“Ein Tag” (Dritter Teil)
Eine Kurzgeschichte
Die Worte sind noch lange nicht bei Steady angekommen. Weder er selbst, noch die Worte sind einander überhaupt gewahr. Bevor irgendetwas irgendwen erreichen kann muss zunächst die Arbeit getan werden. Dies ist den Worten klar und in die Wiege gelegt, bevor ihnen irgendetwas klar ist. Kip Smiling redet schon gute zwanzig Minuten, als sein Kopf oder vielmehr sein Gehirn sich auf den Weg macht, seinen Vortrag zu beenden. Einmal diese Richtung eingeschlagen, gibt es kein Zurück mehr. Nichts wird redigiert und nichts darf verhindert sein. Ab dem Moment dieser Entscheidung stapeln sich die Worte wankend und schwankend aufeinander, bis sie von dem leisesten Husten umgeworfen werden können. Aus diesem Grund ist sich Kips Gehirn sicher, dass es nichts mehr zu tun gibt, als die Ziellinie wirklich zu überqueren.
Die Frage nach der Herkunft der Worte stellt sich Kip erst viel später, denn in einem Moment von hellstem Bewusstsein ist ihm klar, dass keines seiner Wörter aus ihm kommt. Nach der nächsten Nacht und wenig Schlaf wird ihm bewusst sein, dass diese These auf alle anderen Menschen auszuweiten ist. In jenem Moment aber kommen die Worte von einem Ort, den er nicht kennt. Sie manifestieren sich in den Zügen seines Gehirnes und werden von diesem genehmigt, zusammengesetzt und weitergeschickt. Derart rhythmisch behandelt stampfen sie sich an von seinem Kopf in Form von elektrischen Impulsen seine Muskeln in Bewegung zu setzen. Innerhalb von mikroskopisch kleinen Sekundenbruchteilen akzeptieren die angesprochenen Muskeln den Befehl und setzen ihn um. Unmerklich strömt Luft in vollen Zügen aus Kips Lunge. Von kräftigen Muskeln, die seine Stimmbänder bilden wird die Luft in mühevoller Arbeit geschmiedet. In ihrer Rohform sammeln sich die Buchstaben in Kips Kehlkopf um ihre weitere Reise gemeinsam und in Reih und Glied zu beginnen. Wie ein Schauspieler vor seinem Auftritt auf der Theaterbühne werden sie in den verschiedenen Räumen oberhalb des Kehlkopfes angekleidet und vorbereitet. Dann nach unendlichen Sekunden des Wartens im Mundraum wird der Vorhang aufgezogen. In diesem Moment des Aufzuges lässt Skip sie mit seiner ganz eigenen Stimme auf die Bühne treten: „…und dies, ist die Last der Träume!“
Bei näherer Betrachtung ist es kein würdevolles Schreiten, sondern mehr ein aufgeregtes Purzeln, welches die Worte der vibrierenden Luft des Hörsaals präsentiert. Dort stehen sie für einen Moment, wie der Schauspieler, auf ihrer Markierung. Sie fühlen sich wohl. Ein leichter Schlenker nach hier und ein Wischen nach dort. Die Worte bewegen sich in der Luft und ersterben nicht in ihrem eigenen Hall, wie so viel anderes. Der Vortrag ist beendet und so erlauben sie sich in dem Applaus, der Kip gilt, zu baden. Eigentlich gebührt schließlich ihnen dieser Verdienst. Sie sind es die in Erinnerung bleiben, zumindest hoffen sie das. Nach ungefähr zwanzig Sekunden versuchen sie noch immer eine neue Brutstätte zu finden. Es liegt in ihrer Natur nicht versiegen zu wollen, denn die Worte strotzen vor Kraft. Eine Kraft, die im gesamten Raum zu hören ist. Doch ihre Erwartungen trügen, denn nicht viele Ohren sind wirklich geöffnet. Dies stellen die Worte mit Erstaunen und ein wenig Empörung fest, denn sie wissen, dass in jeder weiteren Sekunde die Wahrscheinlichkeit eines nachhaltigen Echos dahinschwindet. Verzweifelnd schauen sie sich weiter um und wabern auf die letzten Sitzreihen des Raumes zu. Ihre Hoffnung auf einen Fortbestand sinkt dabei immer weiter, denn die letzten Plätze gehören mit Sicherheit Jenen, die ihre Ohren schon vor Betreten des Zimmers verschließen. Entgegen dieser Vorstellung erblüht plötzlich neuer Mut in ihren Zügen. Noch glauben sie, dass dies nur eine Fatamorgana ist, die sich oft in den weiten Landschaften der Hörsäle bildet. Doch mehr und mehr steuern sie sich durch den bleiernen Raum und präzisieren ihre gesamte Kraft auf das leuchtende Schimmern in der vorletzten Reihe. Sekunden des Wartens und Bangens verstreichen nur widerspenstig und geben ihnen jenes Gefühl, welches Kinder vor der alljährlichen, weihnachtlichen Bescherung haben. Schließlich gelingt es doch. Mit einem Mal und ganz leise breitet sich eine kleine Wahrheit in ihrem bedeutsamen Sinn aus. Die Worte bauen eine Verbindung auf, erst eine ganz kleine, aber desto mehr sie auf Steady Grin zusteuern, desto stärker wird sie. Dies ist der Moment an dem sie Ort und Zeit hinter sich lassen und ganz und vollkommen ihrer zufällig komponierten, eigenwilligen Kraft nachkommen. Denn hier sind die sieben Worte und dort ist Steady, der sie versteht.
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