“Ein Tag” (Erster Teil)

Eine Kurzgeschichte


Der Wecker

„Tick Tack — Tick Tack — Tick Tack“

Der Wecker, der auf dem Stuhl neben Steady Grins Bett jeden Abend Platz findet, scheint wie aus einer anderen Zeit in seine Position gefallen zu sein. Die gesamte Nacht sitzt er dort steif und fiebert eine Weile mehr, eine andere Weile weniger dem einen Impuls entgegen, der ihn zu seinem mechanischen Leben verhilft. Ein Leben, das unberechenbar ist und sich nie auf die gleiche Weise abspielt. Dieser Impuls ist nun auf genau sieben Minuten und zweiundzwanzig Sekunden herangerückt. Wie jeden Morgen hat der Wecker auch heute das entfernte Gefühl, dass er seinem vorherbestimmten Wesen nicht folgen will, sondern sich einfach, ohne die schmerzhaft laute Unterbrechung in seine Tagesruhe verabschieden will. Logischerweise weiß er trotz dieses Verlangens, dass er nicht die geringste Wahl besitzt etwas dergleichen wirklich zu vollbringen. Vor langer Zeit, schon bei vorherigen Besitzern, hat er sich mit diesem Gedanken abgefunden, denn nach 7665 Morgenden ist dieser Wecker schon lange kein Neuling mehr. Auf diese Weise ist er keinesfalls modern, aber andererseits auch nicht vollkommen altmodisch. Der immer wieder in der Alltagssprache auftauchende Begriff „Vintage“ beschreibt seine Wesenszüge wohl am Ehesten. Steady Grins Wecker taucht sich in das strahlende Rot, welches in unliebsamen Situationen auf den Wangen seines Besitzers erscheint. Die Farbe ist nicht mehr durchgehend vorhanden und an verschiedenen Stellen, im richtigen Licht offenbaren die abgeblätterten Lacklöcher einen Blick auf das kalte Metall, aus dem der Wecker einst hergestellt worden war. Während damals an seiner Unterseite kleine, silberne Füßchen angebracht wurden, ragt auf der Oberseite ein kleiner Hammer aus dem Gebäude auf, der aussieht als könne er jederzeit den Lauf der Erde ändern. Dieses Hämmerchen ist die letzte Instanz des komplexen Mechanismus, der in nun fünf Minuten und zwölf Sekunden den Alarm auslöst. Erst nach dem Erklingen und dem nachfolgenden Abschalten widmet sich der Mechanismus wieder mit aller Aufmerksamkeit seiner Hauptaufgabe und zeigt mit meist fehlerloser Präzision die aktuelle Uhrzeit an.

Mit ein wenig Fantasie und verschlafenen Augen sieht das Gesamtbild des Weckers entfernt einem Auge sehr ähnlich. Die Verankerung der Zeigers ganz in der Mitte stellt die Iris dieses Auges dar und die römischen Ziffern formen sich wie ein Wimpernkranz um das Rund des Ziffernblattes. Sogar die Bewegungen der Zeiger offenbaren ein nervöses Zucken, welches den Wecker zu dem wachsamen Auge eines Beobachters werden lässt. Der Mechanismus, der dieses Auge lebendig macht wirft durch seine Glasfassade einen interessierten Blick in Steadys Zimmer. Ganz in seiner Nähe, zu seinen Füßen erblickt er eine Tube Salbe, die ihn unangenehm erschaudern lässt. Weiter der Form des Nachttischchens folgend liegt auch ein Buch. Irgendein Roman, der von seinem Cover her vermutlich eine Pferdeoper ist. Während der Blick mit einem leichten Aufschrei von der dem Schrei nicht gerechtfertigten, gar nicht so hohen Stuhlkante bis zu dem großem Tisch im Raum springt, markieren die Zahnrädchen im Inneren des Gehäuses, dass noch vier Minuten und drei Sekunden bis zum Einsatz verbleiben. Der Tisch, der sich nun im Blickfeld befindet, in Katalogen „Wohntisch“ genannt, scheint auch als Schreibtisch zu dienen. Dort liegen die üblichen Gegenstände aus jeder beliebigen Wohnung. Neben dem obligatorisch gewordenen Laptop, ein Stapel mit Papier, zwei Kugelschreiber und eine Flasche Mineralwasser mit einem mittleren Anteil Kohlensäure. Ein weitschweifender Blick hätte dem Auge des roten Wecker nicht weitergeholfen, da der Raum vorrangig aus einer Menge Bett existiert. Mit ein wenig Sehschärfe ist am gegenüberliegenden Fußende des Raumbettes jedoch ein Regal sichtbar. Ein Regal, angefüllt mit allerlei Büchern, DVD — Hüllen und undefinierbaren Objekten, die ihre Gattung irgendwo zwischen diesen beiden Kategorien finden. Ganz zur Freude der wohlgeordneten Schrauben und Rädchen hinter dem Auge des tickenden Betrachters ist ebenjenes Regal fein säuberlich geordnet und bis zur Vollkommenheit aufgeräumt.

Zu diesem Zeitpunkt verbleiben noch zwei Minuten und dreiundvierzig Sekunden auf der Uhr, die den Schlaf begrenzt. Zusammen mit den immer weiter verschwindenden Sekunden fährt der Blick der Zeiger weg von der spannenden Perspektive des Regals und hin zu dem unbeweglichen, dominierenden Bett. Steady Grins Nachtlager ist als Möbelstück uninteressant und zwingt niemals mehr als einen äußerst gutmütigen Freund zu einem Kompliment. Mit schlichter, ausgewaschen bunter Bettwäsche bezogen existiert es um sich der einen Aufgabe zu fügen, für die es platziert ist. Die Matratze ist für zwei Personen gemacht, doch beherbergt wird sie nur von Steady. Steady hat in dieser Nacht, natürlich ohne es zu wissen, nur zweimal seine Position verändert, erkennt der Wecker stumm. Die klassische Drehung von links auf rechts und wieder zurück wird ihm ihre stattgefundene Anwesenheit somit nicht mitteilen. Einzig dem Auge des schlaflosen Weckers ist der Vorgang bekannt. Eine Decke wärmt Steady seitdem er die Augen geschlossen hat und sein Haupt liegt, bei nun mehr nur noch siebenundzwanzig verbleibenden Sekunden weiterhin auf dem eckigen Kissen. Steady liegt dort in Seelenruhe, in einer Phase seines Lebens in der er dem Tod am Nahesten kommt. Sein Atem flach und leise und offenbar leblos, wenn nur die Fassade betrachtet ist. Ganz im Gegensatz dazu der Wecker. Der Wecker ist gespannt auf seinen Einsatz und geladen bis zum Äußersten Punkt seines großen Zeigers. Fünfzehn Sekunden noch, dann so ist es beschlossene Sache wird jeder Ton in immerwährender Perfektion angeschlagen. Zehn Sekunden, in denen sich der Mechanismus ein letztes Mal vorbereitet wie ein Leichtathlet vor dem erlösenden Startschuss. An der Startlinie entscheidet sich stets mehr als an der Ziellinie. Fünf! Vier! Drei! Zwei! Eins! Die Spannung entlädt sich wie jeden Morgen in einer Mischung aus endloser Wut und endlicher Erschöpfung, als kreischendes Klingeln in die monotone nächtliche Stille. Der Wecker und sein Mechanismus vollführen diesen aufwachenden Tanz mit der Energie eines Rennautos inklusive Turbinenantrieb. Steady dagegen macht zwar sofort die Augen auf, aber braucht ein paar müde Bruchteile von Sekunden bevor er mit einer schreckhaften und doch lange Zeit andauernden Armbewegung seine Hand von oben auf den Wecker sinken lässt. Die folgende Stille durchschneidet den Lärm und Steadys noch träumenden Kopf. Es ist die Stille die Steady veranlasst wach zu werden und dem Wecker die Uhrzeit sieben Uhr und sechzehn Minuten mitgibt.

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