“Ein Tag” (Zweiter Teil)
Eine Kurzgeschichte
Jeden Tag die gleiche Strecke. Um acht Uhr geht die Reise los, um neun ist sie zu Ende. Um fünfzehn Uhr das Ganze in die andere Richtung. Jeden Tag die gleiche Strecke. Nie wird von der normalen Route abgewichen, denn es gibt keinen Grund für diese Entscheidung. Die Straße ist sicher, der Verkehr nicht allzu störend. Ein Autoaufkleber ist etwas gewöhnlich Ungewöhnliches, muss er doch kleben, aber darf den Lack des Autos nicht verkleben. Er ist von Natur aus anders als andere Kleber, denn er muss eben dieser Natur trotzen. Das Material muss fester sein. Die Farbe muss stärker sein. Vor allem aber muss er besonderer sein, denn schließlich präsentiert der Aufklebende sein Werk auf offener Straße einer Unzahl von Menschen. Der Autoaufkleber „Hippie at Heart“ kennt die Strecke genau, denn er macht die Reise jeden Tag mit. Wie jeder andere Aufkleber hat auch er nur die eine Möglichkeit von einem begeisterten Menschen an einer besonderen Stelle platziert zu werden. Eines Tages wird der Kleber schließlich nach dem unausweichlichen Ablösen nie wieder verwendet werden. „Hippie at Heart“ ist von einem Werbekünstler entworfen, der in seinen Kreationen an seine Jugend in den 70er Jahren denkt. Daher besitzt „Hippie“ drei verschiedene Schriftarten, die an psychedelische Comiczeichnungen erinnern. Gekrönt wird sein Aussehen jedoch durch die verschiedenen Farben der Buchstaben. Die Bandbreite der Farbpallete beschränkt sich auf sanfte Pastellfarben und grellende Neonkolorierung, die „Hippie“ dazu animiert in Dunkelheiten hell zu leuchten.
Jeden Tag die gleiche Strecke bedeutet für die Präsentation des Aufklebers, dass er sich jeden Tag für die gleichen Verkehrsteilnehmer zu Recht macht. Schleicht sich einmal der gewohnte Rhythmus ein, so laufen die Menschen wie das Uhrwerk eines Weckers endlos in seinem Takt weiter. Stets versucht „Hippie“ aus diesem Grund den inneren Geist seiner Bedeutung zu kanalisieren und in die Welt zu reflektieren. Das gleichbleibende Publikum der Straße gewährt ihm in seiner sonderbaren Rolle nur kleine Audienzen. An Ampeln erlaubt sich mancher einen kleinen Blick, doch zumeist gibt es wichtigere Dinge. Das rote Licht oder das gelbe Licht und sobald das grüne Licht erleuchtet sind die Blicke starr auf die anvisierten Ziele in der Ferne gerichtet. Von den Gehwegen wird „Hippie at Heart“ ebenfalls nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt, wofür verschiedene Gründe existieren. All dies ist jedoch nicht verwunderlich, sondern das normale, allseits bekannte Programm für Autoaufkleber, welches „Hippie“ schon eine lange Zeit mitmacht. Vor nicht allzu langer Zeit hat sich seine Routine auf sonderbare Art verändert. Diese Veränderung ist gemeinsam mit der Veränderung seiner täglichen Autostrecke einher gegangen. Nachdem Als Ergebnis der Veränderung bekommt „Hippie at Heart“ Aufmerksamkeit, die er nie kannte und erhält so einen Bruchteil der Aufmerksamkeit, die er verdient. Nach kurzer Zeit auf der neuen Strecke ist die Regelmäßigkeit des Auftauchens eines bestimmten Autos im direkten Blickfeld des Aufklebers deutlich geworden. Die Einmündung der dritten westlichen Straße an die tägliche Route ist durch dieses neue Auto der wichtigste Punkt der Reise. Sie gibt „Hippie at Heart“ regelmäßig eine wohltuende Gänsehaut, die oftmals noch Minuten später anhält und ihm das undeutliche Gefühl von Lebendigkeit gibt.
Aus der mit Freiheitsgedanken vernebelten Sicht des eigentümlichen Aufklebers kann Steady Grin nur mit großer Mühe hinter dem Lenkrad des Autos identifiziert werden. Nichtsdestotrotz ist es das Gesicht Steadys, welches dem Aufkleber zwischen acht und neun Uhr seine Daseinsberechtigung ausstellt. An einer der vielen Ampeln, die im morgendliche, müden Arbeitsverkehr installiert sind, beschließt „Hippie“ genauer zu beobachten, wer sein Gegenüber wirklich ist. Seine heimatliche Stoßstange ist glücklicherweise nicht allzu tief an der Heckfront des Autos befestigt, sodass es dem Aufkleber gelingt Steady kurz in die Augen zu sehen. Diese lösten sich nach einem kurzen, scheinbar zufälligen Schwenker von dem voranfahrenden Auto. Ihr Blick ist undeutlich und scheint kein besonderes Ziel zu haben. Das rote Licht der Ampel erlaubt es ihnen einen träumerischen Blick in die bauschigen Wolken des wolkenlosen Himmels zu werfen. „Hippie at Heart“ ist hingerissen, doch in diesem Moment der Faszination fällt der Blick Steady Grins aus dem Himmel herab und direkt in die Richtung des Aufklebers. „Hippie“ fühlt sich von einer Sekunde auf die Nächste merklich beobachtet, doch er ist ein Aufkleber und lässt sich nicht verschrecken. Er fühlt die Augen Steadys tief in sich, doch eigentümlicher Weise kann er sie zu keinem Zeitpunkt klar erkennen. Ob sie ihn wirklich ansehen oder doch durch ihn hindurch träumen? Einerseits sind sie starr und präzise, andererseits entlarvt dieses Starren in „Hippies“ limitierter Erfahrung auch Jene, die ihre Hirnstämme zu kopfverdrehenden Ausflügen bewegen. Einen Moment sinnt er selbst in diese Richtung, doch dann springt die Ampel von Rot zu Gelb und auf Grün. „Hippie at Heart“ weiß, dass Steady an dieser neunten Ampel ihrer gemeinsamen Fahrt links abbiegt. Morgen, zur gleichen Zeit, würden sie beide wieder gemeinsam und ohne Veränderung die gleiche Strecke erfahren.
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