Der Tsukiji Fischmarkt

Wo Tokyos Thunfisch versteigert wird

Tsukiji ist einer der grössten Fischmarkte der Welt.

Der Tsukiji Markt (築地 市場) und vor allem die Thunfisch-Auktion zur frühen Morgenstunde hat sich längst als eine Touristenattraktion in Tokyo herumgesprochen. Auch wir wollten diesen historischen Ort auskundschaften und packten die Gelegenheit, diese Freinacht mit Freunden zu verbringen, welche gerade ihre Ferien in Japan verbrachten.

Die Geschichte des Fischmarktes in Tokyo reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. 1603 verliess der Shogun Tokugawa Ieyasu (Shogun ist ein japanischer Feldherr) die damalige Hauptstadt Kyoto und kam nach Edo (heutiges Tokyo), um ausser Reichweite des Kaisers, welcher politisch eher unbedeutend war, agieren zu können. Tokugawa liess Fischermänner in die noch unbesiedelte Stadt kommen, welche den Edo Palast mit Fischen belieferten. Alles, was nicht am Palast konsumiert wurde, durften die Fischer in der Nähe der Nihonbashi Brücke verkaufen. Dies war der Anfang des Fischmarktes in Tokyo, welcher sich durch die rasche Zunahme der Einwohner in Edo sehr schnell vergrösserte.

Fischmarkt Nihonbashi zur Edo Zeit (Quelle: https://ukiyo-e.org/image/etm/0191210153).

Das grosse Kanto-Erdbeben von 1923 zerstörte den etablierten Markt von Nihonbashi fast komplett und er wurde ins Stadtviertel Tsukiji verlegt, ein vorteilhaftes Gebiet aufgrund des nahegelegenen Sumidagawa Flusses und der Tokyo Bucht. 1935 wurde der heutige Markt eröffnet. An den Gebäuden und Markständen wie auch der Ausstattung hat sich seither kaum etwas verändert.

Die Stände des äusseren Fischmarktes sind Zeitzeugen von 1935.

Der Tsukiji Markt wird bezogen auf das Transaktionsvolumen von Meeresfrüchten als einer der grössten Märkte der Welt bezeichnet. Im 2013 wurden hier täglich 1,779 Tonnen Fisch und Meeresfrüchte und 1,142 Tonnen Gemüse, Früchte und Hühnereier verkauft. Der Markt umfasst einen inneren und einen äusseren Teil. Der innere Markt ist ausschliesslich für Grosshandelstransaktionen ausgerichtet und ist nur für Fachleute zugänglich. Es sind beispielsweise Lieferanten von Warenhäusern oder grossen Restaurantketten oder auch Zwischenhändler, welche dort den Fisch kaufen. Fast täglich um 5:25 findet im inneren Markt die Thunfisch-Auktion von ungefähr 1000 Thunfischen statt. Der äussere Markt ist für den Einzelhandel und Touristen ausgerichtet. Hier können kleinere Einkäufe betätigt werden und es wird auch weit mehr als nur Fisch verkauft. Im Sortiment findet man auch weitere Lebensmittel, aber auch Küchenutensilien (geflochtene Gefässe) und Küchenmesser.

Zur bekannten Thunfisch-Auktion im inneren Markt sind täglich nur 120 Besucher zugelassen. Eintritt erhalten Nachtvögel, welche sich frühzeitig vor Ort einfinden. Da die letzte Metro um ca. 1h nachts ankommt, sind wir bereits gegen 1:30h beim Fischmarkt. Bei der Informationsstelle herrscht noch gähnende Leere. Der uniformierte Angestellte hinter dem Schalter empfiehlt uns, um 2h wieder zu kommen und wir reihen uns 30 Minuten später hinter den ersten 25 Personen ein.

Die ersten Besucher vor dem Informationszentrum, 2h nachts.

Neben dem Schalter befindet sich gleich die Zufahrt zum inneren Fischmarkt. Es herrscht Hochbetrieb um 2h nachts. Ich könnte dem bunten Treiben stundenlange zuschauen: Zwischen den grossen Lastwagen, welche ein- und ausfahren, flitzen die Arbeiter und Arbeiterinnen mit dem Fahrrad, dem Motorrad, dem Auto oder einem speziellen, kleinen Ein-Mann-Gefährt für das Fischmarktgelände an uns vorbei. Der uniformierte Wächter grüsst die ankommenden Arbeiterinnen und Arbeiter freundlich und lässt sich gerne auf einen kurzen Schwatz mit ihnen ein.

Nebst der Kontrolle der Zufahrtsstrasse hält der Nachtwächter die Touristen im Zaun, 2h nachts.

Sage und schreibe 60'000 Arbeiter und Arbeiterinnen sind auf dem Tsukiji Markt beschäftigt! Sobald sich die 120 Besucher vor dem Schalter eingereiht haben, werden wir in einen Warteraum gepfercht. Die ersten 60 Besucher erhalten eine grüne, die restlichen 60 Besucher eine blaue Weste. Diese soll uns im Inneren des Marktes als Besucher kennzeichnen. Es ist ca. 2:30h — nun beginnt das lange Warten bis 5:20h. Niemand weiss, was nun passieren wird. Werden wir nun wirklich die nächsten drei Stunden hier verbringen? Der Warteraum ist äusserst klein berechnet, hat keine Stühle oder Bänke. Wir sitzen auf dem Boden und versuchen, in allen möglichen Sitzpositionen (der Platz ist sehr begrenzt) zu schlafen. Um 4h werden wir dann von einer Stimme überrascht: Ein Thunfisch-Bieter betritt den Raum, stellt sich vor und beginnt in einem sehr guten Englisch von seiner Arbeit zu erzählen.

Erzählungen aus erster Hand: ein Thunfisch-Bieter in Tsukiji.

Seit 20 Jahren arbeitet er in einer Firma, welche Thunfisch an Läden und Restaurants verkauft. Er kommt fast täglich um 4h zum Fischmarkt mit dem Auftrag, möglichst guten Thunfisch zu einem guten Preis zu ersteigern. Die Qualität des Fisches wird anhand der Farbe, der Konsistenz, des Geruches und des Aussehens überprüft. Dazu werden die Fische von blosser Hand berührt (so wird der Fettgehalt des Fisches abgeschätzt), mit einer Taschenlampe genau inspiziert und mit einem kleinen Holz-Eisen-Stöcklein abgeklopft. Ein Handwerk, das sehr viel Knowhow und Erfahrung erfordert. Dass dieser Mann seine Arbeit mit viel Leidenschaft und Hingabe ausführt, ist in seinen fröhlich funkelnden Augen sichtbar. Den täglichen Strapazen dieser harten Knochenarbeit begegnet er mit viel Witz und Humor.

Dann ist es endlich soweit: 5:20h und wir werden durch den inneren Markt zu einem der Auktionshäusern geschleust. Wir müssen aufpassen wie “Häftlimacher”, um nicht unter die Räder eines Gefährts zu kommen. Diese kurven in hohem Tempo durch die kleinen Strassen des Fischmarktes.

Die Touristen sind verständlicherweise für viele Arbeiter und Arbeiterinnen des Marktes eine Plage: Sie stehen dort, wo sie nicht stehen sollten, erzeugen Stau und die ganz freche Sorte berührt alles, was es zu berühren gibt. Der spürbar raue Umgang mit den Touristen ist absolut verständlich.

Die Qualität des Thunfisches wird ganz genau untersucht. Mit den Fingern wird der Fettgehalt des Fleisches überprüft.

In der Auktionshalle beobachten wir, wie die Bietenden die ausgestellten Thunfische begutachten und die Qualität der Fische überprüfen. Es herrscht dabei eine ausgelassene Stimmung: die Bietenden plaudern und lachen zusammen. Es handelt sich bei dieser Auktion um tiefgefrorene Thunfische, welche meist vor einem Jahr gefangen und bei minus 60 Grad gekühlt wurden. Im Schnitt bezahlen die Bieter pro Kilogramm Thunfisch zwischen 3'000 und 6'000 Yen, etwas weniger als für frischen Thunfisch.

Das Glockengeläut ist dann das Zeichen für die Auktion: Jetzt geht’s los! Während der Mann mit der Glocke die Nummern der Thunfische ausruft, zeigen die Bieter ganz diskret mit ihren Fingern, wie viel sie bieten. Der Meistbietende wird notiert und schon kommt der nächste Fisch an die Reihe. In nur wenigen Minuten ist die Auktion schon vorbei!

Die Glocke läutet den Anfang der Auktion ein. Die Bieter untersuchen nochmals das Fleisch der Fische.

5:50h: Knapp 30 Minuten hat unsere Zeit in der Auktionshalle gedauert. Und dann werden wir wieder durch die kleinen Gässchen zurück zum Informationszenter geschleust. Es herrscht Hochbetrieb auf dem Markt, nichts steht still.

Wir werden durch die alten Marktgebäude aus dem Jahre 1935 zurück geführt.

Nach einer langen Nacht ohne Schlaf geben wir beeindruckt unsere grüne Besucherweste ab. Dass an diesem historischen Ort unter einfachster Infrastruktur einer der grössten Fischmärkte der Welt funktioniert, ist fast undenkbar. Die komplexen Abläufe im inneren wie auch äusseren Markt erfordern ein genaues, effizientes und verantwortungsvolles Handeln aller Beteiligten. Die rasche und saubere Verarbeitung hat zur Folge, dass es nirgends unangenehm nach Fisch stinkt, trotz der unglaublichen Grösse des Marktes. Die Stimmung auf dem Gelände ist konzentriert, geschäftigt und unter den Mitarbeitenden sehr freundlich und kollegial. Während Tokyo noch schläft, werden hier unter rosa gefärbtem Morgenhimmel täglich grosse Geschäfte abgewickelt. Beeindruckend ist auch die sichtbare Menge von Fischen und die wuchtigen Fischkörper mit einer Länge von bis zu 1,5 Metern. Wie bei allen Nahrungsmitteln schärfen Kenntnisse über das Produkt das Bewusstsein des Konsumenten. Gerade beim Thunfisch ist ja die Problematik der Überfischung der Meere wie auch der hohe Konsum von Thunfisch gerade in Japan eine bekannte Thematik. Nichtsdestotrotz haben wir uns um 6:30h vor dem Heimweg in einem der winzigen Sushirestaurants ein kleines exzellentes Frühstück genehmigt, bevor wir in der überfüllten Metro Tokyos wie in einer Sardinenbüchse nach Hause fuhren.

Frisch zubereitet: unser Frühstück nach dem Besuch auf dem Tsukiji Markt.
One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.