Uber und die Freelancer-Realität
Johannes Kuhn
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Uber über Alles.

Für mich sind Uber Fahrer keine Freelancer oder Selbständige sondern eher hyperflexibilisierte Zeitarbeiter, die mit Hilfe von Uber’s Vermittlungsmaschine auf die Straße geschickt werden.

Johannes Kuhn schreibt “Am Ende ist es eine Simulation der Selbstbestimmtheit.” Wenn Uber mir also nur Flexibilität vorgaukelt, warum soll es dann als Vorbild für die Vermittlung von Arbeit, z.B. in den Arbeitsagenturen dienen?

Das System hilft mir nicht dabei, dass ich flexibel arbeiten kann. Ich muss als Gelegenheitsfahrer flexibel für das System sein. Sonst würde das System nämlich nicht mehr funktionieren. Es ist ja nicht so, dass ich als Uber Chauffeur ganz entspannt meine Touren planen kann, also “erst arbeite ich ein bisschen von zu Hause zwei Stunden und dann mache ich drei Touren.” Das wäre Flexibilität für mich als Freiberufler, Selbständigen oder was auch immer. Aber aus den verschiedenen Berichten von und über Fahrer aus den USA haben wir ja gelernt, dass von möchten und wollen in diesem Zusammenhang keine Rede sein kann- wenn man als Fahrer 12–14 Stunden braucht, um über die Runden zu kommen.

“Warum arbeiten Menschen 13 Stunden am Tag ohne sicheren Lohn oder Sozialleistungen für eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen der Welt?” fragt Will Byrne in seinem Artikel Uber-Whelmed: Real Talk for the Sharing Economy. Das ist doch die zentrale Frage in der Uber-Diskussion. Warum machen Menschen dabei mit und sind vielleicht sogar froh darüber, dass sie diese Arbeit haben? Warum setzten Investoren auf ein Arbeitsmodell, das wahrscheinlich mehr mit Ausbeutung als Selbstbestimmung zu tun hat?

Uber ist ein extrem expansives und profit-orientiertes Unternehmen. Da winken maximale Gewinne für die Investoren. Auf welcher Basis diese Gewinne erwirtschaftet werden, ist total egal. Das dumme dabei ist nur: gleichzeitig wird aufgrund der Größe und Reichweite dieses Geschäftsmodells auch ganz viel unserer Arbeitskultur- und der gesellschaftlichen Rolle eines Unternehmens mitbestimmt.
Wenn ein Unternehmen damit durchkommt, top- dann baue ich auf diesen Prinzipien gleich das nächste auf. Aus Unternehmersicht total super, für Arbeitnehmer und Freie oder hyperflexibilisierte Zeitarbeiter leider total doof.

Die Realität im Augenblick sieht aber so aus, dass die amerikanischen Ubers & Co. die einzigen einflussreichen Anbieter in diesem Bereich sind. Aus Deutschland und Europa kommen nur Unternehmen, die das amerikanische Erfolgsmodell kopieren (z.B. Wundercar). Ich finde die Diskussion um Uber und all die kritischen Kommentare sehr wichtig und lesenswert. Andererseits befürchte ich aber, dass man aus der Haltung des Kritikers relativ wenig gestalten kann. Erst wenn jemand Alternativen entwickelt, die anders als Uber arbeiten und ihre unternehmerischen Eigeninteressen mit den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter und gesellschaftlichen Verantwortung verbinden, wird sich an dieser Stelle etwas ändern.

Mir gefällt Will Byrnes Haltung dazu:

“We need to have higher expectations for companies like Uber, and we need to set higher standards for ourselves while we’re at it”. — Will Byrne

Es wäre schade, wenn dieses Ziel nur durch Verbote durchgesetzt werden kann.


P.S. Das Uber Paradox.

Früher hat E-Commerce die Mittelsmänner wie z.B. den Großhandel ausgeschaltet und im Idealfall hat der Kunde Produkte dann günstiger beziehen können. Uber, Lyft & Co handeln aber nicht mit Gütern sondern Chauffeur-Dienstleistungen, die von echten fahrenden Menschen mit ihren eigenen Autos erbracht werden.

Es ist schon fast eine Ironie des Schicksals, dass das E-Commerce Credo “Cut out the middleman” nur zwei Jahrzehnte nach seiner Blüte ad-absurdum geführt wird und Mittler gebärt, die eigentlich gar nichts zu bieten haben- außer eine technologische Infrastruktur oder Plattform, wie Sascha Lobo es in seiner Spiegel Kolumne schreibt.

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