Klinikum rechts der Isar München

Klinikum rechts der Isar setzt bei Studie zur „Verbesserung der postoperativen Anästhesie-Visite” auf FileMaker

Wie kann die postoperative Anästhesie-Visite verbessert werden, damit mögliche Komplikationen schneller erkannt und früher behandelt werden können? Ein spezieller Fragebogen — entwickelt vom Forscherteam um Dr. Bettina Jungwirth vom Klinikum rechts der Isar, zeigte — als maßgeschneiderte FileMaker-App konzipiert — hier Vorteile, gegenüber der herkömmlichen Anästhesie-Visite.

Jedes Jahr sterben in Deutschland mehr als 40.000 Patienten an den Folgen einer Operation mit Narkose. Nach der EUSOS Studie (Lancet 2012) versterben 78% von allen operierten Patienten (mit Ausnahme der herzchirurgisch operierten Patienten) auf der Normalstation ohne postoperative intensivmedizinische Behandlung. Diese Zahlen gaben der Klinik für Anästhesiologie am Klinikum rechts der Isar (MRI) in München Anlass, in einer Studie wissenschaftlich zu untersuchen, ob es mithilfe eines speziell entwickelten strukturierten Fragebogens schneller möglich sei, Risiko-Patienten herauszufiltern, die nach der Operation eine intensivere medizinische Betreuung benötigen, als das allein mit einer unstrukturierten postoperativen Befragung der Fall sei. Hier erwies sich der iPad-gestützte strukturierte Fragebogen tatsächlich als sehr probat und vor allem schnell.

FileMaker hat sich als eine sehr praktikable Plattform erwiesen, um die Durchführung der strukturierten Fragebögen zu realisieren.
— Armin Podtschaske, Anästhesist im Team der Klinik für Anästhesiologie am Klinikum rechts der Isar (MRI) in München

Papierfragebögen nicht mehr zeitgemäß

Armin Podtschaske ist Anästhesist im Team der Klinik für Anästhesiologie am Klinikum rechts der Isar (MRI) in München und einer von über 120 Ärzten sowie über 50 Schwestern und Pflegern dieser Fachabteilung. Pro Jahr werden hier mehr als 45.000 Anästhesie-Leistungen, davon etwa 30.000 Operationen mit Narkose durchgeführt und betreut. Neben seiner Ausbildung zum Facharzt, verfügt Podtschaske, durch eine zusätzliche Ausbildung zum Elektroningenieur, über weitreichende technische Kenntnisse. Deshalb ist er neben seinen medizinischen Aufgaben auch mit Softwareentwicklungen sowie der elektronischen Dienstplaneinteilung am MRI betraut. „Bereits im Oktober 2011 kam die Forschergruppe um Frau Dr. Jungwirth auf mich zu und fragte mich, wie die strukturierte Befragung von Patienten im Rahmen der oben genannten Studie technisch optimal durchgeführt werden könnte.” In der Überlegung war zunächst, die Patienten mit Fragebögen aus Papier zu befragen, da die Patienten — kurz nach der Operation– oft noch nicht aufstehen können und viele Patienten deshalb auf den jeweiligen Stationen besucht werden müssen. Diese Befragungsmethode mit Hilfe von Zettel und Stift entpuppte sich aber schnell als umständlich und unwirtschaftlich. Denn die Daten müssen hier erst auf Papier festgehalten werden, um sie anschließend zur Auswertung erneut in den Rechner einzutippen. „Das dauert deutlich zu lange, ist fehleranfällig, bindet zu viel Personal und ist somit schlichtweg zu teuer”, betont Podtschaske.

Mobile elektronische Lösung als Alternative

Schnell war klar, dass hier eine Lösung benötigt wird, die eine mobile Anwendung auf elektronischer Basis möglich macht. Optimal erschien eine maßgeschneiderte App mit der eine individuelle Lösung für die spezielle Aufgabenstellung der Studie gefunden werden kann. „Als passionierter Apple-Fan hab ich hier gleich an die FileMaker Plattform gedacht”, erklärt Podtschaske. „Da ich aber mit FileMaker bislang noch keine Erfahrungen gemacht hatte, habe ich eine entsprechende Schulung besucht, die mich dann überzeugte, die Apple-Software zur Durchführung der Studie einzusetzen”.

Den strukturierten Fragebogen beantworten die Patienten nach der OP am iPad

iPad und maßgeschneiderte App auf Basis der FileMaker-Plattform

So wurden vom MRI insgesamt vier iPads angeschafft plus die entsprechenden Lizenzen für FileMaker und die Mobilversion FileMaker Go. „In den anschließenden zwei Jahren habe ich dann die Software — neben meinen anderen Aufgaben — passgenau programmiert, so dass sie selbstverständlich unter Berücksichtigung datenschutzrechtlicher Auflagen für die Studie eingesetzt werden konnte”, erklärt der Münchner Anästhesist. Wichtig war, dass die iPads „stand-alone” — also offline genutzt werden konnten, da das MRI über kein flächendeckendes WLAN verfügt. „In der konkreten Umsetzung wurden dann erst die Patientendaten aus dem KIS auf einen stationär verfügbaren Mac mini übertragen, dort anonymisiert und anschließend auf die iPads mit dem strukturierten Fragebögen gespielt”, erklärt Podtschaske. „Am Ende der Befragung wurden dann die Antworten wieder auf dem Mac mini gespeichert und die Pateientendaten wieder vom iPad gelöscht.” Um Wegezeiten der Anästhesisten bei der Befragung zu reduzieren und damit ökonomischer arbeiten zu können, wurde zusätzlich noch eine Liste der für die Ambulanz eingeteilten Anästhesisten aus dem Dienstplanungsprogramm auf den Mac mini geschrieben. „So konnte jedem Anästhesisten automatisch eine Anzahl von Patienten zugeteilt werden, deren Stationen nah beieinander liegen”, betont Podtschaske.

Befragung per iPad besonders schnell

Insgesamt 918 frisch operierte Patienten wurden von 2013 bis 2015 für die Studie mit dem strukturierten Fragebogen per iPad befragt. „Neun Fragen wurden hier gestellt, die die Patienten nach dem Grad ihrer Betroffenheit beantworten sollten”, erklärt Podtschaske, „Beispiel für eine Frage ist z.B.: „Ich konnte nach der Operation gut durchatmen — überhaupt nicht, manchmal oder die meiste Zeit oder Ich hatte Kopf-, Rücken- und Muskelschmerzen — überhaupt nicht, manchmal oder die meiste Zeit.” In der Regel konnten die Patienten das iPad gut selbständig bedienen und die Fragen innerhalb von zwei Minuten ohne fremde Hilfe beantworten. Eine herkömmliche postoperative Befragung durch einen Arzt dauert mit über 20 Fragen dagegen rund 15 Minuten, in denen der Arzt exklusiv mit dem jeweiligen Patienten beschäftigt ist. „In der Praxis wäre eine solche Anamnese zwar wünschenswert, aber zu personal- und kostenintensiv”, weiß Podtschaske. „Der strukturierte Fragebogen, den die Patienten in der Regel selbständig ausfüllen, zeigte sich, als mögliche Alternative dazu, in der Studie zeitlich und vom Personaleinsatz her überlegen.”

Strukturierter Fragebogen in der Studie etwas genauer

Bei der Auswertung der Fragebögen gab es außerdem deutliche Hinweise darauf, dass krankhafte Befunde und Komplikationen nach Operationen relativ häufig auftreten. Etwa ein Viertel der chirurgischen Patienten zeigten eine Anomalie in ihrem Gesundheitszustand. Das unterstreicht, wie wichtig postoperative Anästhesie-Visiten grundsätzlich sind. „In der Praxis werden solche Visiten aber bislang nur dann durchgeführt, wenn deutliche Anzeichen für Anomalien bestehen bzw. Patienten über Probleme nach der Operation klagen”, weiß Podtschaske. „Dabei kann es passieren, dass manche Probleme nicht oder zu spät erkannt werden.” Der computerunterstützte strukturierte Fragebogen in der Studie erwies sich gegenüber dem kostenintensiven Instrument der persönlichen postoperativen Befragung durch den Arzt in der Aussagekraft zwar als nahezu gleichwertig, zeigte jedoch bessere Werte in Bezug auf die Sensitivität. „Demnach lassen sich mit dem strukturierten Fragebogen Patienten, die ein sehr geringes Risiko für postoperative Komplikationen haben, etwas genauer und vor allem schneller und kostengünstiger herausfiltern, als das mit einer unstrukturierten postoperativen Befragung durch den Arzt der Fall ist”, verdeutlicht Podtschaske. „Unnötige und teure zusätzliche körperliche und apparative Untersuchungen könnten damit oftmals vermieden werden.” FileMaker hat sich hierbei als eine sehr praktikable Plattform erwiesen.