Der Jindai-ji

Ein Tempelbesuch abseits der Touristenströme

Unzählige schöne Tempel und Schreine gibt es in Tokyo zu besichtigen: angefangen beim grossen und eindrücklichen Meiji Schrein (明治神宮 = めいじじんぐう = meiji-jingou), welcher zu Ehren des Meiji Kaisers und seiner Frau im Jahre 1920 errichtet wurde, bis zum ältesten und bedeutungsvollen Sensoji Tempel (浅草寺 = せんそうじ = sensou-ji) in Asakusa, dessen Anfänge zurück ins Jahr 645 datieren.

Zwei Bäume aus einer Wurzel — ein Symbol für die Zweisamkeit beim Meiji Schrein

Wer im Gegensatz zu den gut besuchten oder gar stark überlaufenen Tempeln und Schreine in Tokyo etwas kleineres und ruhigeres sucht, dem bietet sich ein Besuch des Jindai-ji (深大寺 = じんだいじ = tiefer, grosser Tempel) besonders an. Jindai ist der Name des Tempels, ji bedeutet auf Japanisch Tempel. Die kurzweilige Bahn- und Busfahrt (beispielsweise von Shibuya Station per Bahn über Tsutsujigaoka Station und mit dem Bus Nr. 21 nach Jindaiji Bus Stop) führt in die westliche Region Tokyo. Je weiter Shibuya im Rücken liegt, umso drastischer nehmen die grossstädtische Hektik und die geballten Menschenmengen aus der Innenstadt ab. Aus dem Busfenster sind zunehmend weitläufigere Grünflächen zu erkennen und ländliche Szenen zu erspähen. Die letzten Minuten der Busfahrt führen durch einen dichten Wald, bevor der Bus beim Eingang des Tempelgeländes hält. Das Gelände umfasst mehrere Tempelgebäude, Eingangspforten, eine grosse eiserne Tempelglocke und viel Natur. Es lädt den Besucher ein, durch die ruhige Tempelanlage zu spazieren und immer wieder innezuhalten. Wer als Souvenir von Japan — wie die japanischen Pilger — ein Tempelbüchlein Goshuinchou (ごしゅいんちょう = 御朱印帳) besitzt, kann sich beim Jindai-ji den roten Stempel des Tempels und den Namen, das Datum und oft auch noch einen Spruch in Kalligraphieschrift in sein eigenes Tempelbuch eintragen lassen.

Festliche Zeremonie beim Jindai-ji / ein Mönch beschriftet eines der vielen Tempelbüchlein von den Besuchern des Jindai-ji

Die Anfänge des Jindai-ji reichen zurück ins Jahr 733. Alles deutet darauf hin, dass es sich nach dem Senjoji in Asakusa um den zweitältesten Tempel Tokyo handelt. Eine Legende erzählt, dass der Name des Tempels vom Wassergott Jinja Daio stammt, zu welchem der Vater des Gründers des Tempels betete, um sich mit der von ihm geliebten Frau vereinen zu können. Deren Eltern, welche gegen einen solchen Zusammenschluss waren, verbannten sie kurzerhand auf eine Insel. Als Antwort auf das Gebet sandte der Wassergott Jinja Daio dem jungen Mann eine Schildkröte, auf deren Rücken er bis zur Insel und somit zu seiner Geliebten reiten konnte. Dort lebten die beiden glücklich zusammen. Beeindruckt von diesem Wunder liessen die Eltern der jungen Frau das junge Paar nun gewähren. Zum Dank an den Wassergott Jinja Daio erbaute der Sohn des glücklichen Eroberers den Jindai-ji.

Übersichtskarte für die Tempelanlage

Die ländliche Gegend um den Jindai-ji, welche reich an natürlichen Wasserquellen ist, eigenete sich seit jeher für den Anbau von Weizen. Aus diesem Grund wurde die Region bekannt für ihre Soba (そば = 蕎麦Weizennudeln). Noch heute ist das Soba-Gericht die traditionelle Speise in den Restaurants, welche den Tempel umgeben.

Wer nach dem Mittagessen noch Lust und Zeit hat, sollte den an die Tempelanlage grenzenden botanischen Garten auf jeden Fall besuchen. Die Gartenanlage erstreckt sich über 400'000 Quadratmeter und umfasst unter anderem einen einmaligen Rosengarten, Kirsch- und Camelienbäume aber auch einen japanischen Gartenteil.

Botanischer Garten Jindai — Rosengarten im Mai

Zur Stärkung am Nachmittag laden die kleinen Läden beim Tempel ein, welche über die Theke unterschiedliche Manju (まんじゅう = 饅頭) anbieten. Die gedämpften Küchlein sind mit einer süssen Paste aus roten Bohnen gefüllt. Auf den einladenden Bänken neben dem kleinen, idyllischen Bächlein (gleich gegenüber der Läden) wird die Süssigkeit verspeist. Der Grüntee darf man sich umsonst aus einer Kanne giessen.

Die Bänke laden zum Verweilen ein — dazu passteine japanische Süssigkeit mit einer Tasse Grüntee

Wer den Tag mit den unzähligen Einrücken im Jindai-ji auf eine japanische Art ausklingen lassen möchte, findet in unmittelbarer Nähe ein kleines Onsen (温泉 = おんせん = heisse Quelle) namens Yumori no sato. Das kleine Badehaus bietet dem Besucher vor der Rückkehr nach Tokyo die Möglichkeit, in ein traditionelles, heisses Bad zu steigen.