“Ein Tag” (Vierter Teil)

Eine Kurzgeschichte


Der Kinosessel

Er hat sie schon alle gehabt, da gibt es keinen Zweifel und er weiß alles über sie. Die Gary Oldmans oder Ethan Hawkes. Die Marylin Monroes oder Meryl Streeps. Die versteckten Geheimnisse und verborgenen Wahrheiten. Die Texte und die Subtexte. Eine lange Zeit ist vergangen seit er die erste Projektion eines Filmes miterlebte. Eine Zeit der Höhen und Tiefen. Manchmal hat er das Vertrauen in die Kraft der Leinwand beinahe aufgegeben, doch zu anderen Begebenheiten wurde seine Liebe in einem Feuersturm erneut entfacht. Der Kinosessel hat sich daran gewöhnt einem Zuschauer zu dienen. Gelinde gesagt fühlt er sich tausendfach belohnt durch die Werke die er miterleben darf. In ihm befinden sich die Erinnerungen aus dreiundvierzig Jahren Filmgeschichte. Das Frühwerk von Martin Scorsese oder die vergessenen Klassiker der Stummfilmzeit. Die Kraft des Old West. All dies ist ihm bewusst und atmet durch das leicht rissige leder seines Polsters in den Saal hinaus. Es sind diese Momente der Dunkelheit, in denen er sich wirklich wohl fühlt. Der kleine Adrenalinstoß, der das Licht im Saal erlöscht und die Leinwand entflammt ist immer noch wie am ersten Tag präsent. Die Erfahrung mit dieser großen Masse an Fremden all diese Filme zu schauen, hat ihn geprägt und ihm eine ungeheuerliche Menge an Wissen gegeben. Wissen, welches er nie im Stande sein wird weiterzugeben. Ja, Wissen das ihn wahrhaftig glücklich werden lässt.

Seit jeher befindet er sich Mitte-Mitte in dem einzigen Saal des kleinen Kinos am Bahnhof. Er ist der beste Platz im Haus und er weiß, dass viele Zuschauer die sich auf diesen einen Platz niederlassen nicht die geringste Ahnung davon hatten. Trotzdem gibt es auch Einige, die eine bewusste Entscheidung für ihn treffen. Damals in 1986 hat er zusammen mit einer älteren Dame herzlich über Ferris macht Blau gelacht. Seiner Meinung nach ist dies eine Komödie, wie sie heute nur noch selten gefilmt wird. Manchmal überhört er Gespräche von Kinogängern der jüngeren Generation und kann kaum begreifen was diese Menschen denken. Niemals von Christopher Plummer gehört oder der zwanzigjährigen Schaffenspause des Terrence Malick. Was für eine Welt. Wie vor jedem Film freut er sich auch auf den Heutigen mit ganzem Herzen. Er mag die Unwissenheit vor der dunklen Leinwand, die sich in nicht einmal zwei Stunden in Wissen verwandeln kann. Der ehemalige Theaterregisseur Steven Bart hat sich mit sechsundfünfzig Jahren auf die Reise gemacht einen Film zu drehen. Fertiggestellt hat er das Projekt „Sein“, was als ein komödiantischer Versuch Identitäten zu begreifen, beworben wird.

Nun, ungefähr acht Minuten vor Beginn des Filmes ist der Kinosessel in milde Anspannung gefallen. Noch ist kein Einlass für die Vorstellung, doch neben der Vorfreude auf den Film befallen ihn selbstverständlich Gedanken an das Publikum, welches bald durch die Pforten in den Saal strömt. Besonders macht ihm natürlich die Sorge über den Menschen, der auf seinem Rücken Platz nehmen wird zu schaffen. Ob der Thematik des Filmes kann er sich zwar in Sicherheit wähnen, aber stets, so hat er über die Jahre gelernt, gibt es verirrte Zuschauer, die Vorstellungen zu Albträumen werden lassen. Aus diesem Grund drückt er sich insgeheim fest die Daumen, als sich die Türen öffnen und die ersten Menschen in den Saal gelassen werden. An der Lehne ist die irisähnliche Ziffer „8“ angebracht und mit dem Eintreten des Publikums scheint sie wie ein wachsames Auge leicht in Richtung des Raumendes zu schwenken. Schritte schleppen sich durch den Raum und Stimmen verschwinden, unwissend ihrer Wahl und dem freien besten Platz, in den Reihen hinter ihm auf den Sitzflächen anderer Sessel. Dann wird es kurz ein wenig stiller, doch ein Paar Schritte nähert sich durch diesen Hauch von Stille. Nach links schauen, nach rechts schauen, doch die Quelle lässt sich nicht ausmachen. Die Schritte sind leicht tapsig, irgendwie aufgeregt, aber doch kontrolliert. Da wird am rechten Ende der Sitzreihe eine Gestalt sichtbar. Der Kinosessel jubiliert in nicht zu vernehmender Freude, denn er weiß, dass dieser Kerl weiß, dass er der beste Platz im Saal ist. Mit diesem Wissen im Kopf kann sich der Sessel das breite Lächeln in Steady Grins Gesicht ausmalen und als dieser näher kommt sieht er es auch. Steady schmunzelt wissend vor sich hin, während er sich anschickt Platz zu nehmen. Der Sessel empfängt ihn mit offenen Armen und voller Entspannung. Das Frohlocken ist gegenseitiger Natur und beiden ist unter den Mänteln ihrer Distanz bewusst, dass der Lieblingsplatz und der Lieblingsgast einmal mehr vereint sind. Nicht zum ersten Mal und mit Sicherheit auch nicht zum letzten Mal. Die restlichen Minuten bis zum Start des Filmes, die wie üblich von Werbung und Trailern getränkt ist, verbringen die Beiden wie alte Freunde. Stumm erzählen sie sich von ihren Erlebnissen und erklären, gepaart mit den Wünschen auf einen guten Film, die verschiedenen Gründe für ihre aufgeregte Vorfreude auf das was folgen wird. Gleichzeitig mit dem Wechsel der Filmrollen im Projektor schließt sich der schwere, rote Vorhang noch einmal. Dann dimmen sich die verbliebenen Lampen bis zur Dunkelheit und ein zaghafter Mechanismus öffnet den Vorhang. Mitte-Mitte schauen der Kinosessel und Steady von gespannter Aufmerksamkeit gebannt auf die illuminierende Leinwand.

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