“Ein Tag” (Fünfter und letzter Teil)
Eine Kurzgeschichte
Der Wecker ist schon wieder in Alarmbereitschaft versetzt und hat seinen stummen Kampf gegen die Zeit begonnen. Neben ihm liegt in all seiner reinen Vergessenheit ein unbeschriebenes Blatt Papier. Die Größe des Blattes macht es zu einem Zettel und dieser Zettel muss ohne Zweifel aus einem dieser büroorientierten Zettelblöcke stammen. Rundherum maschinengeschnitten weist er an einer Ecke einen leichten Riss auf. Sehr wörtlich befinden sich diese Zettel überall und es ist daher nur ein kleiner Zufall, das sich auch neben dem Wecker Einer eingefunden hat. Ganz schlicht ist dieser Zettel weiß und besitzt auf diese Weise keine definierte Identität. Vielmehr ist es ein weiß, welches durch seine Leere besticht und die beeindruckende Eigenschaft innehält noch nicht befleckt zu sein. Hier ist ein Zettel, der sich in jedwede Richtung entwickeln kann. In einer Gleichheit des Schicksals, sowohl des Weckers als auch des Papiers, ist aller Freiheit zum Trotz offenbar, dass ihre Existenz sich in eine bestimmte Richtung entwickeln muss. Die Freiheit ihrer Form wird von der Richtung, die von Natur aus vorgegeben ist überlagert. Die kleine Zettel ist stets mit seinem drohenden Ende konfrontiert. Jeder Stift wird zum Feind und jedes Wort wird zu einer Verfälschung des unbekannten Universums, welches ein weißes Blatt Papier darstellt.
Der Zettel auf dem Stuhl wünscht sich, dass seine Schönheit noch eine Weile unverbraucht bleibt. Nichtsdestotrotz ist seine Aufgabe eindeutig und ihm bewusst. Die Zukunft sieht vor, dass er eine menschliche Handlung in sich tragen wird. Mit ein wenig Glück kann dies sogar eine wichtige Botschaft sein. Ein wichtiger Dienst an demjenigen, der den Stift zum Richten über ihn heben wird. Die instinktgesteuerte Furcht seine Freiheit zu verlieren trägt ganz leise die Hoffnung mit sich, dass er nicht verkommen wird. Dass er die Träume, die er sich in seinem endlosen Warten zu Recht gelegt hat, nicht vernichtet sehen muss. Konkret gesagt zieht der Zettel dem Mülleimer, ganz natürlich, das Aufgeben seiner weißen Weste für etwas Geschriebenes von Wert vor. Dennoch ist er sich im Klaren, dass dieser Wert irgendwann verloren gehen wird. Die Projektion eines Gedanken erlaubt dem Federführenden schließlich keine vollendete Aneignung desselben.
Seit der Zettel auf dem Nachttisch gelandet ist, mussten einige Stifte gekommen und gegangen sein. Immer wieder hat sich ein derartiger Schatten über seine Zukunft gelegt, der dann doch nicht wahrhaft wurde. Einmal mehr greift Steadys Hand nun nach dem blauen Kugelschreiber, der achtlos gegen den Wecker gerollt war. Während Steady die Hand zurückzieht, spürt der Zettel die Aufregung in der Luft. Das Ticken des Weckers verstummt in den Hintergrund einer betäubten Welt. Einer Welt, in der sich Steady und der Zettel nahe sind. Nahe in ihrer Aufregung und nahe in ihrem Verlangen. Wie das Schicksalsschwert des Damokles hängt der Kugelschreiber irgendwo in Richtung Süden oder Norden in der Luft, verpflichtet seine ganz eigene Handlung zu vollziehen. In seiner Angst zittert der Zettel wie ein wirbelnder Laubhaufen im Herbst. Die Furcht vor dem bevorstehenden, emotionslosen Winter seiner Lebenszeit ist zu groß. Nicht mehr als eine Spanne entfernt bewegt sich das runde Auge der Kugelschreibermine unaufhaltsam auf den weißen Zettel zu, um sich Sekunden später mit einem leichten Druck auf diesem zu platzieren. In mancher Hinsicht ist dieser Druck eine Befreiung. Der erste Schritt ist getan und jetzt gibt es kaum noch einen Rückweg. Für den Zettel ist es gleichermaßen befriedigend am Druck zu merken, dass Steady vor dem Schreiben seiner Worte das gleiche tiefe Unbehagen fühlt, welches auch ihm zu schaffen macht. Dennoch schreibt Steady mit kleinen Pausen Worte auf den Zettel, die ihm ein zweites Leben geben sollen.
Nachdem er die Worte aneinander gereiht hat, legt Steady den Stift aus der Hand und dreht sich auf den Rücken. Er atmet in tiefen Zügen und versucht seine unruhige Luftzufuhr in ein Gleichgewicht zu bewegen. Steadys Beine sind lang ausgestreckt und seine Arme liegen ruhig und gewichtig neben seinem Körper. Während sich seine Brust weiter hebt und senkt, liegt eine Spannung auf seiner Haltung. Starr wie ein Brett, mit einem Blick der durch jeden Menschen und jede Decke geradlinig in den Himmel blickt, den er nicht sehen kann. Einen Himmel, der sich vor seinen Augen befindet und in der Befreiung seiner Vorstellungskraft. In seinem Kopf sind alle Gedanken, die er denken kann und keine zugleich. Ein Gefühl, dass ihn erfüllt und ihm dennoch die Wahl lässt alles zu sein, zu dem er im Stande ist. Steady denkt nicht an den Zettel, den er soeben beschrieben hat. Er denkt an nichts, was er an diesem Tag erlebt hat. Weder an das vergangene Klingeln des Weckers, noch an das zukünftige Klingeln. Eine verborgene Idee legt sich wie ein Schleier über seine Haltung. Irgendwo existiert eine versteckte Wahrheit in ihm und er weiß das es einen Weg gibt sie anzuzapfen. Einen Weg, den er finden wird. Mit dieser Entscheidung dreht sich Steady Grin vorsichtig auf die Seite. Bevor er in die Welt des Schlafes eintaucht, will er noch einen letzten, liebevollen Blick auf den Zettel zu seiner Linken werfen, der Indiz und Beweis in sich vereint. Geschrieben steht dort in zittrig, ungelenker Schönheit:
„Hast du jemals darüber nachgedacht deinen Träumen zu folgen?“
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