Religionen sind Teil des Problems

Natürlich sind Religionen Teil des Problems.

Menschen, die sich christlich positionieren, berufen sich auf ihren Glauben, wenn sie Homosexuelle, Frauen oder Muslime diskriminieren, und sie können Zitate aus ihrem Buch vorweisen, die ihren Standpunkt legitimieren.

Menschen, die sich muslimisch positionieren, berufen sich auf ihren Glauben, wenn sie andere mit in den Tod reißen, und sie können Zitate aus ihrem Buch vorweisen, die ihren Standpunkt legitimieren.

Menschen, die sich jüdisch positionieren, berufen sich auf ihren Glauben, um in Flugzeugen nicht neben Frauen sitzen zu müssen, und sie können Zitate aus ihren Büchern vorweisen, die ihren Standpunkt legitimieren.

Und in allen Glaubensrichtungen gibt es (zum Glück) eine Mehrheit, die sich distanziert und abgrenzt und die Fanatiker als radikale Christen oder Islamisten bezeichnet, ihnen Rosinenpickerei vorwirft und ihrerseits Zitate anführt, die zeigen, dass das alles nur eine Fehlinterpretation ist. Das ist löblich, aber unterm Strich auch nur Rosinenpickerei. Unterm Strich steht da Aussage gegen Aussage, ein Zitat gegen das andere aus Märchenbüchern, die für Milliarden von Menschen Glaubensgrundlage sind.
Wir reden über Bücher, die weitestgehend Überlieferungen ohne verlässliche Quellen sind. Wir haben in Deutschland die StVO, den TÜV, alles ist bis ins Detail geregelt, aber Bücher, von denen niemand sagen kann, wer sie wirklich verfasst hat und ob sie überhaupt richtig überliefert wurden, dienen einer Mehrheit als Lebens- und Glaubensgrundlage. Kannste dir nicht ausdenken.

Wenn in der Glaubensgrundlage mindestens missverständliche Passagen zu finden sind, auf die sich Menschen in der Ausübung ihrer Verbrechen berufen können, dann ist Religion Teil des Problems.

Vielleicht entspringen die Taten und Äußerungen einer anderen Motivation — Radikalität ist die Summe vieler Teile — , aber wenn diese Motivation Legitimation in den Aspekten einer Religion findet, dann ist Religion Teil des Problems.

Religiöser Terror ist nicht nur eine Bombe. Religiöser Terror beginnt im Alltag mit der Unterdrückung der Frau, der Verfolgung Homosexueller, der Manipulation Einzelner mit Weltuntergangsszenarien. All diesen Dingen schauen wir als Gesellschaft unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit tatenlos zu. Mindestens drücken wir viel zu oft anderthalb Augen zu. Keinem anderen ideologischen Konstrukt würden wir das durchgehen lassen. Was den Umgang mit Religion angeht, befinden wir uns gefühlt noch vor der Aufklärung.

Klar, wenn die überwältigende Mehrheit der Milliarden von gläubigen Menschen die — humanistisch betrachtet — richtigen Passagen bevorzugt und Radikalität ablehnt, dann ist das a) begrüßenswert, b) verdammt großes Glück für die Welt und c) ein recht eindeutiges Indiz, dass es inhuman und falsch ist, die Mehrheit der Gläubigen in Sippenhaft zu nehmen für die Taten einzelner Radikaler. Und deswegen ist der rechtsextremen Hetze von Pegida, AfD, NPD und CSU entschieden und mit aller Macht entgegenzutreten. Ein Hashtag wie #StopIslam ist beschämend.

Zumal alle Buchreligionen noch einmal unterschiedliche Strömungen unter sich vereinen, mit unterschiedlichen Interpretationen und Ausrichtungen. Das macht es für uns Außenstehende zur Pflicht, zu differenzieren und nicht eine Glaubensrichtung pauschal für Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen, die in ihrem Namen geschehen. Weder können liberale Protestanten etwas für faschistoide Evangelikale, noch können gemäßigte Muslime etwas für die Auswüchse des Salafismus — die Forderung nach Distanzierung ist genauso wenig zielführend, wie ein #PrayForBrussels-Hashtag. Gleichzeitig macht es aber umso deutlicher, wie tief das Problem eben in den Religionen verwurzelt ist. Wenn die gleiche Grundlage zu solch extrem unterschiedlichen Deutungen führen kann, dann ist die Grundlage mangelhaft. “Exegese” ist eine Erklärung, aber keine Absolution für Religionen.

Religionsfreiheit entbindet Religionen nicht von ihrer Verantwortung, sich Kritik auszusetzen und sich gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen. Niemals darf es andersherum sein. Es ist fatal, gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass Religion nicht das Problem ist. Ohnehin ist es blanker Wahnsinn, dass wir im Jahr 2016 Religionen noch immer derart hofieren. Niemand würde einer Gemeinschaft solche Ausnahmen und Sonderregeln einräumen, die sich auf Harry Potter oder die Märchen der Brüder Grimm als Glaubensgrundlage beruft. Warum tun wir es dann mit den Buchreligionen?

Fakt ist: Die Rechten liegen völlig daneben, wenn sie gegen die friedliche Mehrheit religiöser Menschen hetzen (vor allem auf Grundlage einer eigenen religiösen Anschauung). Glaubensfreiheit ist Menschenrecht und die große Mehrheit aller Gläubigen ist friedlich.

Fakt ist aber auch: Wir Linken machen einen großen Fehler, die Kritik an Religionen den Rechten zu überlassen.

Eine demokratische Gesellschaft muss institutionalisierten Religionen kritisch gegenüberstehen, die Minderheiten diskriminieren. Europa hat immer gelitten, wenn Religionen zu viel Macht hatten, und noch immer leiden Menschen in Europa, weil Religionen noch immer viel zu viel Macht und (staatlich legitimierten) Einfluss haben. Es gibt eine ziemlich direkte Verbindung zwischen dem aktuellen Terror in Belgien und der Hofierung des Wahhabismus. In den Vereinigten Staaten untergräbt die christliche Rechte die Judikative. Und in Deutschland wird die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften noch immer christlich begründet.

Glauben ist etwas Menschliches. Man muss es nicht verstehen oder gutheißen, aber die private Ausübung eines Glaubens ist genauso zu respektieren, wie jedes andere Hobby, das man befremdlich finden mag. Es ist sogar die Aufgabe der Gesellschaft, Gläubige vor Diskriminierung durch Anders- und Nichtgläubige zu schützen. Aber das gilt vice versa genauso.

Auf öffentlicher Ebene ist es aber überfällig, dass institutionalisierte Religion von der Gesellschaft in die Schranken gewiesen wird. Das Grundgesetz und humanistische Werte sollten immer über den archaischen Denkmodellen antiker Religionen stehen. Eine weltoffene, fortschrittliche Gesellschaft sollte Menschen das Recht garantieren, ihren Glauben friedlich — in angemessenem Rahmen auch öffentlich — ausüben zu können und sie sollte Sorge tragen, dass die Freiheiten dieses Glaubens dort enden, wo die Freiheiten anderer Menschen tangiert werden.

Diese Grenzen ziehen können wir aber nur, wenn wir als Gesellschaft endlich einsehen, dass Religionen Teil des Problems sind. Alles andere ist naiv und fahrlässig.

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.