Identität statt Zensur

Das Internet ist kaputt. Es hat einen grundsätzlichen Fehler: Es ist ein Raum, in dem der Default Anonymität ist.

Mit dieser Meinung stehe ich wahrscheinlich recht einsam da. Doch je älter das Internet wird, je weiter es sich ausbreitet, desto mehr komme ich zu der Überzeugung.

Sicher, die Gründungsidee war eine andere. An der Hoffnung, dass solch ein Raum kaum anders kann, als Positives zu bewirken, ist nichts Falsches. Doch auch der größte Idealismus ist nicht davor gefeit, eines Besseren belehrt zu werden. Beseelt zu sein, ist kein Garant für Erfolg.

Gerade habe ich über Googles wohlmeinenden Versuch gelesen, die Verbreitung von Fehlinformationen usw. zu behindern. Und auch Social Media Unternehmen wie Twitter oder Facebook haben sich ja schon auf die eine oder andere Weise darum mehr oder weniger bemüht.

Wer will denn auch bewusst fake news, Hasstiraden und Getrolle ausgesetzt sein? Ich kenne niemanden, der so etwas lesen/hören/erfahren will. Aber es gibt genügend Menschen, die so etwas produzieren, auch wenn es dafür keine bewusste Nachfrage gibt.

Wenn man sich dann als Empfänger (oder Opfer) von fake news, Hasstiraden und Getrolle empfindet, ist es nur natürlich, die Medien, über die sie verbreitet werden, in die Pflicht nehmen zu wollen. Sollen die sich darum kümmern, dieses Rauschen, nein, diesen Lärm zu unterdrücken.

Doch das ist eben — wie der Artikel wieder deutlich macht — nichts anderes als Zensur. Wo wir uns belästigt fühlen, wollen wir die Zensur, an anderer Stelle aber nicht? Das klingt nicht nach einem Modell, das wirklich auf Dauer funktioniert. Ganz davon zu schweigen, dass die Zensur eben von einer Instanz ausgeübt wird, über die ebenfalls keine Kontrolle gegeben ist. Was, wenn deren Kriterien nicht meinen entsprechen?

Letztlich lohnt die Diskussion über Zensur jedoch nicht, finde ich. Wer darf zensieren? Nach welchen Kriterien soll zensiert werden? Gibt es Mitspracherecht? All das ist Gerede am Wurzelproblem vorbei. Es nimmt eine Grundeigenschaft des Internet als unwandelbar an, die letztlich jedoch auch nur willkürlich ist. Um die herum soll eine Lösung gestrickt werden, um die aus ihr resultierenden Probleme zu beheben.

So wird aber keine Ruhe einkehren. Denn die Grundeigenschaft, die ich meine, scheint mir tatsächlich widernatürlich. Sie entspricht nicht der Welt, in der der Mensch sich biologisch und gesellschaftlich entwickelt hat.

Diese Grundeigenschaft des Internet ist die darin herrschende Anonymität. Sie ist die Regel, für die nur gelegentlich eine Ausnahme geduldet wird: wenn es ums Geld geht.

Beim Geld hört der anonyme Spaß auf. Amazon, eBay, Netflix, booking.com, Spotify kennen ihre zahlenden Nutzer. Kein Kauf ohne Kreditkarte oder Kontonummer. Anonymes Geld hat sich im Internet auch nach mehr als 20 Jahren immer noch nicht durchgesetzt.

Doch ansonsten… Wer nicht kauft, muss seine Identität nicht preisgeben. Social Media Nutzer, Zeitungsleser, Forenbesucher… niemand muss sich mit einer realweltlichen Identität anmelden. Wer hätte nicht mehrere Email-Adressen, die auch ohne Identitätsnachweis an jeder Ecke zu bekommen sind, um auch noch die letzte Spur zu vertuschen?

Das klingt erstmal nach einer schönen Welt. Mit Anonymität kann man sich unliebsamer Verfolgung z.B. durch Spam entziehen. Verkäufer, die einem auf den Pelz rücken und immer mehr erfahren wollen, als wie wir verraten wollen, da wir uns doch einfach nur mal umschauen wollen, sind ja auch eine Pest. Dito mehr oder weniger offizielle Institutionen, die uns “nur” beobachten möchten.

Volkszählung? Nein, danke! Ebenso: Identität im Internet? Nein, danke! Schon aus Prinzip.

Klar, kann man sich wünschen, kann man sogar so machen — doch dann ist es halt womöglich Kacke.

Erstens: Die Anonymität existiert ja nur auf den naiven Blick. Die Betreiber, die heute zensieren sollen, was uns verärgert, wissen auch ohne Kreditkarten oder Kontodaten, wer wir sind. Das Tracking durch Ad-Netzwerke und Social Media ist sehr engmaschig.

Zweitens: Wir mögen ein noch so positives Menschenbild haben, das real existierende Internet zeigt uns jedoch, wie Menschen de facto handeln, wenn sie anonym zumindest den Empfängern ihrer Botschaften gegenüber fühlen. Wehe, wenn sie losgelassen!

Menschen sind eben nicht einfach “gut” oder “schlecht”. Sie sind, was die Interaktionen mit anderen unter mehr oder weniger Identität aus ihnen machen.

Identität bedeutet hier für mich: “Satisfaktionsfähigkeit”. Identität ist, wenn man etwas zu verlieren hat. Nur mit Identität hat man skin in the game.

Skin in the game ist eine schöne Beschreibung im Englischen, finde ich. Sie drückt für mich sehr knapp aus, dass es eine Feedbackschleife gibt. Die Ergebnisse des eigenen Handelns wirken auf den Handelnden zurück — im Guten wie im Schlechten.

Menschen verhalten sich einfach anders, wenn sie befürchten müssen, dass ihr Handeln negative Auswirkungen auf sie selbst haben könnte. Skin in the game wirkt insofern dämpfend. Ausschläge (auch im wahrsten Sinn des Wortes) fallen bei Handlungen weniger extrem aus, als wenn Folgenlosigkeit angenommen werden darf.

In der bisherigen Menschheitsgeschichte sind sich Menschen vor allem mit skin in the game begegnet. Sie konnten nicht anders. Das hat ihre Umgangsformen, ihre Gesetze geprägt. Wer sich körperlich anderen nähert, hat wortwörtlich skin in the game.

Dass ein Gegenüber — körperlich anwesend oder vermittels eines Mediums — letztlich meistens identifizierbar war, hat dabei ein Grundvertrauen gestiftet.

Natürlich war das nicht immer gerechtfertigt. Auch in grundsätzlich identitätsbasierten Gesellschaften gibt es Menschen, die glauben, sie könnten sich den Konsequenzen resultierend aus negativen Auswirkungen ihrer Handlungen für andere folgenlos entziehen. Legislative und Executive gibt es nicht umsonst. Zusammenleben will geregelt werden.

Doch wie immer auch Regelung aussieht, sie hat als Voraussetzung die Möglichkeit, Verstöße zu ahnden. Ein durch Regelverletzung Geschädigter kann Wiedergutmachung oder zumindest Zufriedenstellung verlangen, weil der Schädiger eine Identität hat, deren Verhalten dafür eingeschränkt werden kann.

Und genau das ist in weiten Teilen des hellen, nicht einmal dunklen Internets nicht gegeben. Wer die fake news in die Welt setzt, wer der Troll ist, wer die erfundenen Buchrezensionen schreibt… das ist unbekannt.

Zwar sind Identitäten am Werk, doch die sind virtuell. Sie lassen sich ohne Aufwand in großer Zahl herstellen. Sie lassen sich sogar automatisch mit Leben füllen.

Solche Virtualität bedeutet: kein skin in the game. Wird eine virtuelle Identität zur Rechenschaft gezogen, mag sie Schaden erleiden durch Verbannung aus einer Gemeinschaft. Doch ihr haftet ansonsten ja nichts an. Es gibt niemanden, der dadurch etwas erleiden würde. Aufwandsfrei kann die nächste virtuelle Identität generiert werden, um mit Verstößen gegen mehr oder weniger explizite Übereinkünfte fortzufahren.

Anonymität bedeutet ganz fundamental Folgenlosigkeit. Das ist ihr Zweck. Und das macht auch in bestimmten Zusammenhängen Sinn. Doch die scheinen mir die Ausnahme.

Wie sich nun zeigt, ist der Default Anonymität mittel- bis langfristig kontraproduktiv. Er zerstört die Grundlage jeder Gemeinschaft: Vertrauen. Oder er macht es zumindest viel aufwändiger, Vertrauen entstehen zu lassen und zu erhalten. Insofern ist Anonymität kostenintensiv. Die Frage muss erlaubt sein, ob ihre Kosten den Nutzen rechtfertigen.

Für mich neigt sich die Waagschale immer weiter zu Ungunsten des derzeitigen Defaults. Ich finde die Anonymität aufwändig, teuer, nervig. Kompensationsstrategien für ihre Auswüchse nehmen jeden Tag mehr Raum ein. Welchen Artikeln im Internet kann ich noch trauen? Welcher Rezension bei Amazon? Welchem Tweet? Lohnt sich noch die Lektüre der Kommentare zu einem etwas kontroversen Thema?

Überall die realweltliche Identität preisgeben zu müssen, ist sicherlich keine Alternative. Das wäre genauso widernatürlich. Im Alltag haben wir die Kontrolle darüber, wie weit wir unsere Identität jemandem gegenüber enthüllen. Allerdings begegnen wir uns meistens mit einer “Grundidentität” qua Körperlichkeit. Schon das lässt die meisten meistens zurückhaltend reagieren.

Wir können darauf aufbauend dann unsere Interaktionen abstimmen und Kontakte filtern, je nach dem, welches Bedürfnis wir nach Vertrauen und Nähe unseren Interaktionspartnern gegenüber wir haben.

Wie wäre es, wenn wir das Internet darauf umstellen würden? Neuer Default: Identität.

Ich habe keinen Masterplan dafür in der Tasche und weiß nicht, wie die Technologien dafür aussehen müssen. Doch ich stelle es mir vor wie in der Realität: Wenn wir uns im Internet begegnen, dann zunächst immer mit einer “Grundidentität” ausgestattet.

Das bedeutet nicht, dass wir sofort Name, Adresse, Gesicht unserer Gegenüber sehen. Dennoch wäre klar, dass wir es mit Entitäten zu tun haben, die in irgendeiner Weise skin in the game haben.

Oder wenn nicht, wenn uns ein Bot gegenübersteht, dann wäre das auch klar. Es ist ja nichts gegen Bots einzuwenden, wenn man erkennt, dass es sich um solche handelt.

So habe auch ich also meine Vision: ein besseres Internet durch Feedbackschleifen. Wer sich dort bewegt, muss Konsequenzen gewärtigen. Wie im Alltag auch, wo wir uns in der U-Bahn, im Kaufhaus, im Wartezimmer des Arztes nicht beliebig entblößen, herumpöbeln oder gar handgreiflich werden.

Ist der Mensch von Hause auf “gut” oder “schlecht”? Ich weiß es nicht. Doch ich glaube fest daran, dass ihn Feedback, dass ihn Konsequenzen formen. Wo er sich konsequenzfrei bewegen kann, fehlt ihm daher eine wesentliche Zutat zu seiner Entwicklung. Das gilt für Manager oder Politiker, die letztlich konsequenzlos über Finanzen und Menschen entscheiden. Das gilt für Bürger, die sich in online Foren herumtrollen oder Bots auf den Weg schicken, um ganze Nationen zu verwirren.

Nicht mehr und mehr Zensur führt aus zunehmendem Kommunikationsmüll heraus, sondern die irgendwie geartete Einführung von kostbaren Identitäten in Feedbackschleifen, die man nicht leichtfertig aufs Spiel setzt.

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