Endlich auf Reisen

24 April 2005

Es ist Sonntag morgen in Caracas, ich bin in einem Café nahe meines Hostels, direkt an der Straße, es ist es ruhig und ich sitze nur da und beobachte. An diesem Tag sind hauptsächlich Männer zu sehen, Männer in Kleidung, als würden sie die schon jahrzehntelang tragen, Kleidung, die an ihrem Körper hängt, als wäre sie ein Teil davon. Sie sitzen stumm an den Tischen und spielen Schach, armselige Kreaturen.

Die wenigsten von ihnen trinken oder essen etwas, ich muss dem Kellner winken, denn er würde nicht von sich aus auf mich aufmerksam werden, oder er ignoriert mich einfach. Die Armut dringt förmlich von der Straße ohne Hemmung in den Gastgarten, der von jedem benützt werden kann, ob er etwas konsumiert, oder nicht. Der Besitzer hat Verständnis, wenn jemand keine Münzen mehr hat, um sich eine Tasse Kaffee zu kaufen und einfach nur sitzen und beobachten will.


Auf der Stiege am Eingang des Cafés sitzen im warmen Licht der Morgensonne zwei Männer, sie teilen sich den Inhalt der Zeitung „Ultimas Noticias“; hin und wieder wechseln sie ein paar Worte. Neben meinem Stuhl liegen zwei Hühner am Boden, umwickelt mit einem schwarzen Plastiksack, nur die Köpfe und die zusammengebundenen Beine ragen heraus, hoffnungsloses gackern sie traurig. Sie gehören einem Mann am Tisch neben mir, er isst Empenadas, das sind mit Fleisch oder Käse gefüllte Teigtaschen, üblicherweise werden sie am morgen hier in den Straßen und an den Ecken verkauft, von Verkäufern mit Glasvitrinen wie Aquariums, oder auf kleinen Wagen mit Rädern. Meist haben sie auch einen Kübel dabei, daraus schöpfen sie Fruchtsaft, oder manchmal auch ein heißes Getränk, das wie Milchreis schmeckt.


An der gegenüberliegenden Straßenecke sehe ich Obdachlose, sie durchwühlen einen Müllcontainer, alles Brauchbare verstauen sie in große schwarze Säcke. Zwei von ihnen liegen am Gehsteig in der Sonne.

Ohne dem Markt ist die Straße leer gefegt und friedlich, gespenstisch.

Der Kaffee schmeckt nach Chlortabletten, und nicht nach südamerikanischen Kaffeebohnen.

Ich trinke einen Schluck und schreibe ein paar Notizen in mein Heft.

Auszug aus meinem Buch: 270 und ein Tag Südamerika

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