Wenn die innere Uhr von außen bestimmt wird

Die EU will die Zeitumstellung abschaffen. Ab 2021 soll sich jedes Land selbst für Normal- oder Sommerzeit entscheiden. Was macht es mit uns, wenn Arbeitgeber und Politik über unseren Biorhythmus bestimmen?

Von Simone Grössing, Doris Helmberger, Sophie Huber-Lachner und Irmgard Wutscher

Sandra Kieferle lebt seit Anfang Februar ohne Wecker. Wann sie den Tag beginnt, gibt ihre innere Uhr vor. Auch wann sie ins Büro kommt. Denn sie ist Teil eines Experiments, bei dem Arbeitende ihren Tagesablauf nicht von außen dirigieren lassen, sondern ihn nach dem eigenen Rhythmus gestalten.

Sandra Kieferle an ihrem Arbeitsplatz

Die Firma Späh im 2500-Einwohner-Ort Scheer in Baden-Württemberg möchte gerade herausfinden, was passiert, wenn man Angestellte nach ihrer inneren Uhr leben lässt. Späh stellt Dichtungen und Kunststoffzuschnitte aller Art her. Wie viele Unternehmen in der Region hat der Betrieb mit Fachkräftemangel und Landflucht zu kämpfen. Deswegen beschäftigt sich die Firmenleitung schon seit Jahren mit der Frage, wie man den Arbeitsplatz attraktiver machen kann. Selma Sibic und Lejla Späh probieren dazu einiges aus: Neben Matratzen für den Mittagsschlaf, Tischtennistisch oder Stehpulten zählt dazu auch das Arbeiten nach der inneren Uhr.

Zwölf Mitarbeiter leben deshalb seit Anfang Februar ohne Wecker. So wie Sandra Kieferle. „Ich wurde immer aus dem Tiefschlaf gerissen und war dann morgens schlecht drauf“, erzählt die Vertriebsmitarbeiterin. Seitdem der Wecker nicht mehr läutet, wacht sie von alleine gegen sieben Uhr auf und ist um acht in der Arbeit. „Der Druck fällt völlig weg.“ Im Büro macht sie sich gleich an die schwierigen Fälle. Früher hat sie zuerst einen Kaffee gebraucht, um die Motivation dafür aufzubringen.

Europa dreht an der Uhr

So einen selbstbestimmten Tagesablauf wie Sandra Kieferle haben die wenigsten. Nicht nur wann man zur Arbeit oder Schule muss, wird von außen bestimmt, sondern auch wann der Tag überhaupt beginnt. Mit der Zeitumstellung wird zweimal im Jahr der Tagesrhythmus verschoben. Seit 1996 gilt innerhalb der EU eine einheitliche Sommerzeitregelung. Jeden letzten Sonntag im März wurden bisher die Uhren um eine Stunde vorgestellt und jeden letzten Sonntag im Oktober wieder um eine Stunde zurück. Das soll sich künftig ändern.

Ende März entschied das Europäische Parlament, dass die europaweite Zeitumstellung abgeschafft werden soll. Ab 2021 soll sich jedes Land selbst für die Normal- oder Sommerzeit entscheiden können.

Rainer Messerklinger/Die Furche

Vom Brexit zum Cloxit?

Im Sommer 2018 hat die EU-Kommission auf Drängen des Parlaments eine Online-Umfrage durchgeführt. 4,6 Millionen Europäer nahmen daran teil. 84 Prozent sprachen sich für ein Ende der Zeitumstellung aus. Allerdings haben sich gerade einmal 0,89 Prozent der EU-Bürger an der Umfrage beteiligt, rund zwei Drittel der Antworten kamen aus Deutschland. „Die Leute wollen das, also machen wir das“, so Kommissionspräsident Jean-Claude Junckers Reaktion auf das Ergebnis. Genau das sei jedoch demokratiepolitisch bedenklich, so die Wiener Politikwissenschaftlerin Tamara Ehs. Denn die Online-Umfrage sei rechtlich nicht verbindlich gewesen. Das vermeintliche Stimmungsbild wurde im Nachhinein zur bindenden Abstimmung gemacht. „Eine Minderheit hat für die Mehrheit abgestimmt. Jetzt wird die Zeitumstellung einfach abgeschafft. Das ist problematisch“, so Ehs. Kritiker sprechen in Anlehnung an den Brexit sogar schon vom „Cloxit“.

Gesundheitliche Bedenken

Doch was macht es eigentlich mit dem Menschen, wenn in seine innere Uhr und seinen Biorhythmus eingegriffen wird? Der Grazer Chronobiologe Maximilian Moser hat sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt. „Es gibt eigentlich keinen Chronobiologen, der sich für die Zeitumstellung ausspricht“, sagt er. Besonders jene im Frühling sorgt für Probleme, weil die Menschen eine Stunde Schlaf verlieren. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Unfallzahlen nach der Zeitumstellung zunehmen. Und es gebe auch mehr Herzinfarkte, so Moser. Dass Staaten jetzt eine ewige Sommerzeit wählen können, hält er allerdings für einen noch größeren Unfug. „Konkret würde das bedeuten, dass man im Winter in völliger Dunkelheit aufsteht und dauernd gegen die innere Uhr arbeitet. Damit stört man den inneren Rhythmus“, so Moser. Und der sei ein ganz wesentlicher Faktor für die menschliche Gesundheit. Für ihn sei die Lösung deshalb eine ewige Normalzeit, besser bekannt als Winterzeit.

Aber was ist der innere Rhythmus eigentlich?

Menschen haben einen natürlichen 24-Stunden-Rhythmus. Der wird bestimmt durch Tageslicht, ist zum Teil aber genetisch bedingt. Zum Beispiel werden gewisse Hormone, die den Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflussen, zu bestimmen Zeiten im Körper ausgeschüttet.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass Menschen von Geburt an einem gewissen Chronotypen angehören. Es gibt sogenannte Lerchen und Eulen. Die einen wachen von alleine früh auf und gehen früh schlafen, die anderen sind Nachtmenschen. Von diesen zwei Typen gibt es Extremformen, die meisten Menschen sind aber so genannte Normaltypen, die zwischen 23 Uhr und Mitternacht schlafen gehen und zwischen acht und neun von alleine aufwachen.

Am gesündesten wäre es, wenn jeder nach dem eigenen Rhythmus lebt— in der Realität ist das fast nie so. Wie zum Beispiel als Oberarzt im Krankenhaus, Bäcker oder Mönch.

Arbeiten in der Nacht

Sogar wenn man grundsätzlich ein Nachtmensch ist, hat der Körper mit den Folgen zu kämpfen, weiß Oberarzt Tobias Huber. Der Anästhesist arbeitet am „Salzkammergut Klinikum“ in Vöcklabruck und hat etwa fünf Mal im Monat 24-Stunden-Dienst. Sein Arbeitstag beginnt dann um sieben Uhr Früh. Wenn Huber sich abends gegen 20 Uhr das erste Mal mit einem Kaffee niedersetzt, hat er schon 13 Stunden hinter und noch die ganze Nacht vor sich. „Nachts arbeiten ist lässig — wenn man um 23 Uhr heimgehen kann“, so der Oberarzt. „Das Entscheidende ist, ob du im eigenen Bett schlafen darfst oder nicht“. Wenn er Nachtdienst hat, ist das aber nicht der Fall. Als er zu arbeiten begann, dachte er noch, Nachtdienste würden ihm gefallen. Mittlerweile leidet er darunter. In so einem Dienst funktioniert er nur noch auf Autopilot. Wenn Hubers Schicht vorbei ist, kommt der Crash, die Müdigkeit, die Erschöpfung. Um wieder in seinen normalen Rhythmus zu finden, versucht er, sich mit Garten- oder Hausarbeit wach zu halten. „Etwas reparieren ist super.“

Rhythmus hilft

Zwei Uhr nachts, die Stadtgemeinde Seekirchen am Wallersee liegt im Tiefschlaf, während in der Bäckerei Unterbäck die Fenster hell erleuchtet sind. Herbert Fuchs hat gerade seinen Dienst begonnen: „Die Nacht ist genau so schön wie der Tag“, sagt er. Der 58-jährige Bäcker übt den Beruf schon seit 43 Jahren aus — mit Liebe, wie er betont. Das ist nicht selbstverständlich. Viele Bäcker-Lehrlinge brechen die Ausbildung ab, weil sie mit den ungewöhnlichen Arbeitszeiten nicht zurechtkommen. Bei ihm war es anders. Er ist immer schon gerne früh aufgestanden. Zudem hat sich die innere Uhr des Bäckers längst an seinen Arbeitsrhythmus angepasst. Im Gegensatz zum Oberarzt kann er immer um dieselbe Zeit aufstehen.

Ein Tag im Kloster

Immer um dieselbe Zeit aufstehen, essen und schlafen gehen: Darum geht es auch im Kloster. Auch hier wird der Rhythmus von außen vorgegeben. Das Stundengebet, nach dem sich die Mönche im Benediktinerstift St. Lambrecht in der Steiermark ausrichten, ist wesentlicher Teil davon. Für das Morgengebet muss Pater Gerwig Romirer täglich um halb sechs Uhr früh aufstehen; samstags und sonntags eine halbe Stunde später. „Eigentlich bin ich ja kein Morgenmensch, aber ohne Laudes geht der Tag ganz unrund los“, sagt Pater Gerwig. Der strenge Rhythmus mit vier Gebeten um sechs, zwölf, 18 und 20 Uhr gibt ihm genügend Halt, um sich trotz seiner vielen Aufgaben und Termine nicht gehetzt zu fühlen „Ich sage immer: Ich habe keinen Stress, aber ich habe viel zu tun“, meint der Ordensmann. Eine „erfüllte Zeit“ eben.

Uhren werden neu gestellt

Die Zeit gut füllen und mehr auf ihr Inneres hören: Das sollen auch die Mitarbeiter der Firma Späh — wenn auch nicht aus spirituellen Gründen, sondern wegen der Effizienz. Das Projekt mit dem Leben nach der inneren Uhr läuft noch bis Juni, dann werden die Erfahrungen ausgewertet. Sowohl die Probandinnen als auch die Geschäftsleitung sind mit dem Test bisher zufrieden. „Wenn das Feedback gut ist, dann könnte man im Bewerbungsverfahren Schichtarbeiter gezielt nach dem Chronotyp suchen“, so Lejla Späh. Man würde dann die Schichten rund um die Uhr mit Menschen besetzen, die zum Beispiel gern ab vier Uhr früh oder in der Nacht arbeiten.

So könnte die Zukunft der Arbeit aussehen, bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Denn die Forschung zur Chronobiologie steht erst am Anfang. Noch weiß man zum Beispiel nicht, wie verlässlich die Tests zu den Chronotypen überhaupt sind.

Unser Leben wird also noch länger durch äußere Einflüsse getaktet sein. Zum Beispiel davon, ob wir in der ewigen Sommerzeit oder Normalzeit leben. Bis 2021 müssen sich alle EU-Länder für das eine oder andere entscheiden.