Folge ebenso für eine Form des Managements im Allgemeinen und eine des Kommunikationsmanagements im Speziellen ein, die unterschiedliche Stimmen in bzw. die Polyphonie der Organisation toleriert, wenngleich Widersprüche und Mehrdeutigkeiten entstehen. Im Gegensatz zur gängigen Meinung, dass eine Vereinheitlichung, Angleichung und Orchestrierung der Kommunikation angestrebt werden muss, um widersprüchliche Aussagen zu verhindern und klare, eindeutige Botschaften zu senden, gehen Christensen et al. davon aus, dass gerade diese vorherrschenden Prinzipien und konventionellen Verordnungen, Einschränkungen mit sich bringen und eine wesentliche Schwäche darstellen. Weil genau in solchen Widersprüchen und verschiedenartigen Botschaften, Meinungen und Ansichten, Chancen für die Organisationen liegen. Überdies wird aufgezeigt, dass es illusorisch sei, davon auszugehen, dass in großen Unternehmen nur gleiche Meinungen, Motivationen und Interessen vorzufinden sind. Anstelle dessen herrschen mannigfaltige Interessenslagen, Haltungen, Kulturen und Gruppen. Eine Vereinheitlichung und Gleichmachung führe lediglich zu einem Verlust von kreativem Freiraum, Innovationspotenzial, Loyalität und Motivation. Die außerordentliche Kraft einer solchen Vorgehensweise liegt in der Flexibilität.

Analogien zur postmodernen Identitätsforschung

Das Konzept der Polyphonie wird auch — wie in folgenden Beiträgen zu sehen sein wird — von der Identitätsforschung durch die postmodernen Entwicklungen begünstigt aufgegriffen. Nun könnte man den Status Quo der Markenidentitätsforschung in ein Spannungsverhältnis mit der postmodernen Identitätsforschung setzen. Wagen wir einen Versuch!

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