Coronavirus in Deutschland: Was bedeutet das für Selbstständige, wo gibt es Hilfe und was kann man selbst tun?

++Updates und alle aktuellen Infos auf https://www.selbstwasmachen.com — eine Initiative der Kontist Stiftung

Catharina Bruns
Mar 17, 2020 · 8 min read
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Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen.

Der Umgang mit COVID-19 bestimmt den Alltag in den Ländern Europas und der Welt. Um den negativen wirtschaftlichen und teils existenziellen Auswirkungen auf Unternehmen und Beschäftigte entgegenzutreten, hat die Bundesregierung ein umfassendes Maßnahmenpaket verabschiedet.

Erfreulich ist, dass auch wir Selbstständige und Freiberufler*innen Förderung durch die Programme der KfW und Landesförderinstitute erhalten können.

Wer jetzt betroffen ist, wird schon versucht haben sich im Netz mit Infos zu versorgen — die Flut an Informationen schafft aber bisher für den Einzelnen nicht immer Klarheit. Viele Selbstständige berichten mir, dass die offiziellen Anlaufstellen überlastet sind — das Land ist im Ausnahmezustand.

Der erste Wurf eines Maßnahmenpakets war gut — aber für Selbstständige nicht ausreichend.

Die staatlichen Hilfen umfassen günstige KfW-Kreditbedingungen und steuerliche Liquiditätshilfen, Stundungen und Bürgschaften, sowie zusätzliche „Sonderprogramme“ bei der KfW.

Über geltende Sofortmaßnahmen kann man sich hier informieren:

Neben Finanz- und Wirtschaftsministern Olaf Scholz (SPD) und Peter Altmaier (CDU), stellt sich auch die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hinter die in ihrem Zuständigkeitsbereich angesiedelten Selbstständigen: „Künstler und Kultureinrichtungen können sich darauf verlassen, gerade mit Blick auf die Lebenssituationen und Produktionsbedingungen der Kultur-, Kreativ- und Medienbranche: Ich lasse sie nicht im Stich!“ so Grütters. Man müsse „auf unverschuldete Notlagen und Härtefälle reagieren“. (Quelle PM 89, vom 11.03.2020)

In Berlin hat Wirtschaftssenatorin Ramona Popp (Bündnis90/Die Grünen) für Berliner Selbstständige, die durch die Auswirkungen des Virus in wirtschaftliche Notlagen geraten, zusätzliche finanzielle Hilfe über einen Notfall-Fonds zugesichert: „Dafür solle ein Fonds mit einem Volumen von 100 Millionen Euro eingerichtet werden […]. Für Kleingewerbe solle es außerdem einen Härtefallfonds geben.“ (Quelle: rbb.de, 13.03.2020)

Auch MdB Johannes Vogel von den Freien Demokraten hat sich im Bundestag bereits zu unserer speziellen Gruppe geäußert und fordert ein „Akut-Unterstützungsprogramm für Selbstständige, Freelancer und Kleinunternehmer“.

Quelle: Twitter @johannesvogel

Wir von der Kontist Stiftung haben unter www.selbstwasmachen.com eine Info-Seite (work in progress!) mit Corona-Fakten, praktischen Hilfestellungen und Anlaufstellen für alle, die selbstständig und frei arbeiten, erstellt. Wir sind an der Seite der Selbstständigen und Freiberufler*innen und werden sie durch diese herausfordernde Zeit begleiten. Zu diesem Zweck bieten wir regelmäßig ein virtuelles Forum an. Hier geht es zur Teilnahme.

Die Gespräche und Webinare werden live auch auf der Facebook Seite der Kontist Stiftung und Youtube Kanal gestreamt, wo sie später auch als Aufzeichnung zu sehen sind.

Beispielsweise muss die Vergabe von Krediten auch den Erfordernissen von jenen Selbstständigen und Kleinunternehmer*innen gerecht werden, die unter normalen Umständen nicht als kreditwürdig eingestuft werden.

Und Kredite (Verschuldung) sind wahrlich kein Allheilmittel in einer Krise.

Spürbare Entlastungen bei Steuern und Sozialversicherungen scheinen mir grundsätzlich zielführender. Für uns Selbstständige gilt: Die zu leistenden Beträge bemessen sich nach einem vorangegangenen Geschäftsjahr und bilden daher die Vergangenheit ab und nicht den Status Quo. Das Herabsetzen der laufenden Steuervorauszahlung und Stundung fälliger Steuerzahlungen kann der Hebel sein, um Liquidität zu erhalten. Und darum geht es jetzt.

Die zuständigen Finanzämter müssen jetzt schnell und unbürokratisch weiterhelfen.

Inzwischen hat die Bundesregierung nachgebessert: „Finanzielle Soforthilfen (Zuschüsse) für kleine Unternehmen gelten für alle Wirtschaftsbereiche sowie Solo-Selbständige und Angehörige der Freien Berufe bis zu 10 Beschäftigten. Das Programmvolumen umfasst bis zu 50 Milliarden Euro“ heißt es in der Pressemitteilung des BmWi vom 23.03.2020.

Konkret soll gelten:

  • bis 9000 € Einmalzahlung für 3 Monate bei bis zu 5 Beschäftigten,
  • bis 15.000 € Einmalzahlung für 3 Monate bei bis zu 10 Beschäftigten.

Weiterhin soll der Zugang zur Grundsicherung erleichtert werden, indem für einen festgelegten Zeitraum auf die Vermögensprüfung verzichtet wird. Damit müssten etwaige als Vermögen angesehene Rücklagen und Besitz nicht erst aufgezehrt oder veräußert werden, um die Bezüge zu erhalten. (Hierzu PM BMAS)

Die rasche Reaktion der Politik macht zuversichtlich, dass es für die vielfältigen selbstständigen Lebensentwürfe, Freiberufler*innen und Kleinstunternehmer*innen das passende Verständnis gibt.

Der Gesetzgeber ist aus meiner Sicht jetzt gefragt, schnell die Mindestbemessungsgrenze zur Beitragsermittlung für Selbstständige in der gesetzlichen Krankenkasse auf die Geringfügigkeitsgrenze von 450 Euro zu reduzieren. Und auch das Aussetzen von anderen Pflichtbeiträgen, wie etwa den Beitrag der IHK oder berufsständischen Kammern und die Öffnung der freiwilligen Arbeitslosenversicherung mit fairen Beiträgen für Selbstständige wären hilfreiche Maßnahmen.

Bund und Länder werden viel Geld zur Überbrückung bereitstellen und man darf davon ausgehen, dass die kritische Lage zeitlich begrenzt sein wird.

Wir Selbstständigen rufen nicht oft nach dem Staat. Unternehmerisches Risiko gehört zum selbstständigen Lebensentwurf dazu. Das ist uns auch im Normalbetrieb immer bewusst. Wir wählen diesen Weg nicht aus Sicherheitsgründen, sondern eben oft aus der tiefen Motivation, selbstbestimmt und frei zu arbeiten — mit allen Unsicherheiten und Herausforderungen. Und wenn Selbstständige eines können, dann sich selbst helfen.

Derzeit befinden sich jedoch nicht nur Selbstständige, sondern große Teile der Welt in einer sehr speziellen Lage. Viele werden daher staatliche Unterstützung zur Überbrückung brauchen. Und trotzdem müssen und können wir uns auch selbst helfen.

Selbstständige:

Nicht alles infragestellen und die Nerven bewahren. Bitte bleibt pragmatisch. Angst ist bekanntlich kein guter Ratgeber und nur nach Rettung zu rufen, ohne kreativ zu werden, ist kein Indiz für unternehmerisches Denken und Handeln.

Entrepreneurship beginnt, indem man anfängt, mehr aus dem zu machen, was man schon hat und das ist viel!

  • Stellt, was ihr könnt online zur Verfügung: Schafft ein neues Angebot, gebt euer Fachwissen weiter, lasst euch dafür via Paypal oder Patreon (siehe unten) bezahlen, seid online präsent oder bietet vorübergehend andere Services an, die ihr sonst vielleicht ausgelassen habt und die jetzt anderen helfen würden. Verkauft über Instagram, Facebook etc.
  • Seid umtriebig und resigniert nicht. Aus Krisen schlägt man kein Kapital, aber wenn man zur Beruhigung der Lage etwas beitragen kann, sollte man helfen, wo man kann. Auch wenn man nicht unmittelbar dafür bezahlt wird, ergeben sich vielleicht neue Ideen und zukünftige Geschäftsbeziehungen.
  • Solidarisiert euch mit eurem Netzwerk: Wo kann man sich jetzt gegenseitig unterstützen? Welche Dienste und Services über Social Media Kanäle teilen?
  • Aktiv um fällige Einnahmen kümmern: (Teil-)Rechnungen jetzt stellen, bei Kund*innen um rasche Begleichung bitten. Viele werden derzeit dafür Verständnis haben. Umgekehrt bei den eigenen Ausgaben prüfen, was man zurückstellen, sparen oder stunden kann.

Für alle, die über die Künstlersozialkasse versichert sind:

  • Es besteht zu jeder Zeit die Möglichkeit zur Anpassung des geschätzten Jahresarbeitseinkommens. Wenn es nun unerwartet zu Verdienstausfällen (oder höheren Einnahmen) kommt, kann die Schätzung und damit die Beiträge angepasst werden. Dies funktioniert allerdings nur für die Zukunft und gilt nicht für bereits gezahlte Beiträge. Hier geht’s zum Formular.

Wenn das alles nicht infrage kommt…

…nutzt die Zeit um euer Geschäftskonzept zu schärfen. Sicher kommt es einem unmöglich vor, einer Krise hinterherzureparieren. In einigen Branchen ist derzeit kaum etwas machbar. Aber es bleibt uns nichts anderes übrig, außer unternehmerisch zu denken und etwas aus der Situation zu machen. Besonders wenn man solo arbeitet, kann man sich auch ohne großen Kapitalaufwand in neue Richtungen weiterentwickeln.

  • Schärft euer Geschäftskonzept, macht euch mit Prinzipien des Entrepreneurships vertraut
  • Macht eure Website fit und optimiert sie auf Sichtbarkeit und Verkauf
  • Akquiriert aktiv neue Kooperationspartner und bündelt wo möglich Kräfte
  • Vernetzt euch in Online-Gruppen und über Social Media Kanäle. Sucht die Nähe zu potenziellen Kund*innen und Partnern

Ob selbstständig oder nicht:

  • Unterstützt die Selbstständigen, bei denen ihr ohnehin Kunden seid weiterhin und schaut, ob ihr euren Bedarf nicht auch über kleine Label und selbstständige Anbieter stillen könnt: Wenn Jogastunden, Theaterkarten, Gassi-Service, Friseurtermin oder Catering schon gebucht sind aber ausfallen — wenn ihr könnt, findet einen Weg und solidarisiert euch mit den Menschen, bei denen ihr auch sonst gerne kauft.
  • Werdet kurzfristig alle zu Influencern: Nutzt eure Social Media Accounts und privates Netzwerk um auf die Arbeit von diesen Anbieter*innen hinzuweisen und sie sichtbar zu machen.
  • Zahlt eure Rechnungen rasch. Viele Selbstständige warten ewig auf fällige Zahlungen, trotz abgeschlossener Leistungen.
  • Unterstützt Künstler*innen und Kulturschaffende über die Plattform Patreon. Hier wird erklärt, was das ist, wie das geht und wenn ihr selbst Künstler*in seid, macht euch einen Account, damit man euch Geld senden kann.

In dieser Zeit geraten eben nicht nur ohnehin wackelige Geschäftsmodelle in Schwierigkeiten. Nicht nur, dass man mit einer möglichen Ansteckung (auch naher Verwandter oder Freunde) und Isolation klar kommen muss, sondern plötzlich auch mit wegbrechenden Einnahmen.

Denkt größer, nicht kleiner in dieser herausfordernden Zeit. Diese Durststrecke wird nicht ewig dauern und sobald das Virus im Griff ist und der Alltag zurück, könnt ihr wieder durchstarten.

Wenn all das vorüber ist, dann gehen wir wieder feiern, (Tanzlustbarkeiten!), machen Meet ups, Konferenzen, gehen auf Konzerte und Veranstaltungen und wissen es vielleicht noch besser zu schätzen, was Kunst, Kultur, Community und die Möglichkeiten des Marktes bedeuten.

Die Hilfen durch den Staat darf man an dieser Stelle auch mal anerkennen: Danke an alle Politiker*innen, die sich jetzt auch über unsere Situation Gedanken machen. Ohne die Wirtschaft, Unternehmertum in all seiner Vielfalt, Kunst, Kultur und den vielen Selbstständigen und Mitarbeitenden* läuft nichts. Es ist richtig uns in dieser Ausnahmesituation zu stützen.

Bleibt besonnen und unternehmerisch!

*Vor allem ohne die Mitarbeitenden im Gesundheitswesen und Forschung würde derzeit nichts laufen — ihnen allen gilt besonderer Dank und Anerkennung. Darum geht es nur in diesem Text nicht. Die bessere Bezahlung und Verbesserung der Rahmenbedingungen sollte nicht erst nach der Krise eine Selbstverständlichkeit sein.

++Noch mehr Infos: ++Ständig aktualisiert!

Handelsblatt.com vom 21.03.2020, 13:32 Uhr:
Solo-Selbstständige und kleine Unternehmen sollen bis zu 15.000 Euro Soforthilfe bekommen:
https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/gesetzesentwurf-solo-selbstaendige-und-kleine-unternehmen-sollen-bis-zu-15-000-euro-soforthilfe-erhalten/25668744.html

Zeit.de vom 19. 03. 2020, 18:49 Uhr:
Überblick über die Hilfen, die es schon gibt und die kommen werden für Selbstständige und Unternehmen:
https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2020-03/coronavirus-wirtschaftskrise-deutschland-unternehmen-selbststaendige-hilfe-staat#so-will-der-bund-kleinen-und-mittleren-unternehmen-helfen

spiegel.de vom 19. März 2020:
Bundesregierung will 40 Milliarden Euro für Kleinstunternehmen bereitstellen:
https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/corona-krise-bundesregierung-will-40-milliarden-euro-fuer-kleinstunternehmen-bereitstellen-a-ca1f6b3f-8156-4258-a31b-ff335095c9f2

Hotlines:

Die Hamburg Kreativ Gesellschaft bietet eine Service-Hotline für Kreativschaffende an:

Telefon: +49 40 879 7986–28
Dienstag bis Donnerstag, 14–17 Uhr und Freitags 10–13 Uhr
https://kreativgesellschaft.org

Informationen für Corona-Betroffene über die Hotline des Bundeswirtschaftsministeriums für allgemeine wirtschaftsbezogene Fragen zum Coronavirus:

Telefon: 0 30 18615 1515
Mo– Fr 9:00 bis 17:00 Uhr

Kostenfreie Servicenummer der KfW-Förderbank:

Telefon: 0800 539 9001
Mo– Fr 8:00 bis 18:00 Uhr

Berlin-Partner Hotline für vom Coronavirus betroffene Unternehmen

Telefon +49 30 46302–440
https://www.berlin-partner.de/infothek/coronavirus

Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes: Alle Infos zu Hilfen für Kultur- und Kreativschaffende, inkl. der Angebote auf Länderebene:
https://kreativ-bund.de/corona

Informationen zu Soforthilfen auf den Seiten der zuständigen Ministerien, bzw. Förderbanken:

Für Bayern:
Für Hamburg
Für Schleswig-Holstein
Für Baden-Württemberg
Für Berlin
Für Brandenburg
Für Bremen
Für Hessen
Für Mecklenburg-Vorpommern
Für Niedersachsen
Für Sachsen
Für Nordrhein-Westfalen
Für Saarland
Für Rheinland-Pfalz
Für Thüringen
Für Sachsen-Anhalt

Allgemeine Corona-Infos:

Bundesministerium für Gesundheit (Tagesaktuell): https://www.bundesgesundheitsministerium.de/coronavirus.html

Robert-Koch-Institut: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/nCoV.html

NDR-Info Podcast mit Christan Drosten, dem Leiter der Virologie in der Berliner Charité (sehr erhellend und immer zuversichtlich): https://podcasts.apple.com/at/podcast/das-coronavirus-update-mit-christian-drosten/id1500424869

Im Quarantäne-Fall (für Selbstständige):

Der VGSD e.V. hat alle Infos zusammengetragen, wenn man selbst von Quarantänemaßnahmen betroffen ist und dadurch Verdienstausfälle hat. Das „Gesetz zur Prävention und Bekämpfung von Infektionskrankheiten“ entschädigt auch Selbstständige: https://www.vgsd.de/corona-virus-auch-selbststaendige-und-freiberufler-werden-bei-quarantaene-entschaedigt/

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Hinweis: Eine andere Version dieses Textes ist auf zusätzlich auf meinem Xing-Insider Profil veröffentlicht.

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