ferner folgend
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Die Kolumne von Bascha Solo

Photo by Pablo García Saldaña on Unsplash

Vor ein paar Tagen gab es bei Sascha Lobo eine Anleitung, wie man seinen ganz persönlichen Rechtsruck hinkriegt. Als ich das las, fragte ich mich, ob der Text nicht genausogut funktionieren würde, wenn man die Wörter rechts und links austauscht. Ich probierte es, und tatsächlich: man braucht nur noch winzige Anpassungen an ein paar Stellen, und es entsteht eine Kolumne von Bascha Solo, einer Art deutschem Rush Limbaugh.

(Ich lasse den Link hier stehen, bis die erste Abmahnung eintrifft. Danach muss die Beschreibung des Algorithmus’ reichen, so dass man sich den Text selber herstellen kann.)

Ich habe dieses Experiment wegen eines Buches gemacht, das ich hier schon erwähnt habe, und das mein politisches Denken verändert hat wie kein anderes: The Righteous Mind von dem Sozialpsychologen Jonathan Haidt. In langen Reihen von Interviews haben Haidt und seine Kollegen herausgefunden, dass Menschen über fünf moralische Grundsensoren zu verfügen scheinen. Bei unterschiedlichen Menschen sind sie unterschiedlich empfindlich, und aus dieser Empfindlichkeit lässt sich mit bemerkenswerter Genauigkeit vorhersagen, ob jemand politisch eher rechts oder links eingestellt ist.

Die fünf Sensoren sind: Mitgefühl, Gerechtigkeit, Loyalität, Autorität, Reinheit. Bei Menschen auf der linken Seite des Spektrums sind die ersten beiden Sensoren besonders ausgepägt, das Mitgefühl für andere (man sagt auch Solidarität dazu) und der Sinn für Gerechtigkeit (im Sinne von Chancengleichheit). Die anderen drei Sensoren sind deutlich schwächer. Bei Menschen von rechts sind dagegen alle fünf Sensoren gleich empfindlich.

Die Empfindlichkeit der Sensoren hält Haidt zum Teil für angeboren, zu einem anderen, größeren Teil durch die Lebensumstände bestimmt. Das Modell erklärt nicht nur, warum Menschen trotz aller Argumente störrisch auf verschiedenen Seiten des Spektrums verharren, sondern auch, warum sich die Seiten so schlecht verständlich machen können.

Für links empfindende Menschen sind Menschen auf der rechten Seite in einem vagen Sinne merkwürdig, unverständlich, wenn nicht böse, denn sie haben zu einem wesentlichen Teil der moralischen Empfindungen dieser Menschen keinen Zugang. Sie sind gewissermaßen taub auf diesen Kanälen. Rechts empfindende Menschen können die Anliegen der linken Seite dagegen durchaus verstehen, denn ihre Sensoren sprechen darauf an. Sie finden diese Anliegen aber merkwürdig theoretisch, unganzheitlich, wenn nicht unmoralisch.

Das Modell erklärt auch, warum Rechte oft die besseren Wahlkämpfer sind. Sie können auf einer breiteren Klaviatur menschlicher Empfindungen spielen. Sie ziehen Register, die Linke merkwürdig, lachhaft oder gefährlich finden, aber sie stoßen damit bei vielen auf eine starke emotionale Resonanz.

Jonathan Haidt betrachtet sich selber als politisch eher links stehend, so wie übrigens auch der Autor dieser Zeilen. Meine Werte für die Sensoren drei bis fünf sind sogar für einen linken Menschen ungewöhnlich niedrig. (Die Fragebögen für Haidts Modelle sind alle im Netz, aber man darf sie aus Europa nicht aufrufen, wegen DSGVO.)

Links, so Haidt, ist aber nicht besser als rechts. Er hält Fortschrittlichkeit und Konservatismus für Kräfte, die sich gegenseitig bedingen und aufeinander angewiesen sind. Sie sind beide nötig für die Entwicklung kooperativer Gemeinschaften.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das rechts-linke Geschrei dafür auch so nötig ist.

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André Spiegel

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