Bundestagswahlen 2017: Nicht immer sind die Wähler Schuld am Wahlausgang, in Zeiten des “Snackable Contents” muss sich der Journalismus neu erfinden!

Im September stehen die nächsten Bundestagswahlen an und mir graut es jetzt schon. Und zwar nicht nur vor dem Ergebnis, sondern vor allem vor der journalistischen Berichterstattung — aber zwei Beispiele machen Hoffnung.

(Der Artikel erschien original auf Edition F, dem digitalen Zuhause für starke Frauen.)

2016, unser Vorbild für die Bundestagswahlen 2017?

2016 war ein politisch aufregendes Jahr, leider aber auch ein erschreckendes. Aufkommender Rechtspopulismus wohin das Auge schaut … Sicherlich sind die Hintergründe hierfür komplex und reichen weit zurück, ich für meinen Teil aber denke, dass wir den Ausgang von Brexit und US-Wahlkampf größtenteils vor allem einem zu verdanken haben: falsch angegangenen Journalismus. Ein Vorbild für unsere Wahlen im September? Ich hoffe nicht!

Aber leider habe ich das Gefühl, dass wir auf dem besten Weg sind auf das gleiche Elend zuzusteuern wie die Engländer und Amerikaner. Denn 2017 dürfen wir uns darauf freuen, dass diese Bundestagswahl durch zusätzliche Themen angeheizt wird. Darunter: Fake News in sozialen Netzwerken, Echo Chamber und Filterbubble, ein krimineller U-Bahn-Skandal nach dem anderen, perfekt für den aufkommenden AfD-Rechtspopulismus, und ein Flüchtlingsproblem, das eigentlich nur Sündenbock für eine unzureichende deutsche Sicherheitspolitik ist. Umso wichtiger in diesem ganzen Chaos: Bürger sollten sich vor der Wahl selbst informieren und ihre Entscheidungen auf gut recherchierte Fakten stützen, aber können wir das überhaupt noch?


Einmal Nachrichten „to go” bitte!

Theoretisch sollte es ja einfacher als je zuvor sein, sich ausreichend über die aktuelle Weltlage zu informieren. Immer mehr Menschen konsumieren ihre Nachrichten nur noch zwischendurch. Möglich machen das Smartphone oder Tablet. Das Problem hierbei: nur wenige informieren sich dabei noch so ausführlich und tiefgründig über Themen wie früher. Man liest lieber viele kurze Inhalte, „Snackable Content”, Nachrichten in Form kleiner Snacks wie der Name schon sagt. Für den Leser total angenehm, für den Journalisten eventuell weniger Arbeit, für unsere Demokratie eine Katastrophe!

Gefangen in der Filterblase

Leute teilen in Netzwerken vor allem verzerrte, engstirnige und selektive Nachrichten, Theorien und Sichtweisen, da ihr Umfeld hauptsächlich aus Leuten mit ähnlichen Meinungen besteht, entstehen Filterblasen und Meinungs-Echos. Ein Problem, welches gefährlich werden kann:

„Die Studie, die im Journal des Instituts: „Proceedings of the National Academy of Sciences” der USA erschien, untersuchte Daten zu Themen, die Leute zwischen 2010 und 2014 auf Facebook diskutierten. Die Daten wurden in drei Gruppen eingeteilt: Wissenschafts-News, Verschwörungstheorien und Troll-Diskussionen. Obwohl die ganze Welt online erreichbar war, kam die Studie zu dem Schluss, dass Nutzer dazu neigen, sich in geschlossen Interessengruppen zusammenzuschließen. Das führt zur Stärkung der eigenen Meinung und fördert einseitige Bestätigung, Spaltung und Polarisierung.”

Entnommen aus: „Facebook ‘echo chamber’ makes people more narrow-minded — study”. Passend dazu ein weiteres Zitat aus dem Artikel: „Trolling: A New Journalism?”:

„Online-News-Quellen und ihre Foren fördern die schlimmsten Charaktere unserer Gesellschaft, die mittlerweile in den Medien kollektiv als „Trolle” bezeichnet werden, zutage.”

Doch liegt die Schuld daran, dass Fake-News, Trolling, Echo Chamber und Filterbubble (sorry aber bisher scheint es keine deutschen Wörter hierfür zugeben) möglich sind und „postfaktisch” das Wort 2016 geworden ist, allein bei der Unvernunft der Leser, ihrer Faulheit, ihrer Unwissenheit und ihres blinden Vertrauens? Ich würde behaupten nein und denke, der Journalismus und die Medienlandschaft tragen hier mindestens genauso viel Verantwortung!

„Digitale Fehlinformationen sind in den sozialen Medien mittlerweile allgegenwärtig, weshalb sie vom Weltwirtschaftsforum als eine der größten Gefahren für unsere Gesellschaft gelistet wurden.”

Zum Nachlesen: World Economic Forum „How does misinformation spread online?” und „The spreading of misinformation online”.


Steckt der Journalismus in einer Krise?

Es scheint, als wäre nicht klar, welche Rolle und Verantwortung dem Journalismus in einer Demokratie zukommt. Hinzu kommt mein Verdacht, dass die sonst so bunte „Irgendwas-mit-Medien-Welt“ auch 2017 noch nichts so richtig mit der Digitalisierung anfangen kann. Ich bin keine Journalistin (obwohl ich früher immer Karla Kolumna werden wollte) und kann daher nicht beurteilen, ob meine Empfindungen eben nur das sind, ein Gefühl oder es tatsächlich eine Krise gibt. Als eine Bürgerin, die politisch interessiert und selbst aktiv ist, gibt es ein paar Punkte, die mich aktuell ziemlich stören und wütend machen. Liebe Journalisten, seht die Punkte einfach als Augenöffner, Wahlergebnisse nicht nur immer auf die Dummheit der Menschen zu schieben und als Inspiration vielleicht auch mal über das Gehen neuer Wege nachzudenken. Ich für meinen Teil finde es im Moment super frustrierend mich überhaupt zu informieren.

Versuch 1: Ich informiere mich online

Viele Magazine, die ich früher gerne online gelesen und bei Facebook abonniert habe, sind mittlerweile eher damit beschäftigt Likes einzusammeln oder Lifestyle-Artikel zu posten statt guten Journalismus zu betreiben. Doch, selbst wenn ich einen spannend klingenden Artikel in meinem Feed entdecke, heißt das nicht, das ich ihn auch lesen kann. Denn, entweder ich verfüge nicht über das Online-Abo von genau dieser Zeitung oder aber statt eines Artikels versteckt sich dahinter ein Video.

Statt gut recherchierter Artikel mit harten Fakten und ehrlichen Bildern, scheint das Netz nur noch mit selbstverliebten Journalismus-Bloggern, How-To-Artikeln und 10-Dinge-die-du-Artikeln und -Galerien voll zu sein.

Versuch 2: Ich informiere mich offline

In der Offline-Welt sieht es leider auch nicht viel besser aus. Ich bin es leid, dass selbst für die großen, seriösen Zeitungen Schlagzeilen und Aufmerksamkeitmittlerweile wichtiger sind, als breite Berichterstattung und zugleich tiefe, ehrliche Recherchen. Für viele Deutsche sind Boulevardblätter wie die Bild leider ihre einzige Nachrichtenquelle, denn diese bringen von allem ein bisschen und das auch noch in bunt. Ich bezweifle aber, dass das im Sinne eines humanistischen und aufgeklärten Bildungsideals und damit eine gute Grundlage für eine funktionierende und gesunde demokratische Gesellschaft ist.

Gott sei dank gibt es ab und an ja doch noch ein paar gute Dokumentationen. Ich für meinen Teil finde z.B. das ZDF Auslandsjournal oft sehr spannend. Hierfür zahle ich gerne die GEZ. Aber auch darum muss ich wohl bald bangen.


Die Medienlandschaft ist unübersichtlich, aber die Inhalte sind doch gut, oder?

Klar, es muss zwischen einfachen Nachrichten und anspruchsvollerem Journalismus unterschieden werden, je mit anderem Zweck und anderen Zielgruppen. Dennoch frage ich mich immer öfter, wie die Priorisierung in den Nachrichtenredaktionen zustandekommen und welche Absichten die Medien mit ihrer Berichterstattung überhaupt haben. Wieso z.B. lese ich so oft (außerhalb meiner Lokalzeitung) von Autounfällen auf der A 100, erfahre aber nicht, dass in Afrika 150 Menschen von einer Terrormiliz getötet wurden? Dabei sollte die Frage hier natürlich nicht sein, welche Tragödie die Wichtigere ist, um darüber zu berichten, sondern eher die Fragen aufwerfen, wozu führt die Berichterstattung, welches Ziel hat sie, was soll sie beim Leser auslösen, worüber soll sie den Leser aufklären?

Vom Journalismus und den Medien, deren Hauptaufgabe es ist solche Ereignisse zu verarbeiten, erwarte ich, dass sie diese reflektieren, Hintergrundinformationen geben, es in einen Kontext stellen, Verbindungen herstellen und nicht primär nur Schreckensmeldungen verbreiten. Jede Nachricht die man liest, prägt einen Leser.


Es braucht eine Debatte über die Rolle des Journalismus, vor allem aber neue innovative Konzepte!

Wirtschaftlich betrachtet steckt der Journalismus schon seit Jahren in der Krise. Warum tun sich Journalismus und Medienbranche so schwer selbst mit neuen, innovativen Geschäftsmodellen oder Technologien um die Ecke zu kommen?

Neben der digitalen Welt gibt es aber auch offline viel Innovationspotenzial, warum haben die meisten Zeitungen noch immer ein Design wie vor 100 Jahren? Dazu kommt Wetter, Politik, Wirtschaft, Technik, Sport und das Horosokop … so oder so ähnlich ist jede Zeitung aufgebaut. Vielleicht brauchen wir das aber alles gar nicht mehr? Vielleicht brauchen wir Zeitungen, die Best-Practices zeigen, Vorbilder vorstellen, Dinge, die gut in unserer Welt laufen, Artikel, die nicht Angst und Schrecken verbreiten, die nicht belehren, sondern Inspiration geben, aufklären. Artikel, die nicht urteilen, sondern Hintergründe verständlich machen.

Neue Ideen für den Journalismus

Immerhin, es scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Neue journalistische Konzepte wie perspective-daily mit dem Ziel zu:

„Zeigen, wie die Welt heute ist und morgen schon sein könnte. Wir schreiben Artikel mit Blick nach vorn. Uns reicht es nicht, nur über Probleme zu berichten, sondern wir fragen täglich: Wie können wir helfen, es besser zu machen?“

Alternativ kann man sich auf der Seite Piqd.de Artikel zukommen lassen, die vorher von Kuratoren (ausgewählten Experten) gelesen und kommentiert wurden. Und auch Edition F selbst kann hier als Vorreiter gelten. Ehrliche Einblicke von Lesern, Artikel über Fehlgeburten, Abtreibungen, endlich spricht mal jemand drüber! Dafür liebe ich das Magazin! Aber, in Deutschland gibt es mehr Frauen, als nur die studierte Managerin oder die erfolgreiche Entrepreuneurin und auch die müssen erreicht werden. Es gibt nämlich genauso auch die täglich überforderte Dreifach-Mama, die leider keine Zeit hat die Lifestyle-Tipps in ihr Leben zu integrieren und Menschen, die kein Geld haben für Superfood und die neusten Modetrends. Wie also erreichen wir diese Menschen? Sollten Journalisten nicht den Anspruch haben, jeden so gut es geht zu erreichen und zu informieren?

Als Zukunftsforscher kann ich mir ein solches Gemecker übrigens erlauben, schließlich sollen wir ja helfen zu sagen, was die Zukunft so bringt. Denkbar wäre eine Vision des Journalismus, der es schafft, seriöse und unabhängige Nachrichten, lesbar für jedermann, wieder in den Vordergrund zu stellen durchaus. Und ja, wie auch jede andere Industrie ist der Journalismus nicht gefreit von externen Bedrohungen, digitalen Veränderungen und einem neuen Konsumenten. Nur sind die Konsequenzen hier ein wenig drastischer. Denn drohen hier nicht nur Insolvenzen und Arbeitslose, sondern vor allem Gefahren für die Demokratie!