Produktdesign ohne Grenzen

Die Wohnung bei Tamura-san mieten wir möbliert. Und “möbliert” bedeutet natürlich, japanisch möbliert respektive für uns eher unmöbliert. Konkret heisst das, dass wir weder Stühle noch einen nach unserem Verständnis normalen Tisch besitzen. In vielen traditionellen Häusern wird auch heute noch hauptsächlich auf dem Boden gesessen und gegessen. In der Küche haben wir einen tiefen Esstisch (chabudai), an dem wir jeweils frühstücken.

Frühstück: Kaffee Kochen nach japanischer Art

Mittag essen wir eigentlich immer auswärts und abends nehmen wir gerne beim Bahnhof noch eine Nudelsuppe oder kaufen etwas kleines und lassen den Tag am “chabudai” ausklingen. Für nicht geübte Europäer können bereits wenige Minuten auf dem Boden zu einer Qual werden. Halbjapanerinnen versuchen sich anzupassen und rutschen dann durch alle möglichen Sitzpositionen, welche alle einen japanischen Namen besitzen (Japaner sagen übrigens, dass die Art zu sitzen mehr über die Person aussagt, als deren Gesprochenes. Bei Ausländern machen sie grosszügig eine Ausnahme). Betten gibt es übrigens auch keine. Stattdessen schlafen wir auf sehr bequemen Futons direkt auf dem Boden, welche jeweils samstags von Frau Tamura gereinigt werden.

Die eine oder andere kleinere Anschaffung mussten wir doch noch tätigen. Dabei ist der Gang ins Warenhaus immer ein äusserst amüsantes Erlebnis, abgesehen von den sprachlichen Verwirrungen. Was in Japan alles gekauft werden kann, übersteigt die Vorstellungskraft jedes nicht in Japan sozialisierten Wesens. In Japan findet man für alles, aber wirklich ALLES, ein Produkt. Weshalb sollen Stühle keine Socken tragen dürfen?

Pandasocken für Stuhlbeine

Und wer hat sich beim Aufs-Ohr-legen nicht schon immer gewünscht, sein Kissen hätte eine Ausbeulung für das störende Ohr?

In unserem konkreten Fall benötigten wir eine Vorrichtung, um die Wäsche aufzuhängen. Das feuchte Wetter – es regnet seit Tagen sehr häufig und stark (Typhoon-Season), sodass die Luftfeuchtigkeit bei 80–100% liegt – ist fürs Wäschetrocknen nicht gerade hilfreich. Staunend standen wir in der Abteilung der Aufhängevorrichtungen und versuchten eine Erklärung für die einzelnen Produkte zu finden:

Was in aller Welt sucht der Badmintonschläger in dieser Abteilung?

Auffallend ist die pragmatische Denkweise der Japaner. Für alles finden sie eine passende Lösung, und je ausgefallener diese ist, umso besser. Hauptsache, es ist praktisch und funktional. So erscheint es mir auf jeden Fall. Natürlich tragen die Rahmenbedingungen und der davon abhängige Lebensstil zur Entwicklung dieses vielfältigen Produktdesigns bei. Die Platzknappheit und der damit verbundene dichte Lebensraum in Tokyo haben sicher einen Einfluss auf das Design und die Funktionalität der Konsumgüter.

Nicht nur die Produkte, sondern auch ihre Anwendungen geben uns immer wieder neue Rätsel auf. So liegen am Eingang oder unter den Stühlen vieler Cafés kleine Körbchen bereit. In der Zwischenzeit habe ich auch herausgefunden, wofür diese vorgesehen sind: Taschen werden nicht einfach auf den schmutzigen Boden gestellt, sondern in diesen Körbchen neben dem eigenen Tisch aufbewahrt. Wie oft hatte ich mich schon darüber geärgert, dass ich meine Tasche auf dem schmutzigen Boden abstellen musste? Voilà, so geht das – in Japan!

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