Stellungnahme: Jehovas Zeugen K.d.ö.R klagen gegen mein Buch “Goodbye, Jehova!” und den Verlag Rowohlt

Beanstandet werden sieben Passagen auf 500 Seiten. Rowohlt und Autor Misha Verollet (aka Misha Anouk) sehen dem Prozess gelassen entgegen.

Foto: @Nordbreze

Im Oktober 2014 erschien unter dem Pseudonym Misha Anouk mein Aussteiger-Bericht und erzählerisches Sachbuch “Goodbye, Jehova! Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ” im Rowohlt Verlag, in dem ich meine Kindheit und Jugend bei den Zeugen Jehovas sowie die Umstände beschreibe, die zu meinem Verlassen der Glaubensgemeinschaft führten. Über drei Jahre später haben die Zeugen Jehovas, vertreten durch ihr Zweigbüro, Klage eingereicht. Beklagte Partei ist der Verlag Rowohlt. Als Autor des beanstandeten Werkes möchte ich hiermit zur Klage Stellung nehmen.

Was bisher geschah

Vorausgegangen war im Winter 2017 eine Unterlassungsaufforderung auf Basis von 7 Passagen meines Buches mit einem Umfang von 500 Seiten, die aus Sicht der Zeugen Jehovas eine Ehrverletzung und falsche Tatsachenbehauptung darstellen.

Auf Bitten der Justiziarin von Rowohlt legte ich ein 10seitiges Dossier vor, das anhand umfangreicher Zitate aus öffentlich zugänglicher Literatur der Zeugen Jehovas sowie internen Dokumenten ausführte, weshalb die Vorwürfe der Jehovas Zeugen K.d.ö.R. meines Erachtens haltlos und meine Behauptungen in dem Buch richtig sind.

Der Verlag wies die Unterlassungsaufforderung zurück. Nun haben die Jehovas Zeugen beim Landgericht Hamburg (eingegangen am 2. Januar 2018) Klage eingereicht wegen “Unterlassung unwahrer Tatsachenbehauptungen”.

Erstaunlich ist der Zeitpunkt der Klage (über drei Jahre nach Erscheinen), da das Buch ein breites mediales Interesse ausgelöst hatte und bis auf Platz 22 der Bestseller-Liste geklettert war. Es ist völlig unplausibel zu glauben, dass eine Organisation wie die der Zeugen Jehovas von diesem Buch rund um das Erscheinen keine Notiz genommen hätte.

UPDATE, 2.2.2018: Die Zeugen Jehovas werden aktuell von der EU in Sache Datenschutz gerügt — dass ihnen mein Buch in dem Zusammenhang ein Dorn im Auge ist, wundert mich nicht.

Ich habe jedoch eine Vermutung. Der Anteil an E-Books am deutschen Buchmarkt beträgt im Schnitt vier bis fünf Prozent. Bei meinem Buch war der Anteil der E-Book-Downloads an den Gesamtverkaufszahlen über 20 Prozent. Es ist naheliegend, dass das Buch — verbotene Abtrünnigen-Literatur — heimlich auch von aktiven Zeuginnen und Zeugen Jehovas gelesen wurde, und sie in den vergangen drei Jahren immer häufiger dabei erwischt wurden. Es liegt durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen, dass dieser Umstand die Organisation zum Handeln gezwungen hat.

Was andere über das Buch sagten

Ein Auszug aus den Pressestimmen zu dem Buch:

Ein bemerkenswertes Buch, hervorragend geschrieben und akribisch recherchiert. (Hamburger Abendblatt)
Seine Geschichte zeigt, wie gut das System der Zeugen Menschen manipulieren kann. (Zeit online)
Misha Anouk hat etwas durchgemacht, an dem andere Menschen zerbrechen würden. (Morgenpost)
Das Buch erlaubt nicht nur tiefe Einblicke in den Alltag eines Zeugen zwischen Königreichssaal und Predigtdienst an fremden Haustüren, es blättert auch das ganze Spannungsfeld zwischen diametral gegenüber stehenden Denkrichtungen auf. (Lübecker Nachrichten)
Hervorragend recherchiert, wahnsinnig intim und sehr, sehr gut. (NDR Das!)

Der Streitgegenstand

Im Folgenden möchte ich die beanstandeten Passagen im Buch “Goodbye, Jehova!” aufführen, auf die ich in dieser Stellungnahme jedoch nicht en detail eingehen werde —das heben wir uns für den Prozess auf.

Ich stelle aber ausdrücklich fest, dass wir jeden Vorwurf in der Klageschrift und jede Behauptung der Zeugen Jehovas vollumfänglich widerlegen können und im Besitz entsprechender Beweismittel sind. Die Vorwürfe beruhen hauptsächlich auf Form- und Detailfragen, teils könnte man sogar von Rabulistik sprechen.

Es ist ein immer wiederkehrender Fehler der Rechtsabteilung der Zeugen Jehovas, zu unterschätzen, wie gut wir Aussteiger über Interna Bescheid wissen, nicht zuletzt aufgrund der Maulwürfe, die wir bis in den höchsten Ebenen der Organisation platziert haben. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die interne Korrespondenz in Bezug auf einen Kindesmissbrauchsfall in den USA.

Die beanstandeten Passagen (Screenshots aus der Klageschrift, die ich aus rechtlichen Gründen nicht im Original veröffentliche ):

Seite 20 in “Goodbye, Jehova!”
Seite 45 in “Goodbye, Jehova!” plus Kommentar der Kanzlei der Klägerin
Seite 45 in “Goodbye, Jehova!”
Seite 94 in “Goodbye, Jehova!”
Seite 151 in “Goodbye, Jehova!” plus Kommentar der Kanzlei der Klägerin
Seiten 194, 195 in “Goodbye, Jehova!” plus Kommentar der Kanzlei der Klägerin
Seiten 233, 411 in “Goodbye, Jehova!”

Was sie hinsichtlich dieser Passagen verlangen, geht aus der ursprünglichen Unterlassungsaufforderung hervor:

Screenshot Unterlassungsaufforderung

Wie bereits erwähnt, liegt uns genug Material vor, um die Vorwürfe vollumfänglich zu widerlegen.

Ich möchte ausdrücklich festhalten, dass es mir nicht um eine Zensur-Debatte geht. Im Rahmen der deutschen Rechtssprechung hat jeder die Möglichkeit, seine Ehre zu verteidigen und gegen (aus seiner Sicht) Falschbehauptungen juristisch vorzugehen. Dass die Jehovas Zeugen K.d.ö.R. ihr Recht wahrnehmen, kann man ihr nicht vorwerfen.

Gleichwohl handelt es sich hier meines Erachtens um einen plumpen Einschüchterungsversuch, Teil einer großangelegten Strategie, Kritikerinnen und Aussteigerinnen mundtot zu machen. Dazu gehörte in der Vergangenheit auch das öffentliche Diffamieren und Pathologisieren von kritischen Ex-Zeugen Jehovas als “geistig krank”. Persönlich sehe ich große Parallelen zur “Fair Game Policy” von Scientology:

“The purpose of the suit is to harass and discourage rather than to win. The law can be used easily to harass, and enough harassment on somebody who is simply on the thin edge anyway, well knowing that he is not authorized, will generally be sufficient to cause his professional decease. If possible, of course, ruin him utterly.” (Quelle)

Ich danke meinem Verlag Rowohlt, meiner Lektorin und der Justiziarin des Verlags, dass sie sich nicht einschüchtern lassen und bereit sind, diesen Weg mit mir zu gehen und mein Buch “Goodbye, Jehova!” zu verteidigen. Ich bedanke mich auch bei allen Ex-Zeuginnen und Zeugen Jehovas, die ihre Bereitschaft zur Unterstützung erklärt haben.

Wir sehen einem Prozess gelassen entgegen.

Misha Verollet, Wien, im Januar 2018, Autor von “Goodbye, Jehova!”