Kindergartenbesuche in Japan

Eine etwas komplizierte Angelegenheit

Besichtigung des Fuji Kindergartens Tachikawa

Als Kindergärtnerin mit Leib und Seele und meinem psychologisch-pädagogischen Hintergrund interessiere ich mich speziell für die Bildung und Erziehung der Kleinsten im Schulsystem. Den Japanaufenthalt wollte ich unbedingt als Chance nutzen, einige japanische Kindergärten zu besuchen und somit die Vorschulpädagogik Japans näher kennen zu lernen. Immer wieder wird Schule als Spiegel der Gesellschaft bezeichnet. Darüber lässt sich diskutieren. Dennoch glaube ich, dass Schulbesuche immer eine weitere Sicht auf einen Teil der Gesellschaft ermöglichen.

Die Organisation der Kindergartenbesuche stellte ich mir als relativ einfach vor. Schliesslich habe ich in der Schweiz schon viele unterschiedliche Schulen besucht: eine Anfrage bei der Lehrperson, welche ihrerseits die Schulleitung informiert — das ist alles. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst, dass dies in Japan etwas anders verläuft. Ohne formale Einladung — beispielsweise über eine Institution — oder einen sehr vertrauensvollen Kontakt ist ein Schulbesuch praktisch unmöglich oder kostet viel Beziehungsarbeit und Geduld. Bei Schulen, insbesondere bei Kindergärten, handelt es sich um einen sehr geschützten Raum, fast wie in einer Familie. Die Kinder werden im Kindergarten nicht nur unterrichtet, sondern essen da, ziehen sich für den Mittagsschlaf um, werden in den Mittagsschlaf begleitet, etc. Dass dieser intime Raum geschützt werden möchte, ist nachvollziehbar und verständlich.

Wie also sollte ich vorgehen, um die Kindergartenbesuche zu realisieren?

Einen Einblick in eine kleine Schule mitten in Tokyo gewährte mir der Besuch des Sporttages an der Schule der Tochter meiner Cousine. Nach dem Event führte mich meine Cousine ins Schulzimmer ihrer Tochter. 24 Kinder, Mädchen und Knaben, besuchen hier die 1. Klasse. Jedes Kind hat seinen eigenen Platz. An jeder Stuhllehne hängt in einem Stoffüberzug eine Schutzdecke, welche sich die Kinder bei einem Erdbeben über den Kopf ziehen müssen. Wechseln die Kinder für ein anderes Fach das Zimmer, tragen sie die Schutzdecke wie ein Rucksack mit sich mit.

Schulzimmer einer 1. Klasse in Tokyo

In diesem Schulzimmer verbringen die Kinder die meiste Zeit des Schultages. Am Mittag bringt die Küche der Schule das Essen vorbei. Drei Kinder ziehen sich dann einen weissen Kittel über und schöpfen das Mittagessen für ihre Klassenkameraden.

Wie an den meisten japanischen Schulen wird das Klassenzimmer nicht vom Putzpersonal sondern von den Kindern sauber gehalten. An jedem Pult hängen dafür zwei Putzlappen: Einer wird für das Putzen des eigenen Tisches und Stuhls verwendet, mit dem anderen wischen die Kinder den Fussboden.

Wenige Wochen nach dem Sporttag organisierte meine Cousine einen Besuch für mich in der Kinderkrippe, die ihre Kinder früher besuchten. Dem Besuch vorausgegangen war eine mühsame Übersetzungsphase meines Lebenslaufes auf Japanisch durch meine Cousine und einer weiteren Bekannte! Das ist wohl das Minimum an Formalität für einen Besuch an einer Institution. Es handelt sich dabei um eine private Kinderkrippe, welche die Kindergartenstufe beinhaltet. In Japan wird zwischen Kinderkrippe (Hoikuen = 保育園 = ほいくえん) und Kindergarten (Yochien = 幼稚園 = ようちえん) unterschieden. Wie in der Schweiz auch, bleiben immer mehr japanische Frauen nach der Geburt des Kindes berufstätig. Der japanische Kindergarten, welcher bis zirka 14 Uhr dauert, verunmöglicht es japanischen Frauen, einer Arbeit nachzugehen. Deshalb wird die ganztägige Betreuung in Kinderkrippen, welche Kinder von 3 Monaten bis zur Kindergartenstufe aufnehmen, dem traditionellen Kindergarten bevorzugt. Der Besuch in dieser Kinderkrippe war äusserst spannend für mich, weil ich nicht nur zuschauen, sondern gleich mithelfen durfte. Typisch für Japan ist, dass die Japanerinnen und Japaner nach einer anfänglichen Zurückhaltung sehr offen und gastfreundlich werden: Beim Abschied konnten sie nicht oft genug betonen, dass sie mich immer willkommen heissen werden.

Der Zufall wollte es, dass ich im September einen Professoren der Gakugei Universität Tokyo, einer Universität zur Ausbildung von Lehrpersonen, kennenlernte. Eines Tages, als ich unweit von Zuhause in einer winzigen Nudelbar beim Mittagessen sass, wurde ich von einem Japaner angesprochen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass er Professor in Pädagogik an der Gakugei Universität ist und sich für Bildungssysteme, im speziellen auch für Kindergärten, ausserhalb Japans interessiert. Noch in derselben Woche lud mich Asanuma-sensei (先生 = せんせい = Professor) in sein Büro auf dem riesen Campus der Gakugei Universität ein. Die Universität mit ihrem wunderschönen, weitläufigen, grünen Campus liegt in unmittelbarer Nähe unseres Zuhauses. Sie umfasst nebst universitären Gebäuden auch Praktika-Schulen, an denen die Studierenden ihre Praktika absolvieren.

Schulmädchen auf dem Campus der Gakugei Universität Tokyo
Auf der Suche nach einem Büro auf dem Campus der Gakugei Universität Tokyo

Im winzigen aber umso gemütlicheren Büro von Asanuma-sensei machte mich der Professor mit zwei Doktoranden der Gakugei Universität bekannt. Sie zeigten grosses Interesse für das schweizerische Bildungssystem, das ich ihnen präsentierte. Und sie staunten nicht schlecht, als ich ihnen von meiner Arbeit in Mathematikdidaktik im Vorschulbereich an der Pädagogischen Hochschule Zürich erzählte. Anhand eines Unterrichtbeispiels erklärte ich ihnen, wie wir versuchen, kindliche Spielsituationen durch geschicktes Arrangieren der Lehrperson als Lernsituation zu nutzen, um fokussiert erste mathematisch korrekte Erfahrungen zu sammeln. Einmal mehr wurde mir bewusst, wie wertvoll diese Investition in eine gut durchdachte Vorschulpädagogik ist und dass frühe Lernerfahrungen einen immensen Einfluss auf das spätere Denken haben. Als Abschluss stellte ich ihnen das Projekt “Spielzeugfreier Kindergarten” vor, welches ich vor einigen Jahren im Kindergarten durchgeführt hatte. Die Vorstellung, dass die Spielzeuge des Kindergartens drei Monate in den Ferien weilen, und ausser dem Kindergartenmobiliar, Tücher, Seile und Wäscheklammern den Kindern keine Spielsachen zur Verfügung stehen, stösst auch in der Schweiz immer wieder auf Verwunderung. Nun hier in Japan, wo das Freispiel (bis zu meinen jetzigen Kenntnissen) eher etwas kurz kommt und der Kindergartenalltag mit vorgegebenen Aktivitäten ziemlich klar strukturiert wird, ist die Idee eines solchen Projektes eine Neuheit. Meine Kollegen der Gakugei Universität, welche sich stark für reformpädagogische Ideen in der Vorschulpädagogik Japans einsetzen, waren sehr angetan von diesem Projekt. Die regelmässigen und interessanten Kontakte zu den Kollegen an der Gakugei Universität und mein frisch übersetzter japanischer Lebenslauf ermöglichen mir in den kommenden Wochen mehrere Kindergartenbesuche in privaten Institutionen wie auch im Kindergarten des Campus der Universität.

Als ich vor einigen Monaten in einem spanischen Heft zum Thema “Innovative Schulen dieser Welt” einen Artikel über den Fuji Kindergarten in Tokyo las, wusste ich: Diesen Kindergarten will ich besuchen. Kurz nach meiner Ankunft in Tokyo setzte ich mich mit dem Fuji Kindergarten in Kontakt. Wer sich die Homepage der Schule anschaut wird schnell bemerken, dass es nicht so einfach ist, einen Überblick zu gewinnen:

Screenshot von der Homepage des Fuji Kindergartens Tachikawa (http://fujikids.jp/home/)

Obwohl die Schule weit über Japan hinaus bekannt ist, ist die Homepage nur auf Japanisch. Nach anfänglichen Entzifferungsschwierigkeiten verstand ich, dass alle zwei Monate ein öffentlicher Besuchstag statt findet und ich mich über die Homepage anzumelden hatte. Diese vorgängige Anmeldung ermöglicht den Zutritt für zwei Stunden an einem Samstagvormittag in diesem einmaligen Kindergarten.

Ein wunderschöner Hebstmorgen — perfekt für einen Besuch des Fuji Kindergartens Tachikawa

Die grosse Anzahl an Interessenten, darunter Pädagogen, Architekten, Designer, aber auch Eltern mit Kindern zeigt, dass dieser Ort etwas Spezielles — ja, man könnte sagen, fast etwas Magisches — weit über Japans Landesgrenzen ausstrahlt. Das Motto des Architektenehepaars Tezuka ist an diesem Ort unmissverständlich spürbar: “If you don’t know happiness, how can you provide it to others?”

Auch wenn mich das Organisieren der Schul- und Kindergartenbesuche bis jetzt viel Zeit und Geduld gekostet hat, habe ich dadurch wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Japanerinnen und Japanern gesammelt und konnte darüber hinaus auch noch persönliche Kontakte knüpfen. Wie sagt man so schön? Der Weg ist das Ziel!

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