Ist es Selbstliebe oder Narzissmus?

Auf dem Pfad der Selbstliebe kommen viele Menschen an den Punkt, an dem sie sich fragen, ob es nicht total egozentrisch ist, sich selbst zu lieben. Ist das nicht die Definition von Narzissmus? Jemand, der sich selbst liebt? Besonders für emphatische Menschen scheint dies eine große Angst und damit ein Hindernis auf ihrem Weg zu sein. Meist wurden sie von narzisstischen Menschen schwer verletzt und wenn sie nun die Aufforderung „Liebe dich selbst!“ hören, haben sie das Gefühl, sie würden dann selbst zu genau jenen Narzissten werden, was doch das Letzte ist, was sie wollen!

Doch diese Angst selbst zu einem egozentrischen, narzisstischen Arschloch zu werden, ist der Versuch des verletzten inneren Kindes, die Liebe fern zu halten, die es glaubt nicht zu verdienen.

Ein Teufelskreis entsteht, in dem das sich nach Liebe sehnende innere Kind, sich selbst die Liebe verweigert, um sich dadurch seine Liebens(un-)würdigkeit beweisen zu wollen, was nur zu noch mehr Sehnsucht führt. Es kommt zu so etwas wie einem Märthyrer-Ich — die Sehnsucht und das Abgelehnte sind identisch — die Liebe — und diese scheint dadurch weiter weg als je zuvor.

Was Narzissmus ist

Liebes inneres Kind, lieber Empath, liebes Märthyrer-Ich — es folgen einige Hinweise, die dir zeigen sollen, was es wirklich bedeutet, ein Narzisst zu sein und wie sich das zu Selbstliebe unterscheidet.

1. Ein Narzisst stellt sich niemals in Frage

Das erste Zeichen eines Narzissten ist es, dass er/sie (ich verwende ab sofort die männliche Form, auch wenn Narzissmus natürlich genauso oft in Frauen vorkommt) sich gar nicht die Frage stellen wird, ob er ein Narzisst ist. Wenn er mit seinem Narzissmus von Anderen konfrontiert wird, wird unendliche Möglichkeiten finden, es von sich zu weisen oder dem Gegenüber „den schwarzen Peter“ zuzuschieben.

Ein Narzisst ist unglaublich gut im „Nebelgranaten werfen“ — also andere Themen und Gründe zu finden und diese vorzuschieben.

Eine Form des passiv-aggressiven Narzissten ist es, nach Außen hin vielleicht zuzustimmen, aber innerlich felsenfest von seiner Unfehlbarkeit überzeugt zu sein. Er kennt sowas wie Irrtum nicht, weil dieser in seiner Welt nicht existieren darf!

2. Ein Narzisst ist stolz auf seine „Selbstliebe“ (und sieht diese als Leistung).

Während du als Empath dich ständig selbst fragst, ob jeder Akt der Selbstliebe dich nicht zum Egoisten macht, wird der Narzisst stolz auf seine Selbstliebe sein — oder das, was er so nennt! Er wird jedem erzählen, wie stolz er ist „endlich“ zu seiner Selbstliebe gefunden zu haben, wie er gelernt hat, zu sich zu stehen, seine Bedürfnisse zu erfüllen, wie weit er psychisch und spirituell gekommen ist, endlich Qualität XY zu leben und wie gut es ihm dabei geht!

Das Motto des Narzissten ist: „Egal was du tust oder erkennst, erzähle jedem darüber!“ und viele Narzissten werden dann sogar zum Coach, Berater oder Lehrer, um möglichst viel Applaus für ihre „Leistung“ zu bekommen!

3. Ein Narzisst braucht das Publikum.

Narzissten brauchen viele Freunde und Bekannte als Publikum!
Das bedeutet nicht, dass Freunde und Bekannte zu haben eine schlechte Sache wäre, aber für einen Narzissten sind diese lebensnotwendig. Dieser Punkt ist für Nicht-Narzissten schwer nachzuvollziehen, weil diese den inneren Drang nach Publikum und seine Intensität gar nicht kennen. Am ehesten ist dieser Drang wohl vergleichbar mit einem Alkoholiker oder Drogenabhängigen. Die Menschen werden scheinbar von ihm unglaublich hoch geschätzt, sind aber im Grunde nur Erfüllungsgehilfen und (austauschbare) Figuren im perfiden Spiel, möglichst viel Publikum zu bekommen.

4. Ein Narzisst braucht Kontrolle.

Dies zeigt sich vielfältig. Zunächst mal wird der Narzisst ständig darauf schauen, den „richtigen“ Ort mit den „richtigen“ Menschen zu finden.

Das ist meine Stadt, mein Ort, meine Freunde, mein Lokal, meine Familie, mein Rhythmus, meine Art, meine Gruppe, mein Leben usw — all das muss der Narzisst unter Kontrolle behalten, denn nur so kann er sich wirklich wohl fühlen. Das was für dich möglicherweise nach totaler Einschränkung klingt, erlebt der Narzisst als Freiheit!

Was für ein unglaublicher Stress das sein muss, all diese Faktoren kontrollieren zu müssen, nur damit man selbst das Gefühl hat, im Mittelpunkt zu stehen.

Ein anderer wichtiger Punkt und Zeichen für Narzissmus ist es, dass der Narzisst sich ständig von anderen kontrolliert und manipuliert fühlt!
Dies passiert nämlich bereits in dem Moment, wo jemand anderes eine andere Meinung oder Sichtweise hat. In dem Bestreben nach totaler Kontrolle, ist daher für den Narzissten jede Abweichung ein Bedrohung und er wird seine Kontrolle und Manipulation auf Andere projizieren.

5. Ein Narzisst braucht ständige Abwechslung.

Wenn man das oben liest, könnte man glauben, Beziehungen und andere Menschen wären dem Narzissten heilig! Schließlich bieten sie ihm ja jenen Fluß an Aufmerksamkeit und Liebe, die er zum überleben braucht.

Dem ist aber nur scheinbar nach Außen hin so. Wenn du das Leben eines Narzissten betrachtest, dann wird dieser kaum Freundschaften oder Partnerschaften über einen längeren Zeitraum haben und selbst innerhalb der Familie wohl immer wieder mit anderen Familienmitglieder „brechen“.

Warum ist das so? Zunächst mal, weil es als Partner oder Freund eines Narzissten unglaublich schwer ist, diesen ständig zu bespassen, seine Besonderheit zu huldigen oder sonstwie mit Liebe und Aufmerksamkeit zu überschütten. Klar, wie oben beschrieben, sucht sich der Narzisst genug „alternative Aufmerksamkeitsquellen“, aber irgendwann stillt vielleicht ein Partner nicht mehr den schier unstillbaren Durst nach Liebe und dann wird ihn der Narzisst einfach fallen lassen und sich auf die Suche nach einem neuen Opfer machen. Der Narzisst nennt es dann „Abwechslung“ oder „notwendige Entwicklung“ und wird wahrscheinlich auch noch stolz darauf sein (und seinem Publikum davon erzählen).

Näheres dazu findest du in meinem Artikel bzw Übersetzung eines Textes von Matt Kahn zum Thema “Hingabe und Verantwortung in einer Beziehung

6. Ein Narzisst tut nichts für andere (ohne etwas zurück zu bekommen).

Die Meister der Nebelgranaten werden dies natürlich gut nach Außen hin verbergen. Du erkennst aber den Narzissten ziemlich deutlich an seinem nonverbalen Ausdruck, wenn er etwas für dich macht und nicht das Gefühl hat, sofort etwas zurück zu bekommen. Er wird sich „ausgenutzt vorkommen“, argumentieren „das etwas nicht seine Aufgabe wäre“ oder „es ja nicht seine Angelegenheit wäre“ und dir dementsprechend mit Abscheu und Wiederwertigkeit begegnen, wenn du die Quelle für sein „Leid“ bist — als er etwas für dich getan hat!

Wohlgemerkt sind Narzissten äußerst gut darin, diese Wiederwilligkeit zu argumentieren, mit Sätzen wie „Zu einer guten Partnerschaft/Freundschaft gehört doch ein Geben und Nehmen!“ (im Kontext: „….und laut meiner internen Punkte-Liste, bin ich ca. 1008,94 Punkte vor DIR! Also streng dich jetzt mal an!“)

7. Ein Narzisst kennt keine Verantwortung.

Treue und Verantwortung sind für einen Narzissten völlig fremd!

Ein Versprechen ist für einen Narzissten etwas, dass er „damals“ gegeben hat, aber wenn es ihm aktuell nicht in den Kram passt, dann interessiert ihn das nicht mehr. Wenn du auf dem Versprechen beharren würdest, dann würde der Narzisst dir „Manipulation“, „Kontrolle“, „Engstirnigkeit“ und „Unflexibilität“ vorwerfen — alles Gründe, die für eine Beendigung einer Beziehung/Freundschaft sprechen.

…und schon wären wir wieder bei der totalen Kontrolle, die sich der Narzisst wünscht! — „Schließlich habe ich ja nur ein Leben“, sagt er…

Ausflug: Spirituelle Narzissten

Zum Schluß noch ein kurzer Ausflug in die Welt des „spirituellen Narzissmus“ — quasi ein Spezialgebiet. Wir alle kennen das ursprüngliche Bild des Narzissten, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt.
Die spirituellen Narzissten haben dafür eigene Methoden, die ihrem krankhaften Selbstbild sehr zu Gute kommen.
Diese Methoden passen sich perfekt einem egozentrischen Weltbild an und tarnen sich dementsprechend mit absoluter Perfektion.
Zwei dieser „Methoden“ seien hier erwähnt: Das Spiegelgesetz und The Work von Byron Katie.

Unabhängig von der möglicherweise „Missinterpretation“ dieser Methoden durch Narzissten, lehren die Methoden, die Umwelt zur Selbsterkenntnis zu nutzen. 
Soweit so gut, aber der Narzisst hört: 
Das was ich „im Außen“ sehe, sagt etwas über mich aus!

Nichts könnte dem narzisstischen Ego besser gefallen, als das ALLES was ich im Außen sehe, etwas über MICH aussagt! Geil! Der Hammer!

Das ist so etwas wie die ultimative spirituelle Droge für den Narzissten. Dadurch behält er weiterhin das Gefühl, dass sich alles nur um sich dreht und darf es nun sogar spirituelle Selbsterkenntnis nennen! Genial — meint der Mensch mit egozentrischen Weltbild….

In Wahrheit ist es aber so, dass die Welt und die Anderen überhaupt nichts über dich aussagen, sondern nur darüber, wie eben der Andere seine Welt und seinen Zustand erlebt.

Das Einzige was uns eigentlich interessieren sollte, ist wie wir (liebevoller) auf „die Anderen“ reagieren, indem wir zuerst liebevoller zu uns selbst sind. Einzig unsere Reaktion auf unsere Umwelt ist entscheidend. Aber das interessiert den Narzissten wohl weniger….

Ist es nun Selbstliebe oder Narzissmus?

Du fragst dich vielleicht, woher ich das alles weiß, ohne selbst Narzisst zu sein. ;-) Sagen wir so: Ich habe einige Jahre dafür studieren dürfen und hatte das Paradebeispiel einer Narzisstin als Partnerin — was mir aber erst danach unter viel Schmerz bewusst geworden ist. Das ist aber eine andere Geschichte… Ich bin eben ein langsamer Lerner ;))

Kommen wir nun zum eigentlichen Punkt dieses Artikels:

Als jemand ohne egozentrischen Weltbild, hast du das alles oben gelesen und dich vielleicht gefragt, was das überhaupt mit Liebe zu tun hat?

Liebe spielt doch dabei gar keine Rolle im egozentrischen Weltbild?

Genau das ist der Punkt!

Von Narzissten wird immer behauptet, sie würden sich selbst lieben, dabei kennen diese etwas wie Liebe gar nicht! Selbstliebe gar, ist ihnen völlig fremd!

Man könnte maximal sagen, sie würden Liebe (als Idee) im Außen durch Orte, Menschen, Momente und Dinge suchen. Ja, Narzissten sind so leer an (Selbst-)Liebe — die ihnen einfach nicht zugänglich ist — das sie mit allen Mitteln versuchen, diese Leere zu füllen.

Was sagt uns das aber nun über dich, der du versuchst, dir selbst mit Liebe zu begegnen, aber du sie dir bisher verweigert hast, aus Angst, du könnest dadurch ein Narzisst werden?

Es sagt uns, dass….

  • Du dich selbst lieben darfst, auch und besonders, wenn du an dir zweifelst.
  • Du nicht stolz auf deine Selbstliebe und deine Errungenschaften sein musst.
  • Du niemanden von deiner Selbstliebe erzählen musst.
  • Du keinen besonderen Ort oder Menschen um dich brauchst, um dich selbst zu lieben. Es ist überall und kostenlos möglich!
  • Du von niemanden im Außen abhängig bist oder deren Liebe brauchst, um dich selbst zu lieben.
  • Erst wenn du dich selbst liebst, kannst du auch geben, ohne etwas zurück zu fordern.
  • Ein sich selbst liebender Mensch hat kein Problem mit Verantwortung und zu seinem Wort zu stehen. Wenn sich eine Situation verändert, dann kann er diese ansprechen ohne kontrollieren zu müssen oder von der Liebe des anderen abhängig zu sein oder zu erpressen. Er ist dadurch frei, ehrlich und authentisch.
  • Der wichtigste Punkt aber ist, dass Liebe zu dir keine Bedingungen kennt oder braucht! Du darfst dich für ALLES lieben und brauchst NIEMANDEN dafür außer dich!

Narzissmus ist daher das Gegenteil von (Selbst-)Liebe.

In anderen Worten: Wenn du kein Narzisst sein willst, dann liebe dich selbst!