Audi Connect 2017 — Review eines Designers

Es ist 2017 und mein Auto spricht immer noch kryptisch zu mir.

Seit Jahren hören wir, dass die Zahlen der Neuzulassungen von PKWs zurückgehen und Carsharing Dienste wie DriveNow, car2go oder Uber immer populärer werden, richtig?!

Trotzdem startete ich ein Experiment und ich habe die DriveNow App gegen ein eigenes Auto mit Internetanschluss eingetauscht.

Ich hatte so große Hoffnung, als ich mich für fast alle Zusatzoptionen bei der Neuwagen-Konfiguration entschieden habe. Assistenz-, Technologie- und Konnektivitätspakete soweit das Auge auf der Aufpreisliste blicken konnte.

Ich habe an mir die selbe Beobachtung gemacht, wie sie immer mehr Neuwagenkäufer machen: Faktoren wie Perfomance oder Komfort werden zu Hygienefaktoren und auch die Markenloyalität musste in diesem Fall hinten anstehen. Der Kaufentscheid fiel auf Grund der gewünschten Konnektivität des Fahrzeuges.

Als Designer für digitale Produkte und Services – im Automobilbereich beim Produkt Studio Goodpatch – hab ich natürlich einen sehr kritischen Blick auf die User Experience und das Human Machine Interface (HMI). Hier also meine Bilanz der ersten Wochen mit einem „Connected Car“. Für diesen Post beschreibe ich meine eigene kleine User Journey und wie ich die verschiedenen Touchpoints mit dem Auto während meines Alltags erfahre.

Die Smartphone App als Erstkontakt zum Auto

Noch vor dem Kauf geht es mit dem Download verschiedener Apps los. Nur welche? Der AppStore (bzw. Google PlayStore) ist voll mit sinnvollen und sinnfreien Anwendungen für smarte Fahrzeuge. Zeitweise haben es drei Apps auf mein Gerät geschafft.

Eine Auswahl an Suchergebnissen zu „Audi“ im AppStore.

Der fehlende Demo-Mode und umständliche Registrierungsprozesse schocken mich (erschreckender weise) nicht mehr bei Smartphone Apps. Aber auch danach kann ich die Services nicht wirklich erleben und ausprobieren, weil ich noch kein Auto zum Account hinzufügen kann. Die Spannung steigt also weiterhin und noch kann ich die Erwartung unter Vorfreude verbuchen.

Nach der Fahrzeugübergabe steht also der „Pairing Prozess“ an – die Synchronisierung von Smartphone und Auto. Die Eingabe von langen Zahlencodes und Verifizierungsprozessen schmälert erstmals das berauschende Gefühl von meinen performanten Neuwagen.

Ich schildere jetzt nicht den gänzlichen Prozess der Anmeldung und Verbindung zu „MyAudi“ um Fahrzeug, Smartphone und Service-Seite zu verknüpfen. Exemplarisch nur mal die Synchronisierung von Auto und Smartphone:

Ja, der VIN-Code ist ein eindeutiges Identifikationsmerkmal von meinem Auto, aber eine animierte Grafik im HMI in Verbindung mit der Kamera im Smartphone würden da eine freundlichere Lösung für den User schaffen – die AppleWatch hat es 2015 gut vorgemacht.

Fahrzeug und App werden via VIN Code synchronisiert und verbunden.
Benutzerfreundliche Synchronisierung mit Kamera und Animation auf der Smartwatch.

Connected Services – der alltägliche Umgang

Kommen wir zum Kern der Konnektivität meines KFZs. Service-Dienstleistungen die meinen Alltag mit dem Auto leichter und sicherer machen sollen.

Die konkrete Auflistung der Dienste verspricht viel, auch wenn man ein paar Features von vornherein getrost ausblenden kann. Ich weiß zum Beispiel nicht, wer den Marketingdeal mit Napster als Streamingpartner gemacht hat, aber ich kann mir schon denken, dass das lange in trockenen Tüchern war, bevor spotify oder andere populäre Dienste das Streaminggeschäft dominierten.

Ich freute mich auf ein paar bestimmte Features wie Fernsteuerung zum Ver-und Entriegeln, Temperaturkontrolle, Parkposition und Fahrzeugstatusreport.

Der Tap „Fahrzeug“ ist zur Zeit nur für das Modell Q7 und A4 verfügbar — nicht für den A3 von 2017.

Um es kurz zu machen; viele dieser Serivces sind nur im A4 und Q7 verfügbar — nicht in meinem A3 der ebenfalls 2017 vom Band rollte. Hier wird wohl mit zweierlei Backend und Technologien jongliert. Kenn ich von anderen Herstellern auch, bleibt aber trotzdem enttäuschend für den User.

Viele andere gepriesene Services sind vorhanden, aber bieten eine User Experience, die nach einem Jahrzehnt mit Smartphones nicht wirklich ausgereift und benutzerfreundlich scheint. Es werden Verkehrsinformationen, Picturebook Navigation, Kalender und Webradio groß insziniert und bieten (für meine Bedürfnisse) nicht die gewünschte Alltagserleichterung.

Wie wäre es mit einer Benachrichtigung und Terminvorgabe (z.B. mit einem Chatbot), wenn ein Wartungsservice ansteht? Oder dem Wissen, dass mein Auto Wochentags um 08:00 Uhr wohltemperiert bereit steht — Sommer und Winter?!

Ich arbeite als Designer an Produkten mit vergleichbaren Funktionen und erkenne daher die Absicht und Anforderungen an die App. Ich habe es erlebt, dass Produkte ihren ambitionierten Nutzer-Zentrierten-Ansatz opfern mussten und zu einer Anreihung von technisch-machbaren und marketing-getriebenen Features verkümmerten.

Zwei Audi Apps, zwei Ansätze — ohne Konsens im UX oder UI.
Im Vergleich zwei Facebook Apps — hier findet man ähnliche Design-Prinzipien und Muster.

Dabei rede ich noch nicht einmal vom Interface, welches weder mit den On-Board Displays noch mit irgendwelchen nativen Plattform Guidelines von Apple oder Google konsistent ist.

Das User Interface der Audi Connect App — zeitgemäß sieht anders aus.

In-car Infotainment und Sprachsteuerung

Das Multimedia- und Kommunikationssystem im Audi A3 war mir von der Vorstellung und weiteren Hands-on Videos bekannt. Als Carsharing Kunde bat sich mir im Vorfeld allerdings kein Audi Service für einen Selbsttest.

Der erste Eindruck: Die Displays ohne „Touch“, dafür eine Bedienung an die Hand-Auge-Position des Fahrers angepasst, passt soweit, nur ist sie eben gewöhnungsbedürftig.

Audi’s Testgerüst gefüllt mit Komponenten für das Fahrzeug – inklusive „Virtual Cockpit“, Lautsprecher und das zentrale Bedienelement. Quelle: The Verge

Hauptmenü, untergeordnetes Menü links, Optionen rechts und separate Einstellungen nochmal etwas mehr verschachtelt platziert — das sind ganz schön viele Hierachien, die ich zu erlernen habe. Natürlich wachsen solche Systeme über die Jahre und es ist nicht einfach all die Assistenz- und Technologiesysteme in eine Struktur zu bringen. Aber es ist schon sehr komplex.

Das „MMI Navigation plus“ und das optinale „Virtual Cockpit“ sind der letztendliche Berührungspunkt des Users mit der Maschine. Eine intuitive Benutzung — vorallem während der Fahrt — ist absolut notwendig.

Audi sagt von sich und dem neuen A8 (Vorstellung Juli 2017): „Das Audi MMI hat die Nutzerführung revolutioniert. Es steht für intuitive Klarheit und außergewöhnliche sensorische Qualität.“

Cluster, Lenkrad-Bedienung, HMI Displays, Knöpfe und Schalter —Interaktions-Elemente in Audi’s Flaggschiff A8 von 2017. Quelle

Mir scheint, dass diese Generation an HMI an seine Grenzen stößt und Probleme auch nicht gelöst werden, wenn die neue Generation auf einmal „Touch“ kann. Auch wenn Audi etwas anderes verspricht. Es braucht viel eher fehlerfreie Sprachsteuerung und intelligentes Machine Learning.

Gerade wenn ich manche Assistenzeinstellungen nur einmalig vornehme, möchte ich das als Voreinstellung bereits vermerkt haben oder zumindest nur im entscheidenden Moment in Kenntnis gesetzt werden – Simplifizierung ist das Stichwort.

Kein Cluster, limitierte Lenkrad-Bedienung und ein 15-inch Display — that’s it im Tesla Model 3. Quelle

Apple CarPlay und Android Auto im IVI

Dieser Bereich des IVI kann auch eine große Spielwiese für Produkt Designer und Entwickler sein.

Große Softwarefirmen versuchen sich in diesem Metier, in dem Andere seit Jahren arbeiten. Aber auch diese Unternehmen fischen im Trüben was das HMI der Zukunft angeht. Zumindest trauen sie sich nicht weitreichende neue Ansätze zu präsentieren.

Wir sollten uns nicht darauf verlassen, die Lösung aus „dem Valley“ zu bekommen. Dann wäre es nämlich auch vorbei mit der Wirtschaftskraft durch die Automobilindustrie in Deutschland. Ich bin ein Freund von Open-Source und begrüße die Zusammenarbeit verschiedener Kompetenzen aber die Zeichen der Zeit deuten meiner Meinung nach Abhängigkeit an.

iOS 10 Apple CarPlay

Das Traditionsgeschäft und die Kernkompetenz

Komfort und Verarbeitung – hier liegt nach wie vor die Kompetenz der deutschen Automobilindustrie. Themen wie Spaltmaße und Türschließ-geräusche sind zu den vorrangigen Parametern der Qualitätskontrolle gewachsen.

Ernüchtert, wenn man betrachtet wie erweiternde Produkte (beispielsweise Apps) viele Qualitätsmaßstäbe im digitalen Bereich verfehlen. Dabei beziehe ich mich nicht ausschließlich auf die getesteten Applikationen. Aber ich glaube trotzdem an die Vision, dass die großen Veränderungen im Automobilbereich mit den deutschen Autofirmen stattfinden kann – wenn die digitale Kompetenz aufgebaut und das nutzerzentrierte Denken verinnerlicht ist.

Mir ist bewusst, wie die Autoindustrie Jahrzehnte lang komplexe Produkte (Hardware) entwickelt hat und dass diese Strukturen nicht über Nacht zu ändern sind.

Vom Kundenbedürfnis an den Händler vor Ort – zu dem Hersteller an das betreffende Team – zu den Zulieferern in die Herstellung und zurück auf den Markt. Gut zehn Jahre können für diesen Vorgang im „Stille Post“-Prinzip vergehen. Wie kann man darauf reagieren, wo Software doch heute in wenigen Monaten entwickelt und vertrieben wird?!

Mein MMI ist (wie gerade geschildert) gut zehn Jahre alt. 2007 habe ich die erste iPhone-Keynote gesehen, wusste aber nicht, dass ich dieses Gerät in der neunten Generation mit meinem Auto vernetzen möchte. Insofern ist klar, dass die Smartphone Integration ein Lückenfüller zu sein scheint. Hersteller (wie Tesla) die in vielen Bereichen bei Null starten, können ihre Systeme natürlich ganz anders aufbauen.

„Autohersteller bauen bis heute Hardware, das Auto der Zukunft ist aber ein Stück Software.“

Vom Automobil zu „Mobility Services“

Viele Zukunfsszenarien rund um das Auto kreieren ein Bild, indem nicht das Auto sondern diverse Services im Mittelpunkt stehen. Noch besser wäre es, den Nutzer in den Mittelpunkt zu stellen.

Mein Neuwagen im Jahr 2017 ist leider noch nicht da, wo ich ihn erwartet hätte. Er ist spärlich „connected“ und versteht meine Wünsche selten. Man merkt den digitalen Komponenten an, dass sie nicht mit der schnellen Entwicklung im Tech-Sektor mithalten können.

Trotzdem bewahre ich mir die Hoffnung und male mir ein eigenes nutzer-zentriertes Bild von der Zukunft. Vielleicht war es mein erster und letzter Neuwagen, vielleicht ist mein nächstes Auto aber auch autonom und ich teile es mir mit Anderen in meiner Stadt?!

Ich bin froh genau jetzt beim Umbruch der Industrie dabei zu sein. Heute fragen wir uns, wie wir vor zehn Jahren ohne Smartphone kommuniziert haben. Wie cool wäre es, wenn meine Tochter mich in 10 Jahren fragt: „Papa, was ist ein Dieselgipfel und stimmt es, dass ihr früher selber bremsen und lenken musstet?“

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